Kaliningrad ohne Heimweh

von Arndt Beck

Kaliningrad ohne Heimweh [click here]

Auf Einladung der Stiftung European Cultural Foundation und der Galerie studio im hochhaus (Brigitte Graf) durfte ich im vergangenen Monat einige Tage in Kaliningrad verbringen. Natürlich bot sich bei diesem Treffen von etwa 140 Kulturvermittlern aus Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Holland, Lettland, Litauen, Polen und Russland die Gelegenheit, einige Kontakte zu knüpfen, mehr noch aber war ich daran interessiert, die knapp bemessene Zeit zum Fotografieren zu nutzen.

Als wir die Stadt am Montagnachmittag erreichten, brachte ich meine Sachen zügig aufs Hotelzimmer, um gleich zu einer ersten Stadterkundung aufzubrechen. Doch nach meinem kleinen Rundgang zweifelte ich, ob die Kürze der Zeit ausreichen würde, um mehr als ein oberflächliches Bild der Stadt aufzuzeichnen.

Diese Zweifel sollten am nächsten Tag verfliegen. Wie gewünscht stellten sich bedeckter Himmel und unaufdringlicher, gelegentlicher Nieselregen ein. Ich lief zunächst in Richtung Platz des Sieges (pl. Pobedy), mit der neuen orthodoxen Erlöserkathedrale, ging dann zum großen Ehrenmal, zum Kosmonautendenkmal und am Nachmittag hinunter zum Pregel, vorbei an der Eisenbahnhubbrücke, hin zum Ozean-Museum, um die dort stattfindende Auftaktveranstaltung unseres Treffens nicht zu verpassen.

K., meine bis zum Fahrtantritt unbekannte Berliner Mitreisende, hat einige familiäre Wurzeln in Königsberg und wollte bei dieser Gelegenheit, ganz ohne revisionistische Sentimentalität, Orte dieser Vorväter und -mütter aufsuchen. Als ein Mitarbeiter (der mir, muß ich zu meiner Schande gestehen, zunächst recht albern vorkam, sich aber schnell als herzerfrischend offener, sympathischer und intelligenter Gastgeber sowie als hervorragender Kenner seiner Heimatstadt erwies) des russischen Mitveranstalters Tranzit davon erfuhr, organisierte er ein Auto. Wir fanden uns wenig später in der Kaliningrader Vorstadt wieder und konnten, wenn auch nicht ganz genau, so doch aber alte Königsberger Wohnhäuser finden, in denen diese Vorfahren gelebt haben mochten. Mir blieb als Eindruck vor allem diese überbordende Freundlichkeit ohne Hintergedanken.

Mein fotografischer Ehrgeiz war nach diesem ersten ergiebigen Tag nun vollends entfacht und ich „schwänzte“ am folgenden das offizielle Programm. Somit begann mein Tag im Bunker. Dort, wo General Otto Lasch bis zum 9. April 1945 ausharrte und die Stadt somit (nach dem Bombardement der britischen Luftwaffe vom 26./27. August 1944 und nochmals zwei Tage später) einer zweiten Zerstörung aussetzte, befindet sich heute ein Bunkermuseum mit einigen Panoramen vom brennenden Königsberg, aber auch das mit Originaldokumenten nachgestellte Arbeitszimmer Otto Laschs sowie die mit menschengroßen Puppen nachempfundene Szene der endgültigen Kapitulation: der zerknirschte General sitzt am Schreibtisch, in vollem Wichs, einen sowjetischen Aufruf an die Bevölkerung Ostpreußens zerknüllend; im Hintergrund zwei Sowjetsoldaten, im Begriff ihn festzunehmen.

Wieder über der Erde ging ich nun den weiten Weg hinaus zum großen sowjetischen Friedhof – ein Waldfriedhof, die Gräber meist umzäunt, mit schmalen Trampelpfaden dazwischen und auf fast jedem Grab ein Bild. Vor mir tat sich geradezu ein unendlich reiches, verwunschenes Bilderparadies auf. Nur schwer kehrte ich ins irdische Dasein zurück und nahm nun die Straßenbahn ins Stadtzentrum. Und hier hätte der Tag auch zuende sein dürfen, doch man nötigte mich – unter Aufbietung nicht wenig russischen Charmes – zu einem Discobesuch. Forciert von einem umtriebigen Galeristen, der darauf beharrte, daß es eine Subkultur geben müsse, rasten wir im Taxi durch das abendliche Kaliningrad. Doch außer schmierigen Zuhälterschuppen, Bordellen und Puffs bekamen wir nichts zu sehen und landeten zum guten Schluß in einer „normalen“ Discothek – von Subkultur keine Spur. Zu meiner Freude währte unser Aufenthalt nicht allzu lange, nur unser erfahrungshungriger Galerist ließ sich nicht zur Heimkehr überreden. So blieb er dort ohne uns und ich befürchtete, ihn am nächsten Tag ausgeraubt und mit blauem Auge in der Hotellobby wiederzutreffen. Dies geschah zum Glück nicht, wenngleich meine Befürchtung sich als durchaus nicht unberechtigt herausstellen sollte.

