Beitrags-Archiv für die Kategorie 'Texte / Zitate'

Die Märzrevolution von 1920 – und ihre historische Verarbeitung

Sonntag, 20. Februar 2011 2:54

[Wie angekündigt folgt nun Material zur Märzrevolution 1920. Zunächst ein Text, den der Historiker der Märzrevolution, Erhard Lucas(-Busemann) in Schwarzer Faden (Grafenau, 2/1990, Nr. 35, S. 48-55), veröffentlichte. Als Einstieg ins Thema kenne ich keinen besseren. Mit freundlicher Genehmigung der Trotzdem-Verlagsgenossenschaft.]

 

Die Märzrevolution von 1920 – und ihre historische Verarbeitung

von Erhard Lucas-Busemann

Mein Thema legt an sich nahe, daß ich zuerst eine Darstellung der Märzrevolution, wie sie gewesen ist, und dann ihre historische Verarbeitung nachzeichne. Jedoch nicht nur weil das etwas platt wäre, möchte ich anders vorgehen. Es ist nämlich so, daß man die Märzrevolution und ihre Verarbeitung zeitlich gar nicht strikt voneinander trennen kann, vielmehr ist der Ablauf der Bewegung durch und durch bestimmt von subjektiven Verarbeitungsmustern, und diese sind es, die die spätere Erinnerung an die Bewegung vorstrukturieren. Ich baue meinen Beitrag deshalb so auf, daß ich das Ganze in 10 Teilkomplexe auflöse und in jedem dieser Teilkomplexe die Verschränkung von Geschehen und subjektiven Handlungs- und Wahrnehmungsmustern aufzuzeigen versuche.

[...]

Thema: Märzrevolution 1920, Texte / Zitate | Kommentare (2) | Autor:

Litauen, zum Beispiel

Mittwoch, 22. Dezember 2010 20:38

Brantsovskaya hatte sich Anfang 1942 im Wilner Ghetto der »Vereinigten Partisanen-Organisation« (Fareynigte Partizaner Organizatsie, FPO) angeschlossen, die sämtliche politischen Organisationen vereinte. Im Keller der Ghettobibliothek nahm die damals 19jährige an Schießübungen teil und baute aus alten Glühbirnen Molotow-Cocktails. Ob sie das heute noch könne? »Ich weiß nicht, das ist lange her«, lacht sie.

Das ist meine Lieblingsstelle in einem Essay, den Frank Brendle in junge Welt über die gegenwärtige litauische Geschichtspolitik geschrieben hat – anrührend und bestürzend zugleich – unbedingt lesen!

Thema: Texte / Zitate | Kommentare (0) | Autor:

Bemerkung zur allgemeinen Situation Nummer drei: Das Haus des Schmiedes

Sonntag, 18. April 2010 10:55

[...]

Alle Kinder des Dorfes sollen sich damals vor Jahren immer um den Sandkasten versammelt und in den bewegten Mörtel geschaut haben. Man erzählt, kein einziges Kind habe gelacht. Alle seien sie gebannt gewesen von der für sie dämonischen Bewegung des Mörtels im Sandkasten. Es sei unglaublich, sagt man, daß Kinder auf einmal so ruhig sein könnten. Das habe nur der Mörtel verursacht, sagen die Leute im Dorf. Einige Kinder sollen dann einmal das Gras, das aus den Bodenfugen neben den Seitenwänden der Sandkästen herausgewachsen war, ausgezupft haben. Durch das Herauszupfen des Grases, das seitlich der Bretterwände der Sandkästen gewachsen war, sollen sich aber manchmal die Bretter gelockert haben, und, weil die Grasbüschel während der Zeit ihres Wachstums ihre Wurzeln unter die Bretter gebohrt hatten, im Sandkasten Lücken entstanden sein, und ein wenig Mörtelflüssigkeit aus dem Sandkasten ausgeronnen sein. Der alte Schmied habe das gesehn und die Kinder, die sich um den Sandkasten geschart hatten, um den nassen Mörtel zu beobachten, mit seinem mürrischen Geschimpfe verjagt. Die Kinder seien davongelaufen und hätten plötzlich wieder zu lachen und zu schreien begonnen. Zu Hause haben sie dann alle Schläge bekommen, weil ihre Eltern erfahren haben, daß sie den alten Schmied beim Bau des Hauses gestört, indem sie die Grasbüschel, die bei den Sandkästen auf der Seite herausgewachsen waren, herausgezupft hätten, und dadurch der Mörtel manchmal ausgeronnen sei. Die Eltern sollen ihre Kinder damals richtig hergenommen und angeschrien haben,
- warrte nurr i werr dirr schn gebn altn Schmiid dein Hausbau sterrn Gras auszpfn dass ganza Mertl ausrinnt.
Im ganzen Dorf habe man damals eine gute halbe Stunde lang das Kreischen und Plärren der Kinder gehört, die von ihren Eltern Schläge bekommen, weil sie das Gras auf der Seite der Sandkästen an der Baustelle des alten Schmiedes aufgezupft haben. Durch die geöffneten Fenster der Häuser habe man die Ohrfeigen auf die Gesichter der Kinder schallen gehört, ein richtiges Klatschen von Elternhaut auf Kinderhaut habe das ergeben. Manche Eltern sollen ihren Kindern auch noch zusätzlich die Hosen runtergezogen und die nackten Popos mit den Schlägen ihrer harten hornhautbelegten Handflächen bearbeitet haben. Die Eltern, sagen die Leute im Dorf, hätten ihre Handflächen in Abständen von halben bis dreivierteln Metern auf die erblaßten nackten Kinderpopos fallen gelassen, rund eine halbe Sekunde später wieder in dieselbe Höhe zurückbewegt und diese Bewegung zwanzig- bis fünfzigmal wiederholt, solange, bis die Haut der unter den Schlägen wackelnden Kindergesäße vollkommen errötet gewesen sei.
Man ist im Dorf für eine strenge Erziehung. Lieber zu oft die Hosn runter als nie, ist man im Dorf allgemein der Ansicht. Besser einmal etwas zu viel als immer etwas zu wenig. Der alte Schmied soll, als er damals das Kinderkreischen gehört hat, wohlwollend gelächelt und gesagt haben
- je öfter die Hosn runter, desto besser, je öfter man einem Kinde die Hosn runterzieht, desto leichter wird es später das schwere Leben ertragen lernen und meistern.

