Beitrags-Archiv für die Kategory 'Gedichte'

Madrigale an Gott

Sonntag, 2. November 2008 12:34

I.

Gott, ändere mich! Ändere meine Sucht,
sterben zu wollen … Aber Du schweigst
über den Wunden des verlorenen Schäfleins,
über dem Sterbenden, der schön
ist von nackter Sehnsucht.
Und nunmehr sind nicht einmal mehr vermessen
meine, des schüchternen Rebellen, Schmähungen:
dort wo Du schweigst,
schweigt mein nicht mehr entrüstetes Herz,
ohnmächtiger Zuschauer,
mitwissender Hüter:
nur daß die Feigheit keine Mäßigung kennt.

II.

Meine lange Vakanz ist zu fröhlich
und meine abgestumpfte Freiheit
im Verachten wird zum
Mißbrauch, stockendes Leben meiner Träume.
Idiotengott, gebiete mir
meine Unaufrichtigkeit und, so ich,
ehrlich, Dich in jeder
meiner Taten schmähe, beschäme mich!
(Du läßt dich schmähen … Bist die Schmähung!
Und kannst mich nicht strafen
noch am Ende schrecken:
der nicht zu Dir betet, ist nicht reif.)

III.

Verstoße oder leite irr den schüchternen Knaben
mit der entfesselten Kunst der Freude
Vergnügen oder Verdruß,
und der Vater ist machtlos mit dieser BLUME.
Nicht der Azur ist schuldig
an seinem Azur, und was nützt,
ihn zu strafen? Er hat kein Herz.
Dann aber: Du ERZEUGER,
töte mich: oder willst Du, daß ich
noch weiter Dich höhne
mit leichter
Arglosigkeit? (Es ist wirklich
ein Kind, das dich fordert.)

IV.

Als noch der Welt das Herz und dem Herzen
die Welt verborgen war, glühte ich, scheu und hingerissen
von stolzer Befriedigung
und mein Leben aus Fehlern war ein Roman …
Ein verlorner Roman
zwischen den glücklichen Phantomen
dessen, der an einer Liebe stirbt, die er nicht kennt.
Jetzt wiederholt das stumme Weiß
dieser letzten Seite, das entblendete
Heute, ein einziges
Wort, ein einziges
Wort, wiederholt wie im Wahn.

V.

Als ich nicht mehr aus Liebe weinte,
sah ich deinen Blitz in meinen Tränen,
nicht Dich, Deinen Blitz, nicht Deine
heiligen Engel, aber doch Deine herzlosen Engel.
Doch die Viole hat gesungen und
verstummen kann sie nicht mehr: sie singt,
sie lästert Dich …
Du willst keinen Gesang, willst nur Treue!
Du verlangst Nüchternheit, ich fürchte sie,
Du verlangst das Vergessen und ich zittre
nur vor Erinnerungen. Darum führt
Dein Licht, das in mir ist, nicht zu Dir.

Pier Paolo Pasolini, 1948/49, nach: derselbe, Die Nachtigall der katholischen Kirche, München 1989, S. 178-183 (Übersetzung von Toni und Bettina Kienlechner)

[Heute vor 33 Jahren wurde Pier Paolo Pasolini ermordet.]

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Auf dem Marsch

Sonntag, 5. Oktober 2008 3:50

Die Beine baumeln in den Hüften
Und unsre Knie beugen sich nach vorne tiefer.
Sehr langsam wird die Straße überwunden.
Durch Brandstätten und Mordfelder,
Vor denen uns nicht mehr schauert.
Durch neue Ernte, und Sonne, Sonne,
Die uns nicht mehr wärmt.
Vom vielen Hängen sind die Hände geschwollen.
Das böse Schuhzeug reißt die Füße wund.
Von Schweiß und Staub ist das Gehirn verklebt.
Schlapp zum Hinschlagen.
Aber die Herde treibt alle weiter.
Aus müden Mündern fallen lalle Lieder.
Nur um den Takt.
Kein Mensch freut oder ärgert sich
Über den lieben Gott oder das Vaterland,
Von dem sein Sang singsangt.
Es gibt überhaupt nicht Freude und Haß mehr in uns.
Wir sind so sehr verkommen.
Nur selten richten sich Lustigkeiten auf
Und sind mechanisch.
Manchmal (sehr trostlos) quält einen
Eine Erinnerung: Du meine Mutter
Und: Du meine liebe Frau.
Dann wieder fällt er in die alte Starre
Und stiert vor sich, auf die Kanonenräder,
Die mühsam greifenden,
Wie vom zermahlenen Stein
Die Pulverwolke steigt.
Die Marschkolonne hat den Gleichschritt aufgegeben.
Jeder pendelt im Gleichschritt seiner Körpermaschine.
Irrsinnig eintönig. Irrsinnig eintönig.

