Beitrags-Archiv für die Kategorie 'Bücher'

Jetzt im Handel: Die beerdigte Nation

Sonntag, 25. Januar 2009 20:38

Es gibt noch weit beunruhigendere Betrachtungen hier! Setzen wir, daß man vom 5000. Tage an leidlich mit Verstand zu lesen fähig sei; dann hätte man, bei einem green old age von 20 000, demnach rund 15 000 Lesetage zur Verfügung. Nun kommt es natürlich ebenso auf das betreffende Buch wie auch auf die literarische Aufnahmefähigkeit an. [...] Sagen wir, durchschnittlich alle fünf Tage ein neues Buch — dann ergibt sich der erschreckende Umstand, daß man im Laufe des Lebens nur 3000 Bücher zu lesen vermag! Und selbst, wenn man nur drei Tage für eines benötigte, wären’s immer erst arme 5000. Da sollte es doch wahrlich, bei Erwägung der Tatsache, daß es bereits zwischen 10 und 20 Millionen verschiedener Bücher auf unserem Erdrund gibt, sorgfältig auswählen heißen. Ich möchte es noch heilsamschroffer formulieren: Sie haben einfach keine Zeit, Kitsch oder auch nur Durchschnittliches zu lesen: Sie schaffen in Ihrem Leben nicht einmal sämtliche Bände der Hochliteratur!

Arno Schmidt, Julianische Tage (1961)

Die beerdigte Nation

Ab sofort im Handel:

Arndt Beck / Markus Euskirchen
Die beerdigte Nation – ‘Gefallenen’-Gedenken von 1813 bis heute
2009 by Karin Kramer Verlag Berlin
166 Seiten, zahlreiche farbige und schwarz/weiße Abbildungen, Englisch Broschur
ISBN 978-3-87956-334-0
24,80 €.

Website zum Buch

Aber Vorsicht: Behaupten Sie nicht, Schmidt hätte Sie nicht zur sorgsamen Auswahl gemahnt!

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14. November: H.J. Psotta liest aus ASFIXIA

Freitag, 7. November 2008 13:08

Im Rahmen der Ausstellung HELDENGEDENKEN liest Helmut J. Psotta aus seinem unveröffentlichten Roman ASFIXIA.

Im Winter 1969/70 hatte Helmut J. Psotta einen äußerst klaren und symbolhaften Fiebertraum, eine Phantasie, die sich zwischen faschistischer Ästhetik und post-modernem Körperkult bewegt und damit thematisch nahtlos in die Ausstellung HELDENGEDENKEN einfügt.

Er protokollierte sofort nach dem Erwachen die “Handlung”. Knapp 30 Jahre später fand er die Protokolle wieder und erarbeitete auf dieser Grundlage einen Roman, der ebenso als Drehbuch konzipiert ist. Erstmals liest nun Helmut J. Psotta aus ASFIXIA – Der Orpheus-Traum.

Ich kann nur empfehlen sich diesen ungewöhnlichen Abend nicht entgehen zu lassen.

Freitag, 14. November 2008, 19.30 Uhr

studio im hochhaus – kunst- und literaturwerkstatt

Zingster Straße 25, 13051 Berlin (Hohenschönhausen)

Telefon / Fax: + 49(0)30 – 929 38 21

Eintritt: 4,- / erm.: 2,- €

S 75 bis Wartenberg oder Hohenschönhausen; Tram M4, M5 / Ahrenshooper Str.; M4, M17 / Prerower Platz (4 Minuten Fußweg) Kartenvorbestellungen: Mo – Do 11 bis 19 und Fr 11 bis 16 Uhr

Thema: Bücher, Kunst, Veranstaltungen | Kommentare (0) | Autor:

Subskriptionsaufruf

Mittwoch, 23. Juli 2008 20:23

Die beerdigte NationDer Karin Kramer Verlag Berlin und ich rufen gemeinsam zur Subskription für mein Buch Die beerdigte Nation›Gefallenen‹-Gedenken von 1813 bis heute auf.

Es wird mit zahlreichen farbigen und schwarzweißen Abbildungen im Format 16 x 24 cm und einem Umfang von etwa 160 Seiten voraussichtlich im Oktober 2008 erscheinen.

Der Subskriptionspreis beträgt 20,- € (zzgl. 2,50 € Versandkosten, Ladenpreis: 24,80 €). Außerdem bietet der Verlag eine auf 25 Exemplare begrenzte, numerierte Vorzugsausgabe mit limitiertem Handabzug (Vintage Print) des Titelbilds (20 x 30 cm, siehe links) zum Preis von 35,- € an (später: 49,- €).

Begleitend zum Buch ist seit heute eine Website online, die einige Eindrücke davon gibt und es ergänzt. Zudem ist mit diesem Eintrag die Kategorie Die beerdigte Nation in diesem Blog eingerichtet, unter der alle zukünftigen das Buch betreffenden Einträge abgelegt werden.

Thema: Allgemein, Bücher, Die beerdigte Nation | Kommentare (0) | Autor:

Venezolanische Charme-Offensive

Freitag, 27. Juni 2008 19:34

Der hochbegabte venezolanische Exportschlager Gustavo Dudamel und seine Sinfónica de la Juventud Venezolana Simón Bolívar machen nicht einfach nur Musik. Das ist hinterhältigste bolivarische Propaganda, gegen die nicht einmal unser konservatives Bürgertum gefeit ist. Guerillakampf war gestern. Die nächste Revolution beginnt in den Konzertsälen. Und hier ist sie auch notwendig, wußte doch schon Walter Hasenclever: Die Mörder sitzen in der Oper.

Dudamel präsentiert den 2. Satz der 10. Sinfonie, mit dem Dmitri Schostakowitsch versuchte, Stalin zu charakterisieren. Und Freunde hinkender Vergleiche brauchen nur noch eins und eins zusammenzuzählen.

Wer dennoch (oder gerade deshalb) von Schostakowitsch nicht lassen kann, dem sei das Buch Stalin und Schostakowitsch von Solomon Wolkow ans Herz gelegt. Alle anderen sollen sich an Christoph Twickels Chávez-Biografie abarbeiten.

Thema: Allgemein, Bücher, Musik, Videos | Kommentare (0) | Autor:

Billig, aber nicht umsonst

Samstag, 7. Juni 2008 1:55

Optimismus ist lediglich ein Mangel an Information. Heiner Müller

Harald Welzer, Klimakriege

Gelegentlich findet man bei der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) Bücher, die über den Vorwurf der Propaganda erhaben sind. Klimakriege von Harald Welzer ist so ein Buch.

Hat man es gelesen, ist man einigermaßen konsterniert – über den Zustand der Welt ebenso wie über den eigenen. Welzer legt nüchtern dar, wie gesellschaftliche Entwicklungen in die Irre laufen können, widervernünftige Dynamiken entwickeln, die nichts als verbrannte Erde hinterlassen. Und die (eigene) menschliche Psyche ist dabei stets bereit, die Maßstäbe neu zu setzen. Shifting baselines nennt der Autor diese schleichende Anpassung, die es etwa ermöglicht, aus zivil verfassten Gesellschaften innerhalb weniger Jahre mordende Volksgemeinschaften werden zu lassen und – dies vielleicht das Entscheidende – es den Mördern erlaubt, ihr Vorgehen für ‘normal’ zu halten.

Welzers Horizont ist weit, sein Stil ist klar und als Wissenschaftler ist er es gewohnt, seine Quellen in einem oft noch viele weitere Anregungen bietenden Anmerkungsapparat genau zu belegen. Sein Pessimismus entspringt der realistischen, gut informierten Einschätzung:

Auch auf diese Weise lässt sich der Prozess der Globalisierung beschreiben – als ein sich beschleunigender Vorgang sozialer Entropie, der die Kulturen auflöst und am Ende, wenn es schlecht ausgeht, nur noch die Unterschiedslosigkeit zurücklässt. Das allerdings wäre die Apotheose jener Gewalt, zu deren Abschaffung die Aufklärung und mit ihr die westliche Kultur den Schlüssel gefunden zu haben glaubte. Aber von der neuzeitlichen Sklavenarbeit und der gnadenlosen Ausbeutung der Kolonien bis zur frühindustriellen Zerstörung der Lebensgrundlagen von Menschen, die mit diesem Programm nicht das Geringste zu tun hatten, schreibt die Geschichte des freien, demokratischen, aufgeklärten Westens eben doch seine Gegengeschichte der Unfreiheit, Unterdrückung und Gegenaufklärung. Aus dieser Dialektik, das zeigt die Zukunft der Klimafolgen, wird die Aufklärung sich nicht entlassen können. Sie wird an ihr scheitern.

Bei der bpb kostet das Buch 4,- € und wenn man es in einen alten Briefumschlag hüllt, sieht es auch noch passabel aus. Mit etwas Glück überlebt es die kommenden Katastrophen.

Rezension im Deutschlandfunk von Britta Fecke

Harald Welzer, Klimakriege, Frankfurt am Main 2008, S.278; Zitat Müller nach: ebenda, S. 273

Nachtrag, 12.06.08:

Rudolf Walther beurteilt das Buch im Freitag kritischer. Was mir als weiter Horizont erscheint, nennt er “hoffnungslos überladen und schlecht strukturiert.” Und wenn er das Buch auch nicht in Bausch und Bogen verdammt, am Ende hört es sich doch so an:

Welzers oberflächliche Verwurstung der Dialektik der Aufklärungwie diese ist auch sein Buch im S. Fischer Verlag erschienen – kann man je nach Temperament als Ironie der Verlagsgeschichte oder Peinlichkeit deuten.

Nachtrag, 16.06.08:

Radioessay von Harald Welzer im Deutschlandfunk zum Lesen oder Hören.

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