Es ist ein Jammer: auch große alte Männer sterben. Gerade noch Walter Ruge und jetzt Georg Kreisler. Wer soll nun (außer Pigor) noch solche Lieder singen?
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auf der CD:
Georg Kreisler, Barbara Peters, Fürchten wir das Beste, 1997 kip records Dinslaken
Erst kürzlich habe ich erfahren, daß Fred K. Prieberg schon vor über einem Jahr gestorben ist. Mit dem Handbuch Deutsche Musiker 1933-1945, bisher nur auf CD-Rom erhältlich (z.B. in der ZLB), hat er noch zu Lebzeiten sein Lebenswerk veröffentlicht. Fast 10.000 Seiten NS-Musikgeschichte – es werden nicht viele größere Verbrecher und kleinere Mitläufer seiner Akribie entkommen sein. Ich bin auf sein Werk gestoßen, als ich auf der Suche nach einem NS-Musiker war, dessen SA-Totenmarsch schon vor 1933 über Berliner Friedhöfe dröhnte: Lotar Olias1, der anschließend in der Bundesrepublik eine unbefleckte Karriere als Schlager- und Musicalkomponist hinlegte. Nirgends sonst als in Priebergs Arbeit habe ich einen Hinweis auf das Text- und Notenheft Die Soldaten der neuen Zeit2 gefunden, in dem Olias auch seinen Antisemitismus dokumentiert. Zur Herausgabe der ersten Auflage des Handbuchs war der Journalist Tilman Jens bei Prieberg zu Gast und es ist ein sehenswertes Portrait des menschenscheuen Musikwissenschaftlers entstanden:
siehe auch: Arndt Beck / Markus Euskirchen, Die beerdigte Nation, Berlin 2009, S. 92ff. ↩
Willi Trubach (Hg.), Die Soldaten der neuen Zeit! 1933-1934 – Sammlung neuester nationaler Lieder und Dichtungen mit Notenbeispielen, Berlin o.J. (1934) Gefunden habe ich es im Bestand der Staatsbibliothek Berlin, im Katalog (StaBiKat) ist es merkwürdigerweise nicht zu finden – bei Interesse lohnt die Nachfrage. ↩
1948 begann Dimitri Schostakowitsch mit der Arbeit an einem Werk, welches “Eigenheiten der szenischen Kantate mit den insgesamt dominierenden Merkmalen der satirischen Oper vereint”1, 1968 bearbeitete er es zum letzten Mal. Seine Uraufführung sollte der “Antiformalistische Rajok” erst am 25. September 1989 in Moskau erleben. Wer Russisch lesen kann, ist mit Википедия gut bedient. Wer nicht, findet hier zumindest das Libretto in einer englischen und einer lautschriftlichen russischen Version.
“Der Rajok раёк”, erläutert Manaschir Jakubow,
ist eine spezifische Gattung volkstümlicher Darstellungskunst, die auf den Jahrmärkten Rußlands im 18./19. Jahrhundert verbreitet war: Durch zwei mit Vergrößerungsgläsern ausgestattete Gucklöcher eines Holzkastens konnte der Zuschauer auf einer drehbaren Trommel befestigte, langsam vorüberziehende Bilder betrachten, die vom Rajoschnik in Versform erläutert wurden. Solche Guckkästen standen auf den Jahrmärkten meistens in der Nähe von Schaubuden, um die Marktbesucher anzulocken und auf die in der Schaubude laufende Vorstellung aufmerksam zu machen. Mit der Bildvorführung waren ursprünglich didaktische Ziele verbunden: Zunächst wurde an Hand der Illustrationen die Schöpfungsgeschichte erläutert; das Leben im Paradies, der Sündenfall etc. bildeten ein bevorzugtes Thema. Der Begriff “rajok” läßt sich daher auch von dem russischen Wort rai рай (Paradies) ableiten, obwohl der ursprüngliche semantische Kontext längst verlorengegangen ist. Neben biblischen Sujets standen später immer häufiger Erläuterungen zur Geschichte und Geographie fremder Völker sowie des russischen Volkes im Mittelpunkt.2
Schostakowitschs “Antiformalistischer Rajok” läßt nacheinander drei Funktionäre über “Realismus und Formalismus in der Musik” schwadronieren. Die Hinweise sind so reichlich, daß man sie leicht als Stalin, Schdanow und Schepilow identifizieren kann (und wohl auch soll). Vielmehr ist zu dem Stück eigentlich nicht zu sagen, man braucht sich jetzt nur noch Mühe geben, Schostakowitschs grotesken Humor halbwegs zu begreifen. Eine gute Gelegenheit bietet dazu der Film “Шостакович смеётся”, was soviel heißen sollte wie “Schostakowitsch lacht” (wenn ich mich nicht ganz vertue) von 1993 (Regisseur: W. Berman), der versucht, den Rajok zu bebildern:
Als legendär muß man wohl die Aufführung bezeichnen, die Wladimir Spiwakow mit seinen Moscow Virtuosi im Jahr 2005 auf die Beine stellte. Mit dabei als (unfreiwilliger) Nebendarsteller: Boris Jelzin.
Einspielungen auf CD gibt es auf dem westeuropäischen Markt meines Wissens nach nur zwei: zum einen die nur Puristen ans Herz zu legende Einspielung in der ursprünglichen Fassung für Basstimme, Klavier und Chor sowie die Einspielung von Spiwakow und seinen Moscow Virtuosi, die zwar nicht ganz das Feuer versprüht wie im Video, dafür aber außerdem noch weitere hochinteressante Stücke enthält: zum einen die Kammersinfonie op. 110a, das (mir bis dahin unbekannte) Präludium und Scherzo op. 11 und das Prelude in memory of Dmitri Shostakovich von Alfred Schnittke. Das Beiheft enthält neben dem Libretto in deutsch, englisch und französisch auch noch eine Einführung von Bernd Feuchtner.
Mamaschir Jakubow, Dmitri Schostakowitschs “Antiformalistischer Rajok”, in: Hermann Danuser, Hannelore Gerlach, Jürgen Köchel (Hg.), Sowjetische Musik im Licht der Perestroika – Interpretationen, Quellentexte, Komponistenmonographien, Laaber 1990, S. 177 ↩
In nächster Zeit werde ich hier unregelmäßig zum “größten bewaffneten Arbeiteraufstand in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung”1 (Erhard Lucas), der Märzrevolution 1920 im Ruhrgebiet, bloggen. Alle Beiträge werden dann unter diesem Namen in einer neuen Kategorie abgelegt. Passend zum Medium wohl Fragmente: Fundstücke aus Archiven, schwer zugängliche Texte, Literaturempfehlungen – doch zur Einstimmung jetzt erstmal Musik:
Lucas im Vorwort zu: Ludger Fittkau, Angelica Schlüter (Hg.), Ruhrkampf 1920 – die vergessene Revolution: ein politischer Reiseführer, Essen 1990, S. 10 ↩
Begrüßung und Eröffnung: Christina Emmrich, Bezirksbürgermeisterin
Es sprechen: Brigitte Graf, Kuratorin des Projektes
Ulrike Schmiegelt, Kunsthistorikerin
Musik: Olexandr Babenko, Violine; Olga Babenko, Violine; Michail Ganevskiy, Cello
Ausstellungsdauer: 7. November 2010 bis 9. Januar 2011
Zur Ausstellung:
Der Titel Kaliningrad ohne Heimweh impliziert bereits das Hauptaugenmerk des Fotografen: Die russische Stadt Kaliningrad steht im Zentrum seiner Aufmerksamkeit. Und “ohne Heimweh” gilt vor allem als Absage an die deutschen “Heimwehtouristen”, die in Kaliningrad stets nur die untergegangene deutsche Stadt Königsberg suchen. Jenseits von revisionistischen Gebietsansprüchen und sentimentalen Erinnerungen tut sich für Arndt Beck ein anderes Blickfeld auf, welches der Historiker Karl Schlögel exakt vermessen hat: “Königsberg/Kaliningrad liegt im Planquadrat des totalen Krieges. Es ist das Ende und die Wiederbegründung menschlicher Wohnstätte auf verbrannter Stelle. Die monotone Stadt ist die Stadt nach dem Grauen.”1
Videoarbeit mit Bildern von Kaliningrader Friedhöfen (auch in der Ausstellung zu sehen)
Arndt Beck findet seine Motive an gewöhnlichen und ungewöhnlichen, meist öffentlichen Orten und im Spannungsfeld von Geschichte und Gegenwart. Die Motive werden nicht manipuliert oder inszeniert, sondern – im Objektiv der Kamera – höchst subjektiv dokumentiert. In umfangreichen essayistischen Serien geht diese sich in der Tradition der street photography begreifende Anschauung jedoch über den rein dokumentarischen Charakter hinaus. Arndt Beck begreift jedes einzelne Bild ähnlich einem Wort, welches erst im Satzzusammenhang seinen tatsächlichen Sinn erhält. Die primär inhaltliche Ausrichtung seiner Arbeit folgt der Maxime Walter Benjamins, nicht die Politik zu ästhetisieren, sondern die Ästhetik zu politisieren.
Öffnungszeiten der Ausstellungen: Mo – Do 11 bis 19, Fr 11 bis 16 und So 14 bis 18 Uhr
S-Bahn (S 75) bis Wartenberg oder Hohenschönhausen Tram M4, M5 / Ahrenshooper Str. M4, M17 / Prerower Platz
Karl Schlögel, Königsberg – Hannah Arendts Stadt, in: derselbe, Go east oder Die zweite Entdeckung des Ostens, Berlin 1995, S. 78 ↩
Vor Jahren hörte ich einmal dieses Lied im Radio (und wenn ich mich nicht ganz irre, war es die Sendung Freistil beim längst dahingeschiedenen Sender Radio Brandenburg – die Sendung, lese ich gerade, hat überlebt):
Schwer beeindruckt ging es mir bis heute nicht aus dem Kopf (und die CD-Version ist noch besser). Aus dem Kopf ging mir allerdings, wer dafür verantwortlich zeichnete. Mehrfach hatte ich versucht, das weltweite Gewebe zu befragen – erfolglos. Die Hits Nieder mit IT oder auch Rheinländer von Pigor & Eichhorn (und dem Ulf) waren mir seit einiger Zeit liebgewordene Klassiker der Liedkunst, aber festzustellen, daß nun auch dieser Song von ihnen ist, ließ meine Bewunderung ins Maßlose steigen.
Es gibt einen reich bestückten youtube-Kanal von Pigor & Eichhorn, nur ein weiteres Beispiel:
Gut, weil`s so schön ist, noch eins:
Gewohnheitsmäßig skeptisch investierte ich vor einiger Zeit in eine Eintrittskarte der Bar jeder Vernunft und habe keinen Cent davon bereut. Das ist perfekte, utopische Unterhaltung (und ich mag Unterhaltung wirklich nur sehr selten), die eine viel bessere Gesellschaft verdient hätte.
Vom 10. bis zum 12. September treten Pigor & Eichhorn mit Band im Tipi am Kanzleramt auf – auch wenn ich das Programm nicht kenne, empfehlen kann ich es uneingeschränkt.
Und ja, Philosophie ist tanzbar:
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