Beitrags-Archiv für die Kategorie 'Musik'

Il Palindromo numero 9

Dienstag, 30. April 2013 17:23

Tre anni circa dopo il suo ingresso, Antonio notò un fatto sorprendente. Quando casualmente levava le mani contro il sole, o anche contro una lampada forte, la luce le attraversava come se fossero di cera; poco dopo, osservò che si svegliava più presto dell’usato al mattino, e si accorse che ciò avveniva perché anche le palpebre erano più trasparenti; anzi, entro pochi giorni divennero trasparenti in misura tale che Antonio distingueva i contorni degli oggetti anche ad occhi chiusi.

aus: Arndt Beck - Kaliningrad ohne Heimweh

Klingt das nicht toll? Auf deutsch hört sich das so an:

“Ungefähr drei Jahre nach seiner Ankunft im Park fiel Antonio etwas Merkwürdiges auf. Wenn er zufällig seine Hände vor die Sonne oder vor eine helle Lampe hielt, dann fiel das Licht durch sie hindurch wie durch Wachs; wenig später bemerkte er, daß er am Morgen früher als gewöhnlich aufwachte, und er stellte fest, daß das geschah, weil auch seine Lider durchsichtiger geworden waren; ja, innerhalb weniger Tage wurden sie so durchsichtig, daß Antonio auch mit geschlossenen Augen die Umrisse der Gegenstände rings um sich erkennen konnte.”

Und weiter:

 

Im ersten Moment maß er der Sache keine Bedeutung bei, aber gegen Ende Mai bemerkte er, daß die ganze Hirnschale durchsichtig zu werden begann. Das war ein komisches und beunruhigendes Gefühl: als ob sein Gesichtsfeld sich immer mehr erweiterte, nicht nur nach den beiden Seiten hin, sondern auch nach oben, unten und nach hinten. Mittlerweile nahm er das Licht wahr, gleich aus welcher Richtung es kam, und bald war er in der Lage zu beobachten, was hinter seinem Rücken vorging. Als er Mitte Juni feststellte, daß er den Stuhl sehen konnte, auf dem er saß, und das Gras unter seinen Füßen, da wurde Antonio klar, daß seine Stunde gekommen war, daß die Erinnerung an ihn verblaßt und seine Zeugenschaft beendet war. Er empfand Trauer darüber, aber weder Schrecken noch Angst. Er verabschiedete sich von James und von seinen neuen Freunden und setzte sich unter eine Eiche, um abzuwarten, daß sein Fleisch und sein Geist sich in Wind und Licht auflösten.

Primo Levi, Nel Parco, in Vizio di Forma [in Tutti i Racconti, Einaudi 2005, pp. 296-297], deutsch: Im Park, in: derselbe, Der Freund des Menschen, München 1995, S. 213f.

Gemeinsam mit Primo Levis Text hat die italienische Online-Zeitschrift Il Palindromo eine kleine Auswahl meiner Friedhofsbilder aus dem Fotoessay Kaliningrad ohne Heimweh veröffentlicht. Neben Levis Text ist den Bildern eine Widmung vorangestellt:

Gewidmet den Opfern von Faschismus und Krieg
(nach dem 8. Streichquartett von Dimitri Schostakowitsch)

Dazu hatte ich vor einiger Zeit einen kleinen Fotofilm gemacht (leider ist die Qualität bei Youtube unter aller Sau. Vielleicht verrät mir mal jemand, wie man soetwas verlustfreier hochlädt):

Aber jetzt erstmal italienisch lernen und Il Palindromo lesen und schauen [hier als pdf]:

Vielen Dank an Flora!

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Arthur Lourié: Forms in the Air (1915)

Montag, 29. April 2013 1:03

Arthur Lourié (1892-1966) was an important musical figure in post-1917 Russia and a composer of decidedly avant-garde music. In the wake of the October Revolution, Lourié was appointed chair of the Music division of Soviet Education Ministry, which was established to cultivate a new and revolutionary music suitable for the Soviet citizen. During the 1910s, Lourié was viewed as a fanatical advocate of all modern art and some of his early compositions anticipate the musical advances of the West vis-à-vis the Second Viennese School and “Les Six”. His extreme policies eventually clashed with a number of musicians and Soviet bureaucrats, causing him to bitterly resign his post, and in 1921, Lourié followed the footsteps of other Russian émigrés and left Russia for good. He settled in Berlin and then Paris, joining Stravinsky’s circle, but when WWII engulfed Europe, Lourié fled again to America, where he remained in obscurity for the rest of his life. His early works show tangible influences from Scriabin, but the trajectory of his aesthetics is far-reaching: one can find Scriabinesque, Rachmaninovian or Webern-like piano works, orchestral compositions hinting at Prokofiev, and choral music recalling Mussorgsky.

Hexameron

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…mausetot.

Mittwoch, 23. November 2011 1:56

Es ist ein Jammer: auch große alte Männer sterben. Gerade noch Walter Ruge und jetzt Georg Kreisler. Wer soll nun (außer Pigor) noch solche Lieder singen?

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

auf der CD:
Georg Kreisler, Barbara Peters, Fürchten wir das Beste, 1997 kip records Dinslaken

Nachtrag:

Ein großartiges Interview mit Georg Kreisler: “Kunst kommt von Revolution” (konkret 7 und 8/02)

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Ein Jahrhundertwerk

Sonntag, 12. Juni 2011 4:01

Erst kürzlich habe ich erfahren, daß Fred K. Prieberg schon vor über einem Jahr gestorben ist. Mit dem Handbuch Deutsche Musiker 1933-1945, bisher nur auf CD-Rom erhältlich (z.B. in der ZLB), hat er noch zu Lebzeiten sein Lebenswerk veröffentlicht. Fast 10.000 Seiten NS-Musikgeschichte – es werden nicht viele größere Verbrecher und kleinere Mitläufer seiner Akribie entkommen sein. Ich bin auf sein Werk gestoßen, als ich auf der Suche nach einem NS-Musiker war, dessen SA-Totenmarsch schon vor 1933 über Berliner Friedhöfe dröhnte: Lotar Olias1, der anschließend in der Bundesrepublik eine unbefleckte Karriere als Schlager- und Musicalkomponist hinlegte. Nirgends sonst als in Priebergs Arbeit habe ich einen Hinweis auf das Text- und Notenheft Die Soldaten der neuen Zeit2 gefunden, in dem Olias auch seinen Antisemitismus dokumentiert. Zur Herausgabe der ersten Auflage des Handbuchs war der Journalist Tilman Jens bei Prieberg zu Gast und es ist ein sehenswertes Portrait des menschenscheuen Musikwissenschaftlers entstanden:

 

  1. siehe auch: Arndt Beck / Markus Euskirchen, Die beerdigte Nation, Berlin 2009, S. 92ff.
  2. Willi Trubach (Hg.), Die Soldaten der neuen Zeit! 1933-1934 – Sammlung neuester nationaler Lieder und Dichtungen mit Notenbeispielen, Berlin o.J. (1934)
    Gefunden habe ich es im Bestand der Staatsbibliothek Berlin, im Katalog (StaBiKat) ist es merkwürdigerweise nicht zu finden – bei Interesse lohnt die Nachfrage.

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Antiformalistischer Rajok

Donnerstag, 12. Mai 2011 19:05

1948 begann Dimitri Schostakowitsch mit der Arbeit an einem Werk, welches “Eigenheiten der szenischen Kantate mit den insgesamt dominierenden Merkmalen der satirischen Oper vereint”1, 1968 bearbeitete er es zum letzten Mal. Seine Uraufführung sollte der “Antiformalistische Rajok” erst am 25. September 1989 in Moskau erleben. Wer Russisch lesen kann, ist mit Википедия gut bedient. Wer nicht, findet hier zumindest das Libretto in einer englischen und einer lautschriftlichen russischen Version.

“Der Rajok раёк”, erläutert Manaschir Jakubow,

ist eine spezifische Gattung volkstümlicher Darstellungskunst, die auf den Jahrmärkten Rußlands im 18./19. Jahrhundert verbreitet war: Durch zwei mit Vergrößerungsgläsern ausgestattete Gucklöcher eines Holzkastens konnte der Zuschauer auf einer drehbaren Trommel befestigte, langsam vorüberziehende Bilder betrachten, die vom Rajoschnik in Versform erläutert wurden. Solche Guckkästen standen auf den Jahrmärkten meistens in der Nähe von Schaubuden, um die Marktbesucher anzulocken und auf die in der Schaubude laufende Vorstellung aufmerksam zu machen. Mit der Bildvorführung waren ursprünglich didaktische Ziele verbunden: Zunächst wurde an Hand der Illustrationen die Schöpfungsgeschichte erläutert; das Leben im Paradies, der Sündenfall etc. bildeten ein bevorzugtes Thema. Der Begriff “rajok” läßt sich daher auch von dem russischen Wort rai рай (Paradies) ableiten, obwohl der ursprüngliche semantische Kontext längst verlorengegangen ist. Neben biblischen Sujets standen später immer häufiger Erläuterungen zur Geschichte und Geographie fremder Völker sowie des russischen Volkes im Mittelpunkt.2

Schostakowitschs “Antiformalistischer Rajok” läßt nacheinander drei Funktionäre über “Realismus und Formalismus in der Musik” schwadronieren. Die Hinweise sind so reichlich, daß man sie leicht als Stalin, Schdanow und Schepilow identifizieren kann (und wohl auch soll). Vielmehr ist zu dem Stück eigentlich nicht zu sagen, man braucht sich jetzt nur noch Mühe geben, Schostakowitschs grotesken Humor halbwegs zu begreifen. Eine gute Gelegenheit bietet dazu der Film “Шостакович смеётся”, was soviel heißen sollte wie “Schostakowitsch lacht” (wenn ich mich nicht ganz vertue) von 1993 (Regisseur: W. Berman), der versucht, den Rajok zu bebildern:

Als legendär muß man wohl die Aufführung bezeichnen, die Wladimir Spiwakow mit seinen Moscow Virtuosi im Jahr 2005 auf die Beine stellte. Mit dabei als (unfreiwilliger) Nebendarsteller: Boris Jelzin.

Einspielungen auf CD gibt es auf dem westeuropäischen Markt meines Wissens nach nur zwei: zum einen die nur Puristen ans Herz zu legende Einspielung in der ursprünglichen Fassung für Basstimme, Klavier und Chor sowie die Einspielung von Spiwakow und seinen Moscow Virtuosi, die zwar nicht ganz das Feuer versprüht wie im Video, dafür aber außerdem noch weitere hochinteressante Stücke enthält: zum einen die Kammersinfonie op. 110a, das (mir bis dahin unbekannte) Präludium und Scherzo op. 11 und das Prelude in memory of Dmitri Shostakovich von Alfred Schnittke. Das Beiheft enthält neben dem Libretto in deutsch, englisch und französisch auch noch eine Einführung von Bernd Feuchtner.

  1. Mamaschir Jakubow, Dmitri Schostakowitschs “Antiformalistischer Rajok”, in: Hermann Danuser, Hannelore Gerlach, Jürgen Köchel (Hg.), Sowjetische Musik im Licht der Perestroika – Interpretationen, Quellentexte, Komponistenmonographien, Laaber 1990, S. 177
  2. ebenda, S. 190 (Fn. 3)

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Märzrevolution universal

Montag, 28. März 2011 2:11

Märzrevolution an ganz unerwartetem Ort. Pigors Chanson des Monats:

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Märzrevolution 1920

Donnerstag, 10. Februar 2011 14:25

In nächster Zeit werde ich hier unregelmäßig zum “größten bewaffneten Arbeiteraufstand in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung”1 (Erhard Lucas), der Märzrevolution 1920 im Ruhrgebiet, bloggen. Alle Beiträge werden dann unter diesem Namen in einer neuen Kategorie abgelegt. Passend zum Medium wohl Fragmente: Fundstücke aus Archiven, schwer zugängliche Texte, Literaturempfehlungen – doch zur Einstimmung jetzt erstmal Musik:

Auf der CD: Die Grenzgänger & Frank Baier, Lieder der Märzrevolution 1920, Bremen 2005

  1. Lucas im Vorwort zu: Ludger Fittkau, Angelica Schlüter (Hg.), Ruhrkampf 1920 – die vergessene Revolution: ein politischer Reiseführer, Essen 1990, S. 10

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5. November: Einladung zur Ausstellung Kaliningrad ohne Heimweh

Sonntag, 31. Oktober 2010 14:55

Einladung zur Ausstellung (pdf)

Im Rahmen des 4. Europäischen Monats der Fotografie Berlin

(English version click here)

Arndt Beck

Kaliningrad ohne Heimweh – ein Foto-Essay

Eröffnung: 5. November 2010, 19.30 Uhr

studio im hochhaus – kunst- und literaturwerkstatt, Berlin (Kartenansicht; Adresse und Öffnungszeiten siehe unten)

Begrüßung und Eröffnung: Christina Emmrich, Bezirksbürgermeisterin
Es sprechen: Brigitte Graf, Kuratorin des Projektes
Ulrike Schmiegelt, Kunsthistorikerin
Musik: Olexandr Babenko, Violine; Olga Babenko, Violine; Michail Ganevskiy, Cello

Ausstellungsdauer: 7. November 2010 bis 9. Januar 2011

 

Zur Ausstellung:

Der Titel Kaliningrad ohne Heimweh impliziert bereits das Hauptaugenmerk des Fotografen: Die russische Stadt Kaliningrad steht im Zentrum seiner Aufmerksamkeit. Und “ohne Heimweh” gilt vor allem als Absage an die deutschen “Heimwehtouristen”, die in Kaliningrad stets nur die untergegangene deutsche Stadt Königsberg suchen. Jenseits von revisionistischen Gebietsansprüchen und sentimentalen Erinnerungen tut sich für Arndt Beck ein anderes Blickfeld auf, welches der Historiker Karl Schlögel exakt vermessen hat: “Königsberg/Kaliningrad liegt im Planquadrat des totalen Krieges. Es ist das Ende und die Wiederbegründung menschlicher Wohnstätte auf verbrannter Stelle. Die monotone Stadt ist die Stadt nach dem Grauen.”1

Videoarbeit mit Bildern von Kaliningrader Friedhöfen (auch in der Ausstellung zu sehen)

Arndt Beck findet seine Motive an gewöhnlichen und ungewöhnlichen, meist öffentlichen Orten und im Spannungsfeld von Geschichte und Gegenwart. Die Motive werden nicht manipuliert oder inszeniert, sondern – im Objektiv der Kamera – höchst subjektiv dokumentiert. In umfangreichen essayistischen Serien geht diese sich in der Tradition der street photography begreifende Anschauung jedoch über den rein dokumentarischen Charakter hinaus. Arndt Beck begreift jedes einzelne Bild ähnlich einem Wort, welches erst im Satzzusammenhang seinen tatsächlichen Sinn erhält. Die primär inhaltliche Ausrichtung seiner Arbeit folgt der Maxime Walter Benjamins, nicht die Politik zu ästhetisieren, sondern die Ästhetik zu politisieren.

Der nun erstmals ausgestellte Foto-Essay entstand während eines sechswöchigen Arbeitsaufenthalts in Kaliningrad im Frühjahr 2010.

 

studio im hochhaus – kunst- und literaturwerkstatt
Zingster Str. 25
13051 Berlin
Telefon/Fax: 030 929 38 21

Kartenansicht

Öffnungszeiten der Ausstellungen: Mo – Do 11 bis 19, Fr 11 bis 16 und So 14 bis 18 Uhr
S-Bahn (S 75) bis Wartenberg oder Hohenschönhausen Tram M4, M5 / Ahrenshooper Str. M4, M17 / Prerower Platz

  1. Karl Schlögel, Königsberg – Hannah Arendts Stadt, in: derselbe, Go east oder Die zweite Entdeckung des Ostens, Berlin 1995, S. 78

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