Beitrags-Archiv für die Kategory 'Bücher'

Intermezzo Nummer eins: Vorführung des Künstlers

Samstag, 4. April 2009 10:17

[...]

Plötzlich habe man dann beobachten müssen, wie der Ast gebrochen, das Seil unter den Sohlen, den Füßen des Mannes nach unten geglitten, entwichen sei, aber er, der Mann, der Künstler oder Artist habe sich nichtsdestoweniger am durchsichtigen Himmel festgehalten, seine Finger in die Spalten, Ritzen und Zwischenräume der Luftmauern gekrallt, sei weiter den durchsichtigen Himmel hinaufgeklettert, obwohl das Seil wirklich ganz offensichtlich unter ihm hinuntergefallen sein soll, der Mann sei durch die zitternden Schlieren gestiegen, bis er noch etwas weiter oben die Kuppe der ersten Luftmauer erreicht habe, sei über die erste Luftmauer gestiegen und im durchsichtig weißen Himmel verschwunden.

Anderen Erzählungen zufolge soll der Mann allerdings samt dem Seil heruntergefallen sein, und zwar so unglücklich, daß sein Rücken auf der Stange der Brunnenwinde aufgekommen und sein Körper reglos abgeknickt über dem Brunnen, worauf einige Leute reglos geschrien und wie am Spieß gebrüllt haben sollen, andere wiederum Hüte in die Luft geworfen oder in die Rocktaschen gegriffen, die restlichen Münzen hervorgeholt und in die Mitte des Platzes geworfen haben, man habe das viele Geld eingesammelt, wahrscheinlich wohl für das Begräbnis, sagt man, und angeblich sollen die Gehilfen mit den Aufräumungsarbeiten begonnen haben, wäre auch gar nichts anderes übriggeblieben, behauptet man, hätte wirklich nicht alles so liegenbleiben können, soll richtig unanständig ausgeschaut haben.

aus: Gert Jonke, Geometrischer Heimatroman, Frankfurt am Main 1969, S. 28

Thema: Bücher, Texte / Zitate | Kommentare (0) | Autor: arndt

Schwarze und weiße Tode

Sonntag, 29. März 2009 19:47

Von zwei Büchern wird hier die Rede sein, die auf den ersten Blick nicht vielmehr miteinander gemein haben als das Jahr ihrer Erstveröffentlichung: 1992. Es ist spät, ich kann nicht atmen - Ein nächtlicher Bericht vom Berliner Autor Mario Wirz ist das Buch eines aidskranken schwulen Mittdreißigers, der im Angesicht des Todes Rückschau auf sein Leben hält. Das andere, Durch das Herz der Finsternis - Ein Afrika-Reisender auf den Spuren des europäischen Völkermords, ist eine kaum Roman zu nennende, tagebuchähnliche Collage des zu dieser Zeit etwa sechzigjährigen schwedischen Literaturwissenschaftlers Sven Lindqvist.

Wirz´ Buch ist mehr als autobiografisch, es ist obsessiv egoman. Kein Stoff, kein fiktionales Ich, sondern der Autor selbst ist der Stoff. Ich habe tatsächlich das Gefühl, hier schreibt jemand gegen sein eigenes Sterben an. Sein “nächtlicher Bericht” ist ihm Überlebensmittel, entsprechend existentiell, radikal, distanzlos und nackt erscheint er. Nur einmal ist Wirz inkonsequent. Scheinbar anonymisiert er die Orte seiner Kindheit und Jugend als “F.” und “M.” sowie einen Arbeitsaufenthalt in “K.”, der dem Buch beigefügten Biografie kann man sie aber sogleich entnehmen (zumal auch noch die Anfangsbuchstaben stimmen). Zu hoffen ist, daß er bei den Namen seiner Freunde noch inkonsequenter war. Doch seine schonungslose Offenheit vor allem gegen sich selbst ist ein beeindruckender Versuch.

