Beitrags-Archiv für die Kategorie 'Jahrestage'

Wer Bananen essen will, muß Neger verhungern lassen

Montag, 9. November 2009 20:55

Der Sieg des Feindes versetzt mich nicht in Traurigkeit, eine Niederlage ist eine Niederlage, das sind Angelegenheiten bloß eines Jahrhunderts. Was mich verblüfft, ist die vollkommene Wehrlosigkeit, mit der dem Westen Einlaß gewährt wird, das einverständige, ganz selbstverständliche Zurückweichen, die Selbstvernichtung der Kommunisten. Ich habe jeglichen Glauben verloren!, das heißt: Ich bin bereit, mich dem Westen vollkommen zu überlassen. Kaum ist Honecker gestürzt, da lösen die Universitäten den Marxismus auf, da wirbt die DEWAG für David Bowie (immerhin), da druckt die FF dabei Horoskope und die Schriftsteller gründen Beratungsstellen für ihre Leser oder gleich eine SPD. Wo haben sie ihre Geschichtsbücher gelassen? Die Kommunisten verschenken ihre Verlage, die ungarische Regierung richtet in ihrem Land einen Radiosender der CIA ein, und der Schriftstellerverband der DDR protestiert gegen die Subventionen, die er vom Staat erhält. Sie sind allesamt verrückt geworden.

Die DDR hat den Beweis erbracht, daß Zeitungsredakteure, wenn man sie nur läßt, nicht klügere Zeitungen machen sondern dümmere. Früher stand in den Zeitungen gar nichts, heute steht das Falsche drin; die Welt handelt absurd, wenn sie uns vor solch furchtbare Wahl stellt, aber wenn ich es muß, wähle ich den ersten Zustand.

Die DDR hat sich wehrlos gemacht, systematisch, mit offenen Augen. Endlich können wir auch die Erfahrungen der Linken im Westen verwerten!, das heißt: Wir werden sie bitter nötig haben. Wer die Gewerkschaft fordert, wird den Unternehmerverband kriegen. Wer den Videorekorder will, wird die Videofilme kriegen. Wer die Buntheit des Westens will, wird die Verzweiflung des Westens kriegen. Wer Bananen essen will, muß Neger verhungern lassen. Wer die Spaltung Europas überwinden will, muß den Westen siegen lassen.

[...] Am 9. November 1989 hat in Deutschland die Konterrevolution gesiegt. Ich glaube nicht, daß man ohne diese Erkenntnis in der Zukunft wird Bücher schreiben können.

Ronald M. Schernikau, aus: Rede auf dem Kongreß der Schriftsteller der DDR, 1. bis 3. März 1990, auch in: derselbe, Königin im Dreck, Berlin 2009, S. 225-228

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Größer als wie wir

Donnerstag, 23. April 2009 11:27

Kurz verlinkt: Ein Kalenderblatt zum 80. des Literaturwissenschaftlers und Philosophen George Steiner. Und das Interview, das mich auf ihn aufmerksam machte.

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Madrigale an Gott

Sonntag, 2. November 2008 12:34

I.

Gott, ändere mich! Ändere meine Sucht,
sterben zu wollen … Aber Du schweigst
über den Wunden des verlorenen Schäfleins,
über dem Sterbenden, der schön
ist von nackter Sehnsucht.
Und nunmehr sind nicht einmal mehr vermessen
meine, des schüchternen Rebellen, Schmähungen:
dort wo Du schweigst,
schweigt mein nicht mehr entrüstetes Herz,
ohnmächtiger Zuschauer,
mitwissender Hüter:
nur daß die Feigheit keine Mäßigung kennt.

II.

Meine lange Vakanz ist zu fröhlich
und meine abgestumpfte Freiheit
im Verachten wird zum
Mißbrauch, stockendes Leben meiner Träume.
Idiotengott, gebiete mir
meine Unaufrichtigkeit und, so ich,
ehrlich, Dich in jeder
meiner Taten schmähe, beschäme mich!
(Du läßt dich schmähen … Bist die Schmähung!
Und kannst mich nicht strafen
noch am Ende schrecken:
der nicht zu Dir betet, ist nicht reif.)

III.

Verstoße oder leite irr den schüchternen Knaben
mit der entfesselten Kunst der Freude
Vergnügen oder Verdruß,
und der Vater ist machtlos mit dieser BLUME.
Nicht der Azur ist schuldig
an seinem Azur, und was nützt,
ihn zu strafen? Er hat kein Herz.
Dann aber: Du ERZEUGER,
töte mich: oder willst Du, daß ich
noch weiter Dich höhne
mit leichter
Arglosigkeit? (Es ist wirklich
ein Kind, das dich fordert.)

IV.

Als noch der Welt das Herz und dem Herzen
die Welt verborgen war, glühte ich, scheu und hingerissen
von stolzer Befriedigung
und mein Leben aus Fehlern war ein Roman …
Ein verlorner Roman
zwischen den glücklichen Phantomen
dessen, der an einer Liebe stirbt, die er nicht kennt.
Jetzt wiederholt das stumme Weiß
dieser letzten Seite, das entblendete
Heute, ein einziges
Wort, ein einziges
Wort, wiederholt wie im Wahn.

V.

Als ich nicht mehr aus Liebe weinte,
sah ich deinen Blitz in meinen Tränen,
nicht Dich, Deinen Blitz, nicht Deine
heiligen Engel, aber doch Deine herzlosen Engel.
Doch die Viole hat gesungen und
verstummen kann sie nicht mehr: sie singt,
sie lästert Dich …
Du willst keinen Gesang, willst nur Treue!
Du verlangst Nüchternheit, ich fürchte sie,
Du verlangst das Vergessen und ich zittre
nur vor Erinnerungen. Darum führt
Dein Licht, das in mir ist, nicht zu Dir.

Pier Paolo Pasolini, 1948/49, nach: derselbe, Die Nachtigall der katholischen Kirche, München 1989, S. 178-183 (Übersetzung von Toni und Bettina Kienlechner)

[Heute vor 33 Jahren wurde Pier Paolo Pasolini ermordet.]

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Auf dem Marsch

Sonntag, 5. Oktober 2008 3:50

Die Beine baumeln in den Hüften
Und unsre Knie beugen sich nach vorne tiefer.
Sehr langsam wird die Straße überwunden.
Durch Brandstätten und Mordfelder,
Vor denen uns nicht mehr schauert.
Durch neue Ernte, und Sonne, Sonne,
Die uns nicht mehr wärmt.
Vom vielen Hängen sind die Hände geschwollen.
Das böse Schuhzeug reißt die Füße wund.
Von Schweiß und Staub ist das Gehirn verklebt.
Schlapp zum Hinschlagen.
Aber die Herde treibt alle weiter.
Aus müden Mündern fallen lalle Lieder.
Nur um den Takt.
Kein Mensch freut oder ärgert sich
Über den lieben Gott oder das Vaterland,
Von dem sein Sang singsangt.
Es gibt überhaupt nicht Freude und Haß mehr in uns.
Wir sind so sehr verkommen.
Nur selten richten sich Lustigkeiten auf
Und sind mechanisch.
Manchmal (sehr trostlos) quält einen
Eine Erinnerung: Du meine Mutter
Und: Du meine liebe Frau.
Dann wieder fällt er in die alte Starre
Und stiert vor sich, auf die Kanonenräder,
Die mühsam greifenden,
Wie vom zermahlenen Stein
Die Pulverwolke steigt.
Die Marschkolonne hat den Gleichschritt aufgegeben.
Jeder pendelt im Gleichschritt seiner Körpermaschine.
Irrsinnig eintönig. Irrsinnig eintönig.

Oskar Kanehl, zuerst in: Die Aktion, Nr. 5, Berlin, 25. September 1915, Sp. 489f.

[Heute vor 120 Jahren wurde Oskar Kanehl in Berlin geboren.]

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Am Barren

Donnerstag, 7. August 2008 11:09

(Alla donna tedesca)

Deutsche Frau, dich ruft der Barrn,
Denn dies trauliche Geländer
Fördert nicht nur Hirn und Harn,
Sondern auch die Muskelbänder,
Unterleib und Oberlippe.
Sollst, das Hüftgelenk zu stählen,
Dich im Knickstütz ihm vermählen.
Deutsches Weib, komm: Kippe, Kippe!

Deutsche Frau, nun laß dich wieder
Ellengriffs im Schwimmhang nieder.
So, nun Hackenschluß! Und schwinge!
Schwinge! Hurtig rum den Leib!
O, es gibt noch wundervolle
Dinge. Rolle vorwärts! Rolle!
Rolle rückwärts, deutsches Weib!

Deutsche Jungfrau, weg das Armband!
In die Hose! Aus dem Rocke!
Aus dem Streckstütz in den Armstand,
Nun die Flanke. Sehr gut! Danke!
Deutsches Mädchen – Hocke, Hocke!

Mußt dich keck emanzipieren
Und mit kindlichem “Ätsch-Ätsche”
Über Männer triumphieren,
Mußt wie Bombe und Kartätsche
Deine Kräfte demonstrieren.
Deutsches Mädchen – Grätsche! Grätsche!

Joachim Ringelnatz, aus: derselbe, Turngedichte, Berlin 1974 [1923], S. 16

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Die Besessenen

Freitag, 1. August 2008 12:12

I

Das also ist die Kulturhöhe, die wir erreichten: Hunderttausende, die gesündesten, wertvollsten und wertevollsten Kräfte, zittern, daß ein Ungefähr, ein Wink der Regierer Europas, eine Böswilligkeit oder eine sadistische Laune, ein Cäsarenwahn oder eine Geschäftsspekulation, ein hohles Wort oder ein vager Ehrbegriff, sie morgen aus ihrem Heim jagt, hinweg von Weib und Kind, hinweg von Vater und Mutter, hinweg von allem mühselig Aufgebauten, in den Tod. Der irre Zufall kann heute, kann morgen, kann jede Minute rufen, und alle, alle werden kommen. Der Not gehorchend – aber gehorchend. Anfangs werden sie heulen, da sie ihr bißchen Erdenglück zusammenbrechen sehen, – bald jedoch werden sie, wenn auch nicht mit ganz sauberer Unterwäsche, vom allgemeinen Taumel besessen sein und besinnungslos morden und ermordet werden.

II

Es ist dumm, ein Wort der Vernunft zu sprechen, wenn die Stunde der Vernunft nicht da ist. Heute Manifeste zu schreiben, Resolutionen für den Frieden zu fabrizieren, nichts Zweckloseres gibt es, nichts Belangloseres. Und wenn die internationale Sozialdemokratie jetzt phrasentoll die “Schmach des Krieges brandmarkt”, wo die Genossen sich vielleicht schon zum Marschieren rüsten, sollte man die Führer auslachen oder auspeitschen. Denn allein die Pflichtvergessenheit armseliger Mandatsschacherer ist schuld, daß die Völker Europas noch heute (wie vor 50 Jahren) vor der Möglichkeit eines Weltbrandes zu bangen haben. Wäre die bombastisch quasselnde Viermillionenpartei nicht jahrzehntelang nationalistisch gedrillt worden, wir könnten heute jedes Kriegsgeheul heiter hinnehmen.

III

Möglich, daß die Gefahr, zu neun Zehntel durch gewissenlose Preßpiraten genährt, noch diesmal vorübergeht. Wenn diese Zeilen im Druck erscheinen (ich schreibe sie den 27. Juli im extrablattlosen Ilsenburg), ist das große Massenmorden vielleicht schon wieder vertagt worden. Wir werden dennoch keinen Anlaß zum Jubeln haben: das Bewußtsein bleibt: es kann jede Minute eine neue Gefahr kommen, der Chauvinismus ist die ständige Lebensgefahr der Menschheit. Er, allein er, kann über Nacht aus Millionen Vernunftswesen Besessene machen: dieser Gedanke muß uns wachhalten, auch wenn die Gefahr sich schnarchend stellt.

