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Nürnberg, 22. Februar:

Rudenko ist schon informiert, dass ich auf Jiddisch aussagen will. Er wird sich wegen dieser Angelegenheit heute mit dem Hauptankläger Jackson besprechen. Falls es nur technisch irgend möglich ist, werde ich Jiddisch reden. Andere Hindernisse gibt es für mein Gefühl nicht. Tatsächlich ist es beim Prozess der erste Fall, bei dem auf Jiddisch ausgesagt werden soll. Ich bitte Gott, dass sich ein Übersetzer findet. Unterdessen mache ich mir Notizen anhand meiner mitgebrachten Materialien.

Je länger ich die Deutschen beobachte, ihre stumpfsinnigen, lakaisch-unterwürfigen Visagen — umso verständlicher wird mir, warum Hitler gerade hier ausgebrütet wurde. Genau betrachtet hat Hitler ihnen viel gegeben: er hat die Juden ermordet oder aus Deutschland vertrieben und ihr Vermögen riss sich die ›auserwählte Rasse‹ unter den Nagel; er hat Länder erobert und die Deutschen zum ›Herrenvolk‹ erklärt. Was brauchten sie mehr? Die Masse liebt es, geführt zu werden. Wozu selbst denken, wenn in Nürnberg oder Berlin ein Hitler sitzt, der es besser weiß und klüger ist als der Rest der Welt?

Interessant: Vor einem Monat gab es in Bayern Wahlen. Fast 90 Prozent der Stimmen bekamen die ›Christlich-Demokratische Partei‹ und die ›Parteilosen‹ — eigentlich die ehemaligen Hitler-Anhänger, welche heute unparteiisch sind … Die Kommunisten und Sozialisten haben nur wenige Mandate bekommen.

Ein Zeuge unserer Delegation, das Akademiemitglied Orbeli, ist heute schon beim Prozess aufgetreten. Er hat etwa fünfzehn Minuten darüber geredet, wie die Deutschen in Leningrad Kulturdenkmäler zerstörten. Wie man mir mitteilt, hat seine Aussage einen sehr starken Eindruck hinterlassen. Er hat überlegt geredet und die Fragen der Verteidigung schlagfertig pariert.

Wann ich meine Aussage machen werde und ob die Sprachfrage schon geklärt ist — das weiß ich immer noch nicht. Ich bin nervös und zweifle daran, dass sich ein Übersetzer finden wird.

Es zeigt sich, dass die Amerikaner den Deutschen am feindlichsten gegenüberstehen. Im Gericht in Nürnberg gibt es ein Restaurant, wo die Ankläger, Richter und Übersetzer während der Pausen einen Imbiss zu sich nehmen. Auf der Tür steht geschrieben: Für Deutsche — welche Ämter sie auch immer inne haben — ist der Zutritt zum Restaurant verboten (gemeint sind die deutschen Verteidiger, Übersetzer und dergleichen mehr).

In der amerikanischen Presse wird heftig diskutiert, ob es den amerikanischen Soldaten erlaubt sein solle, deutsche Frauen zu heiraten. Bisher ist es verboten. Auch Frau Roosevelt, die eben von ihrer Deutschlandreise zurückkehrt, meint, dass es amerikanischen Soldaten nicht erlaubt sein solle, deutsche Frauen zu heiraten.

Heute abend sah ich, wie bei unserem ›Grand Hotel‹ eine junge Deutsche spazierte
und mit einem amerikanischen Soldaten anzubandeln versuchte. Gemeinsam mit einem Kameraden verprügelte der Amerikaner die Deutsche so heftig, dass sie bewusstlos zu Boden fiel. Währenddessen gingen zornig blickende Deutsche vorbei, die sich aber nicht trauten stehenzubleiben.

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