Anders Lindqvist. Er macht keinen Hehl daraus, daß sein “Wüstenreisender” (S. 15) und er nicht unbedingt identisch sind:

Selbst eine Dokumentation, die ausschließlich auf authentischem Material basiert, birgt ein fiktives Element - den Erzähler. [...] Die Wirklichkeit, die ‘ich’ hier in der Wüste erlebe, ist authentisch. Ich bin in Arlit. Ich sehe den schwarzen Mann mit dem großen, goldenen Bilderrahmen. Immer wenn ich als Leser das Wort ‘ich’ sehe (oder wenn es vermieden wird, was letzlich nur einer anderen Form des Gebrauchs entspricht), weiß ich, daß ich einem fiktionalen Charakter gegenüberstehe. (S. 141f.)

Seine Versuchsanordnung ist interessant und das Ergebnis ebenfalls beeindruckend. Während einer abenteuerlichen Busreise durch die Sahara schreibt der Autor, ‘bewaffnet’ mit seinem Computer (1992!) und einem Stapel Disketten, auf denen sich die europäische “Ideengeschichte der Völkervernichtung” (S. 14) befindet, einen Text, der politische Geschichtsschreibung mit Literatur- und Wissenschaftsgeschichte, Reiseimpressionen, Reflektionen, persönlichen Erinnerungen und Alpträumen zu einem tagebuchartigen, gattungslosen Leseerlebnis amalgamiert. Im Zentrum steht dabei ein beiläufig geäußerter Satz aus Joseph Conrads Herz der Finsternis: Exterminate all the Brutes:

Das lateinische extermino meint ‘Grenzüberschreitung’; terminus steht für ‘Grenze’. Daher das englische exterminate, das wörtlich übersetzt ein ‘Überschreiten der Schwelle zum Tod’, eine ‘Verbannung aus dem Leben’ bezeichnet. Das Deutsche kennt kein direktes Äquivalent. Der Deutsche muß ausrotten sagen, was allerdings einen großen Unterschied macht. Im Englischen hieße das extirpate, vom Lateinischen stirps - ‘Wurzel, Stamm, Geschlecht, Familie’. Das Objekt der Aktion ist im Englischen wie im Deutschen weniger eine Einzelperson als eine Spezies: Unkraut, Ratten, Völker. Brutes indessen weist dem Objekt einen eindeutig niedrigen und animalischen Stellenwert zu. Seit den allerersten Kontakten wurden die Afrikaner von den Europäern wie Tiere beschrieben. Sie seien ‘roh und viehisch’, ‘brutale Tiere’, ‘grausamer als die Tiere, die sie jagen’. (S. 26)

Was (West-)Europa wirklich eint, lernt man in Lindqvists Buch, ist kein Schengener Abkommen und kein Europäisches Parlament, es ist die gemeinsame Geschichte des kolonialen Völkermords, die gleichmütige Auslöschung und die rücksichtslose Bereicherung. Man begreift, was den Kulturwissenschaftler Wolfgang Schivelbusch zu seiner Einschätzung bewog:

Die Ausbeutung des besetzten Europas durch die Nazis, um Wohlstand und ein Herrschaftssystem zu stützen - war das wirklich einzigartig oder müssen wir bis in die Jetztzeit Parallelen ziehen? So sehr unterschied sich die NS-Ausbeutung Europas nicht von der rassistischen und mörderischen Ausbeutung der Dritten Welt seit dem 16. Jahrhundert durch den klassischen Kolonialismus. Wie überhaupt der Nationalsozialismus in vielem die Anwendung der Methoden des europäischen Kolonialismus auf Europa selber war. Ich bin überzeugt, daß irgendwann einmal die Dritte Welt dem Westen seinen Nürnberger Prozess machen wird. Und wir werden dann alle als die korrumpierten Nutznießer dieses Menschheitsverbrechens dastehen. (aus einem Interview in die tageszeitung, 7./8. Mai 2005)

Lindqvist, denke ich, würde das unterschreiben. Doch noch einmal zurück zu Mario Wirz. Gerade möchte ich ihm vorwerfen, daß einzig Egomanie nicht ausreicht, um ein gutes Buch zu schreiben, da belehrt er mich eines besseren und sieht einmal von sich ab:

Wen trifft Aids vor allem? Schwule. Fixer. Nutten. Also keinen Menschen, wie es in einem Witz heißt, der die Realität der heimlichen Gedanken exakt dokumentiert. Die Forschung im Namen der heiligen Pharmaindustrie meint nicht das Leben und Überleben uneffektiver Minderheiten, sondern die Heiligkeit des Geldes. Nicht nur rechte Politiker frönen der Hoffnung, daß Aids die Gesellschaft von all den schrillen Außenseitern ein für alle Mal befreit. Von einer ‘Heimsuchung Gottes’ sprechen die wackeren Kirchenväter, deren Nächstenliebe nicht nur warme Brüder vergeblich suchen. Und die aidsinfizierten Schwarzen in Afrika sind nicht mal eine Schlagzeile wert. Sollen sie froh sein, daß der Tod sich immer wieder etwas Neues einfallen läßt. Wer nicht verhungert, stirbt an Aids. Schwarze, die krepieren, sind so selbstverständlich wie das Amen in der Kirche. Wir haben uns daran gewöhnt, ihr Elend zu besichtigen, ihr Elend ist gottgewollt wie der Reichtum der Kirche und das Recht des weißen Mannes, die Schwarzen auszuplündern. (S. 78)

Und auszulöschen:

Ihre Bewährungsprobe hatten die Deutschen im Jahre 1904 in Südwestafrika. Dort zeigten sie, was sie von den Amerikanern, den Briten und den anderen Europäern gelernt hatten. Sie erwiesen sich als ebenbürtig, wenn es um die Beschleunigung des Aussterbens ‘kulturarmer Völker’ ging. Dem nordamerikanischen Beispiel folgend, wurden Hereros in Reservate gesperrt, das fruchtbare Land unter deutschen Einwanderern und Kolonisationsgesellschaften aufgeteilt. Als die Hereros Widerstand leisteten, erteilte General Adolf Lebrecht von Trotha [das ist falsch, nicht A.L. sondern Lothar von Trotha] den Befehl, sie zu vernichten. Das war im Oktober 1904. Von da an war jeder Herero, egal ob bewaffnet oder unbewaffnet, der innerhalb der deutschen Grenzen aufgegriffen wurde, sofort zu erschießen. Die meisten allerdings starben ohne direkte Gewalteinwirkung: Die Deutschen schleppten sie einfach hinaus in die Wüste und machten anschließend die Grenze dicht. ‘Die mit eiserner Strenge monatelang durchgeführte Absperrung des Sandfeldes vollendete das Werk der Vernichtung’, schreibt der Generalstab in seinem offiziellen Kriegsbericht. ‘Das Röcheln der Sterbenden und das Wutgeschrei des Wahnsinnes [...] verhallten in der erhabenen Stille der Unendlichkeit.’ Ausdrücklich betont der Bericht: ‘Das Strafgericht hatte sein Ende gefunden. Die Hereros hatten aufgehört, ein selbständiger Volksstamm zu sein.’ Auf dieses Ereignis war der Generalstab stolz. Seine Truppe habe sich den Dank des ganzen Vaterlandes verdient. Mit Beginn der Regenzeit fanden deutsche Patrouillen Skelette, die um trockene Löcher lagen. Löcher, die zwischen zehn und zwanzig Meter tief waren, von den Hereros mit bloßen Händen gegraben, in der vergeblichen Hoffnung, auf Wasser zu stoßen. Fast das ganze Volk - ungefähr 80.000 Menschen starben in der Wüste. Nur einige Tausend überlebten, zur Zwangsarbeit in deutschen Konzentrationslagern verurteilt. Das Wort ‘Konzentrationslager’, das ursprünglich im Jahre 1896 von den Spaniern erfunden worden war, dann von den Amerikanern ins Englische übernommen und auch von den Briten im Krieg gegen die Buren verwendet wurde, fand damit Eingang in die deutsche Sprache und Politik. (Lindqvist, S. 197f.)