Am nächsten Tag stand eine Busfahrt ins etwa 50 Kilometer entfernte Baltijsk (ehemals Pillau) auf dem Programm. Hier befindet sich – neben St. Petersburg – der größte Stützpunkt der Baltischen Flotte. Bis 1991 war es Sperrgebiet im Sperrgebiet (bereits zum Kaliningradskaja Oblast` (Kaliningrader Gebiet) gab es keinen freien Zugang und als gäbe es eine Steigerung: zum Baltijsker Kreis erst recht nicht). Touristen brauchen bis heute eine Sondergenehmigung, doch es ist nicht schwer diese zu bekommen. Unser Programm begann mit dem Besuch der Ausstellung zur Geschichte der Baltischen Flotte im ehemaligen Amtgericht von Pillau, die mein gut informierter Reiseführer ganz diplomatisch (und ohne weitere Beschreibung) „sehenswert“1 nennt. Das ist sie zweifellos. Kriegsgerät aus den letzten (geschätzt) 200 Jahren, allerhand Fahnen, Modelle, ikonenhafte Fotos vor mit Flecktarn abgehängten Wänden, mehrere Dutzend Ölgemälde, die danach schreien Schinken genannt zu werden, Uniformen und Puppen mit absurden Taucherausrüstungen bekleidet. Nicht zu vergessen der selig lächelnde Bombenleger, der sein Sprengstoffpaket an der simulierten Bahnschiene befestigt hat (was ist eigentlich sein Bezug zur Baltischen Flotte?). Der Herr vom Deutschen Marinebund (sagte ich anfangs Kulturvermittler?) war sichtlich in seinem Element. Mit Leichtigkeit konnte er die Minen im Schaukasten nach Nationalitäten und Funktionsweisen unterscheiden und die Waffe an der Wand (eine Kalaschnikow?) wollte er sich zur Vertreibung der Zeugen Jehova ausleihen (im Scherz, versteht sich). Ein Buch vom marinesken Nazi-Phallus in Laboe überreichte dann der deutsche Soldat dem russischen Soldaten – in der Psychologie nennt man das double-bind: wenn die Mörder sich nicht gerade gegenseitig ermorden, geben sie sich die Ehre.

Es folgte ein kleiner Stadtrundgang. Zunächst zu und auf Schinkels Leuchtturm. Dann an Peter I., der Friedrich-Wilhelm I. von Brandenburg vom Sockel geschubst hat2, vorbei, zur kleinen Reformierten Kirche und schließlich zur alten Festungsanlage. Mit dem Bus ging es dann weiter zum westlichsten Punkt Russlands, wo 2003 ein riesiges Reiterstandbild im Andenken an die Zarin Elisabeth aufgestellt wurde. Betrachtet man nur die neu aufgestellten Denkmale, ist die reaktionäre Rückbesinnung frappierend. Oder es ist, wie der polnische Essayist Andrzej Mencwel sagt: „Russland macht eine Zeit der Smuta, der inneren Kämpfe und der Orientierungslosigkeit, durch, wie sie in seiner Geschichte immer wieder vorkam […]. Die Smuta wird noch eine Zeitlang andauern, eine vielleicht zwei Generationen, und man muß achtgeben, was daraus hervorgeht.“3 Wie dem auch sei – ich ließ das vorgesehene Mittagessen aus und sah mich stattdessen noch ein wenig um.

Das Nachmittagsprogramm hielt einen Vortrag in der Stadtverwaltung bereit, der gewisse Längen aufwies und von einigen Zuhörenden (bzw. Weghörenden) als Verdauungsschläfchen genutzt wurde. Mir blieb einzig das sich selbst nicht ernstnehmende Lächeln des Vortragenden in Erinnerung, als er die Worte „Monte Baltijsk“ aussprach, träumt man doch hier (und wie mir scheint auch in der ganzen Region) von einem wohlstandbringenden Glücksspiel-Eldorado. Im Anschluß bat er uns in sein Arbeitszimmer und zeigte stolz sein altarähnlich angeordnetes Foto-Panorama der russischen Geschichte: ganz oben zentral das Bild einer russisches Flagge mit Wappen (und sicherlich patriotischer Inschrift), daneben Medwedew und Putin, darunter historische Stadtansichten von Pillau, Landkarten, Elisabeth, Peter, Schiffe, Ikonen, Stalin, Lenin, Generale, Fahnen, Urkunden … Der Vortrag hatte sich gelohnt.