IV

(Was Deutschland, “realpolitisch” gesehen, von einem Weltkrieg zu hoffen, zu fürchten hat, diese Frage geht nur “Patrioten” an. Unsere Patrioten mögen sich damit abfinden, daß Preußen durch seine Polenpolitik dem Zarismus einen wertvollen Verbündeten gewaltsam aufdrängte, daß Schleswig und Elsaß-Lothringen so wenig Gelegenheit fanden, schwarz-weiß-rot lieben zu lernen.)

Franz Pfemfert in: Die Aktion, Nr. 31, Berlin, 1. August 1914, Sp.671f.

Titelblatt der Vossischen Zeitung, des Vorwärts und der Neuen Preußischen (Kreuz-)Zeitung vom 1. August 1914

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20. Juli 1944

Sonntag, 20. Juli 2008 9:02

21. Juli 1944

Das Attentat also auf Herrn Hitler. Exekutiert durch einen Grafen Stauffenberg [...]. Dahinter: ein Putsch der Generäle, lange erwartet. Ah, wirklich also? Ein wenig spät, Ihr Herren, die Ihr diesen Erzzerstörer Deutschlands gemacht habt, die Ihr ihm nachliefet, solange alles gut zu gehen schien, die Ihr, alle Offiziere der Monarchie, unbedenklich jeden von Euch gerade verlangten Treueid schworet, die Ihr Euch zu armseligen Mamelucken des mit hunderttausend Morden, mit dem Jammer und dem Fluch der Welt belasteten Verbrechers erniedrigt habt und ihn jetzt verratet, wie Ihr vorgestern die Monarchie und gestern die Republik verraten habt. [...] Kokotten jeder Euch just passenden politischen Konjunktur, Renegaten Eurer Vergangenheit, traurige Beischläfer dieser industriellen Oligarchie, mit deren Machtanspruch die Zersetzung unserer gesellschaftlichen und staatlichen Strukturen begann, armselige Planer dieses mißglückten Einbruchdiebstahls, dessen Planung selbst ein Maximum darstellt an politischem Dilettantismus und geopolitischer Unbildung …

[...] Sie decken durch Jahre jeden Verrat, jede Mord- und Schändungsorgie, die deckten sie, weil dieser Hitler sie wieder zum Exponenten dieses preußisch mißbrauchten Deutschlands machte, sie standen, bewaffnete Schreier, bei jedem seiner Schurkenstreiche, sie pfiffen auf das Elend all der Bombenopfer, der Häftlinge in den Konzentrationslagern und der Geistesverfolgung, sie pfiffen auf Deutschland und seinen Geist, weil jede Änderung des Regimes ein Ende ihrer Macht bedeutet hätte …

Und sie verraten jetzt, wo der Bankrott nicht mehr verheimlicht werden kann, die pleitegehende Firma, um sich ein politisches Alibi zu schaffen … sie, die als platteste Machiavellisten noch alles verraten haben, war ihren Machtanspruch belastete.

Das Land trauert um den Mißerfolg dieser Bombe, und ich kann es unmöglich zum Ausdruck bringen, in welchem Maße diese allgemeine Landestrauer auch die meine ist. Die Generale aber? Man soll sie, wenn man Deutschland von der preußischen Häresie befreit, vernichten. Zusammen mit den industriellen Anstiftern dieses Krieges, zusammen mit seinen journalistischen Barden, zusammen mit Herrn Meißner und Hindenburg jun. und nicht zuletzt mit all dem Klüngel, der für das ungeheuerliche Verbrechen des 30. Januar 1933 verantwortlich ist. Diese aber sollen zwanzig Fuß höher hängen als die übrigen.

Mögen die Lebendbleibenden ihr Leben vom Verkaufen von Zündhölzern und Altpapier fristen …

Als Karikaturen ihrer gestohlenen Macht, als Anstifter unermeßlichen Elends.

Ich kann nicht anders.

Friedrich Percyval Reck-Malleczewen, Tagebuch eines Verzweifelten (mit einem Vorwort von Bernt Engelmann), Berlin, Bonn 1981 (1947), S. 159ff.

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