Oskar Kanehl, zuerst in: Die Aktion, Nr. 5, Berlin, 25. September 1915, Sp. 489f.

[Heute vor 120 Jahren wurde Oskar Kanehl in Berlin geboren.]

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Am Barren

Donnerstag, 7. August 2008 11:09

(Alla donna tedesca)

Deutsche Frau, dich ruft der Barrn,
Denn dies trauliche Geländer
Fördert nicht nur Hirn und Harn,
Sondern auch die Muskelbänder,
Unterleib und Oberlippe.
Sollst, das Hüftgelenk zu stählen,
Dich im Knickstütz ihm vermählen.
Deutsches Weib, komm: Kippe, Kippe!

Deutsche Frau, nun laß dich wieder
Ellengriffs im Schwimmhang nieder.
So, nun Hackenschluß! Und schwinge!
Schwinge! Hurtig rum den Leib!
O, es gibt noch wundervolle
Dinge. Rolle vorwärts! Rolle!
Rolle rückwärts, deutsches Weib!

Deutsche Jungfrau, weg das Armband!
In die Hose! Aus dem Rocke!
Aus dem Streckstütz in den Armstand,
Nun die Flanke. Sehr gut! Danke!
Deutsches Mädchen - Hocke, Hocke!

Mußt dich keck emanzipieren
Und mit kindlichem “Ätsch-Ätsche”
Über Männer triumphieren,
Mußt wie Bombe und Kartätsche
Deine Kräfte demonstrieren.
Deutsches Mädchen - Grätsche! Grätsche!

Joachim Ringelnatz, aus: derselbe, Turngedichte, Berlin 1974 [1923], S. 16

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Abends zähl ich Lamm um Lamm …

Montag, 30. Juni 2008 9:04

Abends zähl ich Lamm um Lamm,
lehnend an dem Feigenstamm,
gebe jedem seinen Namen,
streu mein Herz als wilden Samen
in den Wüstenwind.
Ruf die Sichel frühen Mondes,
daß sie mir ein weiches blondes
Gräslein mähe für mein Kind.
Eine schlanke Ringelnatter
bitte ich mir zum Gevatter
und sie hängt ihr zieres Krönlein
freundlich für mein Wundersöhnlein
auf im Feigenbaum.
Aber dann die Morgenröte
weckt mit ihrer Sorgenflöte
jäh mich aus dem Traum.
Hab kein Kindlein, keine Tiere,
und der Stamm, an dem ich friere,
trägt nicht eine Frucht.
Lauernd und verrucht
kühlt die kronenlose Schlange
meine warmgeträumte Wange.

Christine Lavant, zuerst in: dieselbe, Die Bettlerschale, Salzburg 1956, hier nach: Hubert Fichte, Mein Lesebuch, Frankfurt am Main 1976, S. 186f.

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TRAUMWALD

Montag, 16. Juni 2008 23:35

Heut nacht durchschritt ich einen Wald im Traum
Er war voll Grauen Nach dem Alphabet
Mit leeren Augen die kein Blick versteht
Standen die Tiere zwischen Baum und Baum
Vom Frost in Stein gehaun Aus dem Spalier
Der Fichten mir entgegen durch den Schnee
Trat klirrend träum ich seh ich was ich seh
Ein Kind in Rüstung Harnisch und Visier
Im Arm die Lanze Deren Spitze blinkt
Im Fichtendunkel das die Sonne trinkt
Die letzte Tagesspur ein goldner Strich
Hinter dem Traumwald der zum Sterben winkt
Und in dem Lidschlag zwischen Stoß und Stich
Sah mein Gesicht mich an: das Kind war ich.

1994

Heiner Müller, zuerst in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9. Januar 1995 (o. T. und in orthographisch anderer Fassung), hier nach: derselbe, Werke 1, Die Gedichte (hg. von Frank Hörnigk), Frankfurt am Main 1998, S. 298

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