Lenin winkte uns dann auch noch zum Abschied von seinem schwungvollen Sockel und es ging zurück nach Kaliningrad. Unser Bus hatte ein wenig Verspätung, so blieb kaum Zeit sich ein wenig zu erfrischen, stand doch nun noch das abschließende Fest im Fort Nr.1 Stein auf dem Programm. Daß die Bediensteten uns in zivil und nicht in Sowjet- und deutschen Wehrmachtsuniformen den Wein nachgossen, geschah nur auf ausdrücklichen Wunsch der Veranstalter – ich fragte mich, wer hier wohl sonst Saufgelage abhält. Nichtsdestotrotz – das Fest war ein fröhlicher Ausklang einer gut organisierten und produktiven Reise. Als die Feierlaune auch in der Hotellobby nicht verebben wollte und in eine improvisierte Geburtstagsparty mündete, wurde die Hotel-Security spürbar nervös.

Unser Abreisetag war nun schon gekommen – viel zu schnell. Zum Glück fuhr der Zug erst am späten Nachmittag, so daß wir noch einmal Zeit für einen letzten (und ersten) Kaliningrad-Bummel hatten. Und mehr hatten wir (K. und ich) auch tatsächlich nicht vor: vorbei am unweit gelegenen, aufgehübschten Haus der Räte, hin zum Dom, dem touristischen Zentrum der Stadt. Vor dem Grab Immanuel Kants fragte uns ein älterer Mann auf deutsch, ob wir wüßten, warum es ohne Markgraf Albrecht von Brandenburg (der aus der Ecke vom Sockel auf das Kantgrab lugte) Angela Merkel nicht gäbe. Natürlich wußten wir nicht und er beklagte, daß die Deutschen ihre Geschichte nicht kennen würden. In ziemlich harschem Ton fuhr er fort. Er schilderte uns die Bedeutung des späteren Herzog Albrecht, erläuterte detailreich die Geschichte des Doms. Unterbrechungsversuche wies er brüsk ab. Wir zweifelten, ob wir es nicht doch mit einem Verrückten zu tun hatten und waren drauf und dran ihn einfach stehen zu lassen – aber was er sagte war zu interessant und irgendwie hatte ich das Gefühl, er sei berechtigt uns etwas grob zu behandeln. Zuletzt reichte sein Bogen tatsächlich zu Angela Merkel und ich verstand, daß hier in Königsberg, und im besonderen hier auf der Dominsel die Wiege von Preußen-Deutschland steht. Jetzt endlich ließ er auch unsere Fragen nach ihm zu und wir baten ihn zunächst, uns seinen Namen zu nennen. Der tue nichts zur Sache, sagte dann doch einen deutschen Vornamen und wir fragten vorsichtig weiter, seit wann er denn in Kaliningrad lebe. Seine harsche, fordernde Art hatte er vollkommen abgelegt und war nun ganz sanft geworden. 1942 sei er als Waisenkind in ein deutsches, wenig später in ein sowjetisches Kinderheim gekommen. Er sei dort gut behandelt worden und tatsächlich wurde ihm eine Hochschulausbildung ermöglicht. Über 40 Jahre habe er kein deutsch gesprochen. Nun holte er noch einmal zu einem großen Friedensappell aus. Im Namen Immanuel Kants beschwor er die menschliche Vernunft. Wir waren beeindruckt. Hilflos gab ich ihm meine Adresse und bot ihm an, Bücher zu senden. Er wiegelte ab. Er sei alt, habe genug Bücher, nahm die Adresse aber an sich. Wenn wir ihm damit, daß wir ihm halbwegs aufmerksam zuhörten, eine kleine Freude gemacht haben, wäre das viel. Wir aber waren dankbar für diese eindrucksvolle Begegnung am Ende unserer Reise, setzten uns auf eine Bank vor dem Dom und sahen den blutjungen Brautpaaren nach. Touristen waren hier übrigens keine. Für die Rückfahrt kauften wir noch ein paar Sachen zum Essen, gingen zurück zum Hotel und saßen wenig später im Nachtzug nach Berlin-Lichtenberg.

  1. Gunnar Strunz, Königsberg entdecken, Berlin 2006, S. 187
  2. „Zum Andenken an seinen (Peter I.) Aufenthalt in Pillau 1697 setzte man ihn 1997 auf genau jenen Sockel, von dem vorher der Große Kurfürst über die See blickte.“ Strunz, Königsberg, S. 188
  3. Andrzej Mencwel, Kaliningrad, mon amour, Potsdam 2008, S. 24
    In den Anmerkungen wird das Wort Smuta erläutert: „Der russische Begriff entstand im 17. Jahrhundert in Russland während der Krise nach dem Aussterben der Dynastie der Rjurikiden und bezeichnet seitdem in der russischen Geschichte eine kritische Übergangszeit, die zum Bürgerkrieg führen kann.“ Ebenda, S. 81

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