Lieber Pfemfert!

Lieber Pfemfert!

In einen Rückzug, versiegeltes Fernbleiben, schickte man mir zwei Bücher; das eine war von Ihrem Temperament verrotet, kräftige Hände schmissen in die vermordete Erde einen Pack Holzpapier, eine schnittige Hundepeitsche, ja vielleicht ein noch nicht aufgestelltes Genickmesser, jagt am abgekurbelten Horizont höllischer Schlagworte.
Das andere, Summa1, Bilanz. Man will summieren. Was denn? Die Zeit? Franz, eine Zeit, die wir schon längst abrichteten, vergaßen.
Hingegen Ihr Aktionsbuch.
Im ganzen geht es hier um noch nicht Verwirklichtes.
Also Zukunft.
Aber um zu Realisierendes. Um Denken, das Verantwortung enthält.
Ich gestehe, ich selbst lebe diesen Dingen etwas entfernt; denn erlaubte ich mir, sie zu lieben, wäre ich tot.
Jedoch bohrte sich mir aus Ihrem Buch nicht der Eindruck memorierter, ermüdeter Druckerschwärze, vielmehr griffen Leidenschaft, Sachlichkeit an.
Vor allem.
Bei Ihnen: Menschen, die lieben und Abänderung suchen. Ich rede nicht vom Literarischen, das bei uns kaum existiert, weder aus dixhuitième noch aus Kirchenvätern surrogiert werden kann.
Ich rede von der ausgesprochenen Unerträglichkeit dieser Zeit, die schon lange vor dem Kriege ekelte. Das Elend quälte immer als gleiches.
Ihr Buch ist deutlich. Konstatiert. Wie lange schon ist es her, daß Deutsche es wagten, festzustellen, ohne theoretische weitfaltige Demoralisierung.
Ich meine, in diesem Buch veröffentlicht zu sein, müßte Ihre Mitschreibenden verpflichten.
Absichtlich schreibe ich Ihnen nicht vom Literarischen; es ist mir nicht genug entschieden, wagend. Aber das ist nicht Ihr Fehler.
Ich weiß, auch Sie liebten mehr Künftigeres und vorgerissene Syntax gebauter Typen.
Aber doch:
Sie gehen zur Verwirklichung neuer Zeit …
Ungehindert. Ohne Archaismus. Ohne Klassik. Noch nie bei uns gewesen.
Mögen sich Ihre Mitarbeiter vor flinker Terminologie bewahren. Daß die pathetische Terminologie – unwahrhafte Phrase – eines voreiligen sozialen Kriminalfilms sie nicht verrage.
Denn sie haben noch nicht das Unmittelbare gefressen.
Auch aus der Lektüre Flauberts ist es nicht zu gewinnen.
Ich danke Ihnen, daß Sie eine kurze Arbeit2 von mir veröffentlichten.
Ich schätze sie nicht, was niemanden angeht.
In Ihrem Aktionsbuch veröffentlicht zu sein, verpflichtet mich. Fern bleiben mir die dicken Hefte gebildeter Journalisten, die ohne Haß und Liebe, im Unentschiedenen einer schleppenden Grammatik kluge unverbindliche Jahrgänge bürgern. – Wie verachte ich träge Ruhe.

Mit herzlichen Grüßen
Ihr Einstein

nach: Die Aktion, Nr. 35/36, Berlin, 8. September 1917, Sp. 489f.

  1. Gemeint ist Franz Bleis Zeitschrift Summa
  2. Gemeint ist Einsteins Text Der Leib des Armen

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.