Avrom Sutzkever: der jiddische Dante

Vortrag vom 4. Juni 2016, Berlin

von Arndt Beck

D. Kahn, vi azoy
aus dem Booklet der CD: Daniel Kahn & The Painted Bird, Lost Causes, Berlin 2011

sholem aleykhem!

Zur Einleitung hörten Sie Daniel Kahn & The Painted Bird – die Vertonung des Gedichts vi azoy? aus dem Jahr 1943, geschrieben im Vilner geto, von dem Autor, um den es heute Abend geht: Avrom Sutzkever.

Ein Gigant der jiddischen Literatur. Einer der Größten. Uferlos. Und doch nur einer von vielen. Denn wer kennt sich schon aus in den Werken von Peretz Markish, Melekh Ravitsh, Uri-Zvi Grinberg, Moyshe Kulbak, Leyb Kvitko, Rokhl Korn, Yente Serdatzky oder Menke Katz? Wer weiß, daß Ḥayim Naḥman Bialik, Nationaldichter Israels – der, nebenbei bemerkt, einige Jahre einen Berliner Verlag leitete – sein Gedicht in shhite shtot über die Pogrome in Kishinev 1903 ins Jiddische übersetzte, um ein größeres Publikum zu erreichen? Daß er damit Markishs kupe inspirierte? In der Staatsbibliothek zu Berlin findet sich ein achtbändiges Lexikon, welches zwischen 1956 und 1981 in New York erschien und in ihm das Panorama der jiddischen shraybers vom größten bis zum kleinsten. Alles auf jiddisch.

Wenn man etwas über Jiddisch weiß, weiß man, daß es mit hebräischen Buchstaben von rechts nach links und nur in Kleinschrift geschrieben wird und kennt Bashevis Singer, Sholem Aleichem, Manger, Peretz vielleicht. Auch, weil sie übersetzt oder verfilmt wurden. Aber Sutzkever?

Eine Stimme zu Lebzeiten, die von Jost G. Blum:

»Avrom Sutzkevers literarisches Werk beeindruckt durch Umfang, thematische Breite und Qualität – er ist der bedeutendste lebende Autor jiddischer Dichtung. In den sechzig Jahren seit seiner ersten Publikation 1932 – wir sind also im Jahr 1992 – hat er mehr als 25 Bände vor allem mit Gedichten, aber auch kürzere Prosaarbeiten veröffentlicht. In seinen Gedichten zeigt er sich als virtuoser Meister nicht nur von dynamisch variablen freien Versen, sondern auch und besonders von Metrum, Reim und strophischer Form. Seine Sprache ist innovativ; sie überzeugt durch Musikalität, Dichte und Anschaulichkeit. Sutzkevers Werk ist von einzigartiger Intensität und inhaltlicher Kraft.«1

Und eine weitere, große Stimme: die Literaturwissenschaftlerin Ruth Wisse.

Hier ein kurzer Abriß seines Lebens:2 Sutzkever wurde ein Jahr vor dem Ersten Weltkrieg als drittes Kind der Eheleute Herz und Rayne Sutzkever geboren. Die Mutter war Tochter eines Rabbiners, der Vater neigte mehr dem Chassidismus zu. Schon 1915 fiel die von deutschen und zaristischen Truppen umkämpfte Heimatstadt Smorgon, südöstlich von Vilne gelegen, den Flammen zum Opfer. Die Familie verschlug es nach Omsk im fernen Sibirien. Das ärmliche Leben hinderte den jungen Abrasha nicht, seine Kindheit zu idealisieren. Ein Verbannungsort, vom Bürgerkrieg bedroht, und die umgebende Landschaft inspirierten ihn später, Sibirien – sibir – zum kristallinen Eisparadies zu verklären. Den frühen, plötzlichen Tod des Vaters hat Sutzkever mehrfach für seinen Entschluß verantwortlich gemacht, ein Dichter zu werden: einer, der Schönheit sucht und schafft, doch der sich auch für den Zustand der Welt mitverantwortlich fühlt. Die Gestalt des großen Poeten – das ist eine Vision, die ihn lebenslang begleitet. Keinesfalls als ein erträumtes Standbild, sondern als eine tägliche neue Bewährung.

Die Mutter kehrte mit ihren drei Kindern 1920 erst nach Smorgon zurück, um sich bald darauf in Vilne, dem ›yerushalaym de lite‹, niederzulassen. Sie blieb alleinerziehend, vermittelte dem Sohn vielerlei Bildungsanstöße und ließ ihm Freiheit. Er besuchte den kheyder, eine Talmudschule, ein hebräisch-polnisches Gymnasium, nutzte die berühmte Strashun-Bibliothek, das yidisher visnshaftlekher institut und die Universität, um sich literarisch auszubilden. Dichter der polnischen Romantik, vor allem Cyprian Norwid, aber auch russische Dichter des Symbolismus wie Valery Bryusov und Aleksander Blok beeinflußten sein Dichtungskonzept. Wie seine Schwester, die mit 14 Jahren an den Folgen einer Hirnhautentzündung starb, besaß Avrom eine starke poetische Begabung. Und er hielt hartnäckig daran fest, in seiner Dichtung eigene Wege zu gehen. Zu der Dichter- und Künstlergruppe yung vilne suchte er Kontakt und ließ sich nicht beirren, als man ihn zunächst einmal zurückwies. Anfang der Dreißiger Jahre fing er an vereinzelt zu publizieren, schrieb viel für den Manuskriptekoffer, wurde 1935 von den New Yorker ›Insikhisten‹ für sich entdeckt, konnte beim Warschauer PEN-Club 1937 einen Gedichtband lider, noch 1940 valdiks herausbringen und hatte als Dichter schon einen gewissen Ruhm erlangt, als die Deutschen 1941 über das Land einbrachen. Er hatte Standfestigkeit bewiesen, schien aber sehr sensitiv und gefährdet, so daß damals niemand ahnen konnte, was er im geto zu leisten imstande war. Noch einmal Ruth Wisse:

Noch im geto: Allein der alltägliche Lebenskampf erforderte äußerste Energie. Sutzkever setzte sich für andere ein, trug entscheidend zur Rettung von Kulturgütern und zur Aktivierung des kulturellen Lebens bei. Er half, die Partisanenorganisation aufzubauen und Waffen ins geto zu schmuggeln. Zudem und vor allem schrieb er Gedichte. Sutzkever hatte die Kraft, die Haltung und das Glück, zu überleben und nicht gebrochen zu werden. Er sagte später, er habe nie wieder so viel und so gut geschrieben wie in der geto-Zeit.

Im eisernen Griff der SS hatte der militärische Widerstand innerhalb des getos wenig Bewegungsraum. Es gelang Sutzkever, mit Gefährten zu den Partisanen der Wälder zu entkommen, keine zwei Wochen bevor das geto endgültig vernichtet wurde. Als man ihn, den Dichter-Partisan, in einem Militärflugzeug nach Moskau rettete, trat er vor die Öffentlichkeit und berichtete über die Untaten der Deutschen, arbeitete an einem entstehenden, dann verbotenen ›Schwarzbuch‹ über die Judenvernichtung mit und wurde als Zeuge des sowjetischen Anklägers zum Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal geladen.

Franz Murer, den Sutzkever hier zuletzt erwähnt, wurde zunächst in der Sowjetunion verurteilt, dann aber in einem skandalösen Prozeß 1963 in Österreich freigesprochen.

Nach dem churbn, wie man auf jiddisch den Holocaust nennt, war Sutzkever ruhelos, reiste aus der Sowjetunion nach Polen aus, lebte in Lodz, Paris, Marseille, ehe er sich 1947 in Eretz Israel, ein Jahr vor der Staatsgründung, ansiedelte. Neben seiner kontinuierlichen literarischen Produktion und regelmäßigen Publikation, gab er von 1949 – 1995 die wohl beste jiddische Literaturzeitschrift, vielleicht eine der besten überhaupt, heraus: di goldene keyt.

Der Titel, den dieser Vortrag bekommen hat, war ein Schnellschuß, mit dem ich mich auf der sicheren Seite wähnte. Nebenbei ein Dank an Erik Steffen und Axel Wunsch, die mir ihr Vertrauen schenkten. Aber das Literatur, die Höllen des 20. Jahrhunderts beschreibend, auf Dantes Inferno hinweist, ist fast ein Stereotyp. Im Falle Sutzkevers ist ein Dichter von hohen Graden angetreten, Dante herauszufordern – nicht um dessen Kunstanspruch zu überbieten, oder gar zu widerlegen, sondern: um ihn unter den extremsten, widrigsten Bedingungen fortzuführen. Deshalb möchte ich hier Parallelen zu einem ganz anderen Dichter ziehen, Zeitgenosse Sutzkevers – dessen Leben und Werk ihm sehr viel mehr entspricht: dem des chilenischen Nobelpreisträgers Pablo Neruda.3

Doch zunächst ein kurzer Text von Sutzkever:

Sutzkever: Grünes Aquarium
Sutzkever: Grünes Aquarium
Sutzkever: Grünes Aquarium
Sutzkever: Grünes Aquarium
Sutzkever: Grünes Aquarium
Sutzkever: Grünes Aquarium
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Die ungewöhnliche farbliche Konnotation des Todes als ›grün‹ eint Sutzkever und Neruda. Heißt es doch bei Neruda: »denn das Antlitz des Todes ist grün, und der Blick des Todes ist grün«5. Doch das ist nicht alles: Beide waren Naturdichter, sowohl vom Talent als auch vom Gegenstand ihrer – vor allem – frühen Dichtung her. Beide verloren früh ein Elternteil, Neruda die Mutter, Sutzkever den Vater, beide nannten diese Verluste wesentliche Antriebe für ihr Schreiben. Beide erlebten den Einbruch des Faschismus in ihre Welt, für beide wurde er zum Schlüsselerlebnis, Sutzkever das Vilner Ghetto, Neruda der Spanische Bürgerkrieg. Beide gingen unversehrt daraus hervor. Beide Werke sind Gesamtwerke, beide sind in hohem Maße autobiographisch, ohne sich je im Autobiographischen zu erschöpfen oder zu verlieren, Volksdichter im besten Sinne, beide sind sprachlich innovativ, schaffen ihre eigenen Mythen, sind in großen zusammenhängenden Zyklen geschrieben, wo eines sich auf das andere bezieht. Und was H.J. Psotta über Neruda sagt, gilt im gleichen Maß auch für Sutzkever:

»Dieses Anklingen, das in Pablo Nerudas Dichtung die eigentliche Substanz eines poetischen Wortes oder rhythmischer Gedankenketten und Lautfolgen ausmacht, ist letztlich in eine andere Sprache nicht übertragbar. Die Gebräuchlichkeit, Banalität des Alltags-Ausdrucks wird transzendiert, die Qualität der Bewußtseins- und Wahrnehmungsebenen manifestiert sich – zusammen mit dem gereiften künstlerischen Gestaltungsvermögen – in totaler Plastizität des Wortes und der Syntax, die Phantasie kann sich in irregulären Sprüngen aller nur denkbaren, ästhetischen Mittel bedienen; Dichtung als lebendes Gebilde steht sozusagen ›fest‹ – und vor allem, wenn sie gesprochen wird, körperhaft im Raum.«6

Daher möchte ich jetzt bitten, auch wenn Sie nicht alles verstehen, sich vollständig dem Klang hinzugeben. Ich lese das Gedicht anschließend auf deutsch.

Sutzkever liest selbst: a vogn shikh.

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Nun der umgekehrte Versuch: di lererin mire.

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Und noch ein drittes Beispiel der geto-Gedichte: di blayene platn fun roms drukeray.

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Als Abschluß nun noch zwei weitere, etwas spätere Gedichte, die den Facettenreichtum, über den Sutzkever spielend verfügt, nur andeuten können: shpilzayg.

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Sutzkever liest shpilzayg

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Und mit dem allerletzten lid, di kvitlekh oyfn keyver fun reb shimn ben yekhoe, lasse ich sie jetzt alleine – es gibt davon noch keine Übersetzung …

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Sutzkever liest di kvitlekh oyfn keyver fun reb shimn ben yekhoe

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a sheynem dank!

  1. Jost G. Blum in: Abraham Sutzkever, Grünes Aquarium, Frankfurt/Main 1992, S. 131, leicht bearbeitet
  2. Die Lebensdaten stammen überwiegend — teils wortwörtlich — aus den biografischen Texten von Hubert Witt in dem Doppelband: Abraham Sutzkever, Wilner Getto 1941-1944/Gesänge vom Meer des Todes, Zürich 2009
  3. Interessant in diesem Zusammenhang das (erst nach der Niederschrift entdeckte, hier noch nicht berücksichtigte) Buch: Gregorio Sapoznikow, Neruda y Sutzkever — Dos poetas rebeldes, Buenos Aires 1987. Für den Hinweis danke ich Tanja Lindner.
  4. aus: Abraham Sutzkever, Grünes Aquarium, Frankfurt/Main 1992
  5. Nur der Tod, nach: Erich Arendt (Hg.), Pablo Neruda — Dichtungen 1919-1965, Darmstadt, Neuwied 1977, S. 92
  6. nach: Arndt Beck (Hg.), Helmut J. Psotta — Unruhe stiften — über Pablo Neruda, Berlin 2013, S. 82
  7. aus: Abraham Sutzkever, Geh über Wörter wie über ein Minenfeld, Frankfurt/Main 2009
  8. aus: Abraham Sutzkever, Geh über Wörter wie über ein Minenfeld, Frankfurt/Main 2009
  9. Dieses und die folgenden Audios sind dieser Tonaufzeichnung entnommen.
  10. aus: avrom sutzkever, poetishe verk, band eyns, tel-aviv 1963, hier online
  11. aus: Abraham Sutzkever, Geh über Wörter wie über ein Minenfeld, Frankfurt/Main 2009
  12. aus: Abraham Sutzkever, Geh über Wörter wie über ein Minenfeld, Frankfurt/Main 2009, S. 162
  13. aus: avrom sutzkever, poetishe verk, band tsvey, tel-aviv 1963, hier online
  14. aus: avrom sutzkever, poetishe verk, band tsvey, tel-aviv 1963, hier online

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