20. Februar

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Berlin, 20. Februar:

Berlin. Ich überzeuge mich mit eigenen Augen, dass die russische Bezeichnung für die Stadt, Звериная берлога, Höhle der Bestie, sehr zutreffend ist. Sogar jetzt, wo die Stadt auf den Kopf gestellt wurde, macht sie noch immer den Eindruck einer Bestienhöhle. Ich fahre in einem Taxi durch die Stadt. Je näher ich dem Zentrum komme, desto deutlicher sind die Erfolge der ›fliegenden Festungen‹. Seit Stunden fahren wir durch alle Zonen. Die Straßen sind spärlich bevölkert. Hunderte von Deutschen streifen zwischen den Ruinen umher, trennen die Ziegel voneinander, reinigen und ordnen sie. Fast alle Deutschen, die auf der Straße gehen, tragen Rucksäcke oder Handkörbe. Darin sammeln sie Holzreste, Brot und dergleichen mehr. Das Zentrum der Stadt — Ruinen. Die amerikanischen und englischen Piloten waren Künstler. Der Asphalt ist überall fast unversehrt — aber die Gebäude liegen in Schutt und Asche an den Straßenrändern mit aufgerissenen Rachen.

Nun sind wir am berühmten Brandenburger Tor. Hier nahm Hitler die Paraden ab. Ringsherum — Leere. In der Leere — Ruinen. Der Alexanderplatz hat noch etwas von seinem ehemaligen Erscheinungsbild und sieht aus wie eine abgetakelte Straßendirne, die den Anschein von Jugend vorgaukelt. Der Tiergarten, Frankfurter Allee — abgewrackt. Die Spree — voll mit gekenterten Schiffen. Das hast du nun davon, Berlin! Doch es ist immer noch zu wenig für dich. Verflucht sollst du sein in alle Ewigkeit und dich nie wieder erheben!

Im sowjetischen Ministerium zeigt uns der Pförtner das Gebäude, in dem die Kapitulationserklärung unterzeichnet wurde. Ein graues, zweistöckiges Gebäude rechts im Hof.

Es scheint, als würden wir heute nicht nach Nürnberg fliegen. Das Wetter ist schlecht und der Flugverkehr ist eingestellt. Ich laufe durch die Straßen der Hauptstadt und schaue in die Gesichter der Passanten. Ich überzeuge mich noch einmal, dass die Deutschen sehr begabte Idioten sind. Es würde mich nicht stören, wenn von ihrem ganzen Land und Volk nicht die geringste Spur bliebe.

Ich bringe in Erfahrung, dass die arbeitenden Deutschen 500 Gramm, die nichtarbeitenden 400 Gramm Weißbrot am Tag bekommen.

Es erscheinen viele Zeitungen. Deutsche Volkszeitung (kommunistisch); Zeitung für das deutsche Volk und andere. Interessant, dass der Nürnberger Prozess fast nicht erwähnt wird. Stattdessen finde ich Artikel über Luther, über Heine (in der kommunistischen) und Gedichte von frisch gebackenen deutschen Poeten.

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