Überlebende HereroÜberlebende Herero, Quelle: Wikipedia

Vom Paradigma der Einzigartigkeit des Holocausts hält Lindqvist - wie Wolfgang Schivelbusch - nicht viel:

Gewiß, jeder Völkermord weist unvergleichbare Merkmale auf. Und doch kann ein Ereignis zu einem anderen beitragen, ohne daß die beiden identisch sind. Die europäische Expansionspolitik mit ihrer schamlosen Rechtfertigung des Völkermords hat Denkgewohnheiten und politische Präzedenzfälle geschaffen, die den Weg frei gemacht haben für immer neue Gewalttätigkeiten. Ihr vorläufig grauenvollster Höhepunkt war der Holocaust. (S. 15)

Und:

Auschwitz war die moderne und industrielle Umsetzung einer Politik der Völkervernichtung, auf der die Weltmacht der Europäer sich seit langem gründete. (S. 210)

Europa - ein Alptraum:

Mein Magen hat sich in eine große Blutblase verwandelt. Mein ganzer Bauch ist voll schwarzen Blutes. Wie ein Zehnagel, der langsam schwarz wird und abfällt, wenn das Blut darunter geronnen ist, wird mein ganzer Körper schwarz und fällt auseinander. Was übrig bleibt, ist das pulsierende Blut hinter einem dünnen Häutchen, das wie eine Seifenblase schimmert. Ein riesiger Tropfen schwarzen Blutes, für einen kurzen Augenblick nur durch seine Oberflächenspannung zusammengehalten - das bin ich, bevor ich platze. (S. 208)

Aber nein, sei ohne Sorge:

Mein Tod wird weiß sein. Mein Tod wird hygienisch sein. Krankenversichert. Sterbeversichert. Ein weißer Tod mit weißen Sicherheiten, mit weißem Luxus und weißen Privilegien, ein weißer Tod für eine weiße Ewigkeit. (Wirz, S. 78f.)

Sven Lindqvist, Durch das Herz der Finsternis - Ein Afrika-Reisender auf den Spuren des europäischen Völkermords, Frankfurt, New York 1999 (schwedisch 1992)

Mario Wirz, Es ist spät, ich kann nicht atmen - Ein nächtlicher Bericht, Berlin 1992

PS: Es war Noam Chomskys Text Gaza 2009 (pdf), der mich auf das Buch von Lindqvist brachte.

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Monitor Nr. 39: Die beerdigte Nation

Mittwoch, 11. März 2009 15:34

Im Monitor Nr. 39 (Seite 8) des Antifaschistischen Pressearchivs wird Die beerdigte Nation kurz erwähnt. Den Namen eines Autors falsch zu schreiben ist nicht schön aber verzeihlich, weniger Nachsicht gilt für inhaltliche Fehler. Es befinden sich gerade keine Denkmale der NS-Zeit auf dem Friedhof Columbiadamm. Das Gros der Ehrenmale stammt aus der Weimarer Republik, während der NS-Zeit wurde lediglich ein Ehrenmal für die Jugendwehren des Ersten Weltkriegs eingeweiht (Beerdigte Nation, S. 109ff.). Dieses ist 1946 auf Befehl der Alliierten (als einziges) demontiert worden.

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Kleine Alltagsfreuden

Sonntag, 8. März 2009 18:30

Schaufenster oh*21Nein, nicht der Internationale Frauentag, sondern Die beerdigte Nation in illustrer Gesellschaft im Schaufenster des Buchladens oh*21 gereicht mir zur Freude.

Schaufenster oh*21, Detail

Rechts vorne im Bild übrigens das Buch Banal Militarism, zu dem mein Co-Autor Markus Euskirchen auch einen Beitrag beisteuerte.

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Die Hoden sind unser Unglück

Dienstag, 24. Februar 2009 3:35

Der Königsweg zum innersten Geheimnis und zur Wurzel des Antisemitismus wird sich auch bei Entschlüsselung des sexuellen Neidmotivs nicht auftun. Die Erregung der Antisemiten über das ekstatische, von einem wurzellosen Juden bedichtete Jauchzen ihrer Bräute [gemeint ist Paul Mayers Gedicht Ahasvers fröhlich Wanderlied (1913)] deutet aber darauf hin, daß es sich lohnen könnte, dieser Spur zu folgen, auch auf einigen Seitenwegen, von der Judenfeindschaft in der Antike über den christlichen Antijudaismus, den allmählich sich herausbildenden modernen Antisemitismus und seine rassenideologische Radikalisierung bis hin zur antizionistischen Greuelpropaganda arabischer Medien, die inzwischen jedes einst im Abendland ausgestreute Gerücht über die Juden aufgegriffen haben und nach Kräften kolportieren. (S. 278)

Gerhard Henschel - NeidgeschreiSo resümiert Gerhard Henschel gegen Ende seines Buchs Neidgeschrei - Antisemitismus und Sexualität in aller Bescheidenheit und man könnte meinen, er habe auf den vorhergegangenen Seiten nichts Wesentliches zur Befestigung dieses Trampelpfades beigetragen. Mitnichten.

Henschel breitet in zwölf Kapiteln ein bestürzendes sexualantisemitisches Panoptikum von der Antike bis zur Gegenwart aus. In acht Jahren Arbeit hat der “Großkunde der Hamburger Staatsbibliothek” (Henschel über Henschel in der Sendung Zwischentöne im Deutschlandfunk) unglaublich viele Quellen gesichtet, ausgewählt, unter verschiedenen Aspekten sortiert und zusammengefügt. Meist moderiert er, nur gelegentlich streut er spitze Bemerkungen ein oder fällt mit zitierter Gegenrede ins Wort. Manchmal will sich das sperrige und hanebüchene Material nur ungenügend in einen Lesefluß zwingen lassen; läßt man sich davon aber nicht schrecken und macht sich auch noch die Mühe, die vorbildlich gepflegten Fußnoten mitzulesen, erhält man nicht nur einen tiefen Einblick in die (Sexual-)Pathologie des Antisemitismus, sondern wird ebenso mit einem bunten Strauß neuer Leseanregungen belohnt.

Das erste Kapitel etwa befaßt sich mit dem 1917 veröffentlichten “sexualantisemitischen Bestseller” Die Sünde wider das Blut von Artur Dinter. Hier wird dem arischen Romanhelden von seiner ebenso reinrassigen Ehefrau (”blonde Nordgermanen”) ein Kind geboren:

Aber zu seinem und seiner Frau Entsetzen geschah das ganz Unfaßliche, ganz Ungeheure, sie gebar ein Kind mit schwarzem Kraushaar, dunkler Haut und dunklen Augen, ein echtes Judenkind.

Wie konnte es dazu kommen? Natürlich lag es an der Frau. Sie gilt - nur nebenbei - dem völkischen Mann im allgemeinen seit jeher als unsichere Kantonistin. Diese hier im besonderen hatte sich von einem “getauften jüdischen Offizier”, wie sie nun gestehen mußte, verführen lassen. Nur um Mißverständnisse zu vermeiden: das Kind war nicht etwa von diesem Offizier - die Geschichte war lange her. Der Fall liegt anders. Henschel:

Die Theorie, daß der empfangene männliche Samen eine Frau für immer präge, wurde im frühen zwanzigsten Jahrhundert [nicht nur von völkischen Eugenikern, sondern] auch von Medizinern, Psychologen und Pädagogen vertreten.

Der Esoteriker Rudolf Steiner hält 1922 sogar nicht einmal Sperma für erforderlich:

Ja, ich bin meinerseits davon überzeugt, wenn wir noch eine Anzahl Negerromane kriegen, und wir geben diese Negerromane den schwangeren Frauen zu lesen, in der ersten Zeit der Schwangerschaft namentlich, wo sie heute ja gerade solche Gelüste manchmal entwickeln können - wir geben diese Negerromane den schwangeren Frauen zu lesen, da braucht gar nicht dafür gesorgt werden, daß Neger nach Europa kommen, damit Mulatten entstehen; da entsteht durch rein geistiges Lesen von Negerromanen eine ganze Anzahl von Kindern in Europa, die ganz grau sind, Mulattenhaare haben werden, die mulattenähnlich aussehen werden!

Dinter läßt es seinen Romanhelden etwas zoologischer ausdrücken:

Es ist ein bedeutungsvolles und in der Tierzucht ganz bekanntes Rassegesetz, daß ein edelrassiges Weibchen zur edeln Nachzucht für immer untauglich wird, wenn es nur ein einziges Mal von einem Männchen minderwertiger Rasse befruchtet wird. Durch eine solche aus unedlem männlichen Blute erzeugte Mutterschaft wird der ganze Organismus des edelrassigen weiblichen Geschöpfs vergiftet und nach der unedeln Rasse hin verändert, so daß es nur noch imstande ist, unedle Nachkommen zur Welt zu bringen, selbst im Falle der Befruchtung durch ein edelrassiges Männchen. Je höher entwickelter ein Lebewesen ist, um so eindringlicher tritt dieses Rassegesetz in die Erscheinung und seine höchste und folgenschwerste Wirkung erreicht es natürlich beim Menschen. Nun ermesse man den Schaden, der jahraus jahrein der deutschen Rasse durch die Judenjünglinge zugefügt wird, die alljährlich tausende und abertausende deutscher Mädchen verführen! (alle Zitate S. 37-41)

Hier schließt also gleich das sexualantisemitische Vorurteil an, daß Juden blonden Hüterinnen der arischen Art nachstellten, nicht nur aus grundsätzlicher Lüsternheit (ein weiteres), sondern zuvorderst um sie für die Rassezucht für immer zu verderben. Und dies ist nur eines unter sehr, sehr vielen, die Henschel ausbreitet. Am Beispiel von Houston Stewart Chamberlain macht er deutlich: das Weltbild des Antisemiten ist hermetisch, Auswege gibt es keine. Henschel:

Ob sie sich abschotteten oder assimilierten, ob sie orthodox blieben oder konvertierten, ob sie ihr Blut rein erhielten oder mischten - weder so noch so konnten es die Juden den Antisemiten recht machen. Heirateten die Juden unter sich, dann zählten sie zum fleckenlosen, nach der Weltherrschaft greifenden Hauptstock; gingen sie Mischehen ein, so schwächten sie die Nachkommenschaft ihrer Feinde, um noch geschmeidiger nach der Weltherrschaft greifen zu können. Und hinter allem steckte ein meisterlich konstruierter Geheimplan, in biblischer Zeit von machthungrigen Erzvätern ausgeheckt und seither bis ins kleinste befolgt von Millionen Juden in der Diaspora, von Mesopotamien über Kyritz an der Knatter bis Manhattan. Der Einwand, daß es schlechterdings unmöglich sei, so viele Komplizen über einen so langen Zeitraum in ein Komplott einzubinden, geht fehl: Damit der große Plan sich erfülle, mußten die Juden keine einzige Verhaltensmaßregel einhalten. Es stand ihnen gänzlich frei, Rabbiner oder Hollywoodmogul zu werden, Bolschewist oder Bankier, Gigolo oder Ölmagnat oder auch nur Scherenschleifer und Lumpensammler: in jeder dieser Rollen trugen sie, bewußt oder unbewußt, gewollt oder ungewollt, ihr Scherflein zum Gelingen der Verschwörung bei. So raffiniert war der Plan, daß er die Möglichkeit, ihm entgegenzuwirken ausschloß, denn die Juden mußten ihn nicht einmal kennen, um sich nach ihm zu richten; ja, sie mußten sich nicht einmal nach ihm richten, um sich nach ihm zu richten, denn es war ihnen gar nicht möglich, etwas zu tun, das ihm nicht entsprach [...]. Es bedurfte fürwahr einer stupenden politischen Meisterschaft, eine Welteroberungsstrategie zu entwickeln, die unfehlbar aufgehen mußte, auch wenn sich niemand daran hielt und sie allein den Antisemiten bekannt war. (S. 187f.)

Im vorletzten Kapitel fragt Henschel nach den Gründen für den Antisemitismus. Am plausibelsten erscheint ihm Jean-Paul Sartre, der in seinen Betrachtungen zur Judenfrage versuchte, den Antrieb eines Antisemiten zu begreifen:

Er kann sich so bis zur Besessenheit unzüchtige oder verbrecherische Handlungen vorstellen, die ihn erregen und seine perversen Neigungen befriedigen, aber da er sie zu gleicher Zeit diesen schamlosen Juden zuschreibt, die er mit unsäglicher Verachtung straft, so befriedigt er sich, ohne sich etwas zu vergeben. (S. 261)

Den meisten ebenfalls in diesem Kapitel vorgestellten tiefenpsychologischen Deutungsversuchen erteilt Henschel eine Absage, der “abstrusesten Theorie” von Béla Grunberger und Pierre Dessuant (Narzißmus, Christentum, Antisemitismus. Eine psychoanalytische Untersuchung, Stuttgart 2000) allemal:

Die zweite erhebliche Verdauungsstörung Hitlers ging im engeren Sinne auf seine nichtintegrierte Analität zurück: Er hatte chronische Verstopfung und litt an Magenschmerzen, Magenkrämpfen und Flatulenzen (die Gase haben bei Hitler die bekannte todbringende Rolle gespielt). [...] Angesichts der psychischen Organisation Hitlers, bei dem die Genitalität durch die - wiederum oralisierte (narzissierte) - Analität ersetzt war, sei uns der Gedanke erlaubt, daß sich die Phantasiebildung des Führers anstelle einer genitalen Orientierung auf die analen und oralen Bereiche beschränkte; der Penis war durch den Fäkalzylinder ersetzt, die Vagina durch die unteren und oberen Extremitäten des Verdauungskanals. [...] Was waren die Vernichtungslager mit ihren Gaskammern, Verbrennungsöfen und Sammelgräbern, wo die Leichen verwesten, anderes als riesige reptilienhafte Verdauungsorgane? Die Struktur des Konzentrationslagers war aufgebaut wie eine gigantische Kolon-Struktur, deren Anus an den Mund Hitlers erinnert, der die Exkremente seiner Sexualpartnerinnen verschluckt.

Henschel meint, man müsse lange nachdenken, wollte man eine aberwitzigere Erklärung für den Holocaust ersinnen. Aber auch sein abschließender Ausblick auf die “islamischen Diskursbeiträge” stimmen alles andere als tröstlich:

Aus den permissiven Gesellschaften des Westens ist der Sexualantisemitismus ins Morgenland umgezogen, gemeinsam mit etlichen alten Nazis und beflügelt durch arabische Übersetzungen von Adolf Hitlers ‘Mein Kampf‘ und der gefälschten ‘Protokolle der Weisen von Zion‘, auf die sich auch Ayatollah Chomeini berufen hat. Islamische Fundamentalisten haben Übung darin, mit Hitler zu symphatisieren, sich einen neuen Holocaust herbeizuwünschen und zugleich abzustreiten, daß es dafür irgendein historisches Vorbild gebe. In der bis zur Nekrophilie gesteigerten Verherrlichung des Opfertodes kommen die Ideale der SS und der muslimischen Gotteskrieger zur Deckung. (S. 282)

Und auch Chomeinis Ausmerzungsfantasien (Fn. 7, S. 359) gleichen denen Himmlers frappierend.

Gerhard Henschels Neidgeschrei ist ein reiches, mit hohem Aufwand geschriebenes Buch, das zu wenige Leser finden wird. Vielen wird es zu akademisch anmuten und die historische Zunft wird Vorbehalte hegen gegen einen vielseitigen Schriftsteller, der als Satiriker gilt. Dem Neidgeschrei bleibt nur das Niemandsland - aber hier wohnen ja bekanntlich die hübschesten Bücher und die verwegensten Leser.

PS: Da es in Henschels Buch keinen Platz fand, aber meine erste Buchassoziation zu seinem war, sei zur Parallellektüre ans Herz gelegt: George L. Mosse, Nationalismus und Sexualität, München 1985.

Bild: Hoffmann und Campe

Gerhard Henschel, Neidgeschrei - Antisemitismus und Sexualität, Hamburg 2008

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