aus: Gert Jonke, Geometrischer Heimatroman, Frankfurt am Main 1969, S. 66ff.

Thema: Texte / Zitate | Kommentare (1) | Autor:

“Sie sollte verschwinden …”

Mittwoch, 31. März 2010 19:50

… und damit ist die christliche Kirche im Allgemeinen gemeint.

Sexuelle „Fehltritte“ aller Art sind so alt wie die Kirchengeschichte und sie florierten, je christlicher die Welt wurde, desto mehr. Die Klöster waren oft die reinsten Bordelle, doch mussten die armen Nonnen, aus Sittlichkeitsgründen nicht selten sogar der Beichtväter beraubt, auch mit Kindern vorlieb nehmen, mit Vierbeinern. Wie denn nur beispielhalber die Ritter des Deutschen Ordens, verpflichtet, ein Leben „allein im Dienste ihrer himmlischen Dame Maria“ zu führen, alles vögelten, was eine Vagina hatte, Ehefrauen, Jungfrauen, kleine Mädchen und, wie wir nicht ohne Grund vermuten dürfen, weibliche Tiere. Wie es ja auch im Vatikan, lange, sehr lange, recht locker zuging, etwa – einer für viele – Papst Sixtus IV, Erbauer der Sixtinischen Kapelle und eines Bordells, noch seine Schwester und Kinder besprang, sein Neffe, Kardinal Pietro Riario, sich buchstäblich zu Tode koitierte und auch noch, Ehre wem Ehre gebührt, eines der schönsten Grabdenkmäler der Welt bekam.

Der große Karlheinz Deschner meldet sich zur Mißbrauchsdebatte – ein Interview, daß dpa nicht weiterverbreiten wollte.

Thema: Allgemein, Texte / Zitate | Kommentare (0) | Autor:

Bildungsfernsehen im weltweiten Gewebe

Donnerstag, 7. Januar 2010 7:11

Die Deutschen, die ja Mitglied der NATO sind, und die eben eingebunden worden sind in Afghanistan, die werden das vermutlich eines Tages bitter bereuen, denn sie müssen eigentlich nur die Befehle ausführen, die die [US-]Amerikaner ihnen geben. In einem Krieg, den die Sowjets mit 100.000 Mann verloren haben, sind sie jetzt mit rund 4.000 Mann präsent – wie das ausgehen wird, wird man sehen …

Daniele Ganser

Was Daniele Ganser hier zu sagen hat, ist hochinteressant – doch ebenso faszinierend ist die Art und Weise der Präsentation. Bildungsfernsehen, wie man es im Fernsehen nur sehr, sehr selten zu sehen bekommt.

Mit Dank an A.!

Thema: Allgemein, Texte / Zitate, Videos | Kommentare (0) | Autor:

Wer Bananen essen will, muß Neger verhungern lassen

Montag, 9. November 2009 20:55

Der Sieg des Feindes versetzt mich nicht in Traurigkeit, eine Niederlage ist eine Niederlage, das sind Angelegenheiten bloß eines Jahrhunderts. Was mich verblüfft, ist die vollkommene Wehrlosigkeit, mit der dem Westen Einlaß gewährt wird, das einverständige, ganz selbstverständliche Zurückweichen, die Selbstvernichtung der Kommunisten. Ich habe jeglichen Glauben verloren!, das heißt: Ich bin bereit, mich dem Westen vollkommen zu überlassen. Kaum ist Honecker gestürzt, da lösen die Universitäten den Marxismus auf, da wirbt die DEWAG für David Bowie (immerhin), da druckt die FF dabei Horoskope und die Schriftsteller gründen Beratungsstellen für ihre Leser oder gleich eine SPD. Wo haben sie ihre Geschichtsbücher gelassen? Die Kommunisten verschenken ihre Verlage, die ungarische Regierung richtet in ihrem Land einen Radiosender der CIA ein, und der Schriftstellerverband der DDR protestiert gegen die Subventionen, die er vom Staat erhält. Sie sind allesamt verrückt geworden.

Die DDR hat den Beweis erbracht, daß Zeitungsredakteure, wenn man sie nur läßt, nicht klügere Zeitungen machen sondern dümmere. Früher stand in den Zeitungen gar nichts, heute steht das Falsche drin; die Welt handelt absurd, wenn sie uns vor solch furchtbare Wahl stellt, aber wenn ich es muß, wähle ich den ersten Zustand.

Die DDR hat sich wehrlos gemacht, systematisch, mit offenen Augen. Endlich können wir auch die Erfahrungen der Linken im Westen verwerten!, das heißt: Wir werden sie bitter nötig haben. Wer die Gewerkschaft fordert, wird den Unternehmerverband kriegen. Wer den Videorekorder will, wird die Videofilme kriegen. Wer die Buntheit des Westens will, wird die Verzweiflung des Westens kriegen. Wer Bananen essen will, muß Neger verhungern lassen. Wer die Spaltung Europas überwinden will, muß den Westen siegen lassen.

[...] Am 9. November 1989 hat in Deutschland die Konterrevolution gesiegt. Ich glaube nicht, daß man ohne diese Erkenntnis in der Zukunft wird Bücher schreiben können.

Ronald M. Schernikau, aus: Rede auf dem Kongreß der Schriftsteller der DDR, 1. bis 3. März 1990, auch in: derselbe, Königin im Dreck, Berlin 2009, S. 225-228

Thema: Jahrestage, Texte / Zitate | Kommentare (0) | Autor:

[Keiner weiß mehr]

Mittwoch, 28. Oktober 2009 15:32

An ihnen war etwas, das man bei älteren Frauen häufig sehen konnte, eine bösartige Haltung, hoffnungslos, damit auszukommen. Eine hartnäckig sich behauptende Bösartigkeit, beziehungslos plötzlich vorhanden, an einer Winzigkeit aufgehängt und tief drin, in ihnen, in jeder einzelnen von ihnen hart geworden, versteift. Alle diese hart gewordenen vertrockneten Erinnerungen an sich selbst Jahre zurück verkommen, abgelagerter Dreck innen wie Haß, der erschrocken machte, weil er so unvorhergesehen da sein konnte, nicht genau zu erkennen warum, aber deutlich vorhanden in einem bestimmten Tonfall. Falten am Hals, um die Augen herum, versteckt gehaltenes ältliches Fleisch, an ihnen erschlafft, schlaff in den steifen Schalen der Büstenhalter hängende Brüste, Beutel, lose Säckchen, die sich in den weißen Büstenhalterschalen stauen. Näpfe. Die Schminke nur so eben angelegt. Und sie konnten noch alles. Waren noch nicht alt. Fuhren Auto, tranken Tee am Nachmittag. Machten dies, machten das. Waren oder wollten sein so etwas wie gute Kameraden, gute Partnerschaften. Dabei blieb einem selbst nichts übrig als einzugehen, wie er an seinen wenigen älteren Bekannten sah, gut situiert, sehr tüchtig, aufgeklärt, ein Dreck. In einer Ecke wurde der Dreck immer aufbewahrt, für sie schon längst nicht mehr sichtbar. Man kann das nicht erklären. Man kann das nicht mehr länger besprechen. Der Dreck, abgelagert in einer Ecke, ist da. Da kommt kein Tageslicht mehr hin. Es gibt eine ganze volle Bücherwand. Es gibt Sessel, in denen man bequem sitzt. Es gibt ein großes buntes Bild in einem dünnen weißen Holzrahmen an der anderen Wand. Es gibt eine hübsche Lampe, die von der Zimmerdecke herunterhängt. Man kann einander darüber nichts mehr sagen, man kann nichts mehr sagen. Man hat ein Wohnzimmer, groß und geräumig, vollständig eingerichtet, und man wohnt darin vollständig eingerichtet miteinander. Man hat so viel Gemeinsames erlebt, man kommt damit jetzt aus, am Ende. Sie werden sehen, es läßt sich nicht verhindern, und eines Tages werden Sie feststellen, es ist so. Am Ende ist man miteinander gewachsen, und man mußte es so hinter sich bringen, wie man es hinter sich gebracht hat. Etwas ist ganz sicherlich gewachsen, etwas, das entstanden ist, und das ist schon Bösