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»Der Schlüsselrohstoff unserer Zivilisation - ›Information‹ genannt - lebt von der Verschwendung. Seine Industrie ist mit der Produktion von Folgenlosigkeit beschäftigt. Offensichtlich entspricht sie einem profunden Bedürfnis. Der Konsum soll fortlaufen; die Geschichte aber muß stillstehen. Das ist die Parole der Postmoderne: der Weltgeist, am Ende seiner Dialektik, soll von den gelähmten Füßen wieder auf den Kopf zurückgestellt werden. Der kalte Krieg ist vorbei, der Augenblick soll verweilen - weil er so schön ist? Oder weil jede Fortsetzung nur schrecklich sein kann?«

Adolf Muschg, Uralte Mauern, ganz neu

in: Jean-Christophe Rufin, Das Reich und die neuen Barbaren, Berlin 1993, S. 7f.
 
Vom Winter 1999 bis zum Sommer 2007 erarbeiteten Helmut J. Psotta und Arndt Beck ihren gemeinsamen Foto-Essay Autopsie 2000 Stillstand der Geschichte.

Die Arbeit ist der Versuch, den inneren Zustand der Stadt Berlin und darüber hinaus gesamtdeutsche Zustände in visuellen Metaphern darzustellen und / oder zu interpretieren.

Die Motive des gesamten fotografischen Zyklus´ wurden an gewöhnlichen und ungewöhnlichen, meist öffentlichen Orten innerhalb des gesamten Stadtgebietes gefunden, d.h. nicht manipuliert oder inszeniert, sondern im Objektiv der Kamera höchst subjektiv dokumentiert. Im Laufe der Zeit entstanden in intensiver Suche etwa 10.000 Farbfotografien.

Dieses äußerst umfangreiche Foto-Material dient nun als Grundlage bzw. elementares Bild-Angebot, um im präzisen dialektischen Verfahren definitive Folgen und Themenschwerpunkte für Ausstellungen und Publikationen herauszufiltern.

»Wie sieht das aus?«, fragt der Berliner Kunstwissenschaftler Michael Nungesser in einem Essay zu dieser Arbeit. »Kein steinernes Berlin von gestern, kein gläsernes von heute ist zu sehen, wohl aber Berlin als öffentlicher Raum mit seinen Ecken und Winkeln, Mahnplätzen und Gedenkorten, Schaufenstern und Schaubuden. Berlin als Kulisse und Geschichtsfolie, auf der sich Bilder über Bilder schieben, rücksichtslos, gedankenlos, zufällig, widersprüchlich, widerwärtig.

[] Keine Menschen kommen in den Fotos von Psotta und Beck vor, wenigsten keine aus Fleisch und Blut, dafür aus Bronze und farbig bedrucktem Papier. Es sind die entscheidenden visuellen Elemente ihrer Berlin-Autopsie: Geschichtsmonumente und Bildreklame, Gedenkstätten und Plakate, beide oft monströs und auftrumpfend, gewaltsam und schreiend, sich selbst entlarvend. Plumpes Pathos gegen ordinäre Anmache. Werbend verstehen sich beide, die Erinnerungsmale auf Plätzen und Friedhöfen und die gar nicht heimlichen Verführer der Konsumindustrie. Sie nehmen mit ästhetischem Donnergetöse und Blitzgewitter den urbanen Raum in Beschlag. Wie sehr sie provozieren, abstumpfen, aber auch gleichsam mental abfärben, davon zeugen Graffiti und Farbanschläge, Schmierereien und Plakatabrisse, zerbrochene Scheiben und Müllreste. Aggression im Gewand von Kunst, egal ob memorialer oder Produkt anpreisender Natur, lässt auch Rezipienten nicht ungeschoren.

[] Deutsche Geschichte ist in Berlins Gesicht eingeschrieben wie nirgendwo sind es Narben, Schmisse, Falten oder gar Wunden, Tätowierungen oder Maskeraden? Ist es Schminke?« Und an anderer Stelle: »Der Kamerablick von Psotta und Beck ist scharf, unbarmherzig auch ohne Montage oder Retusche legen sie mit schockierender Leichtigkeit die Leere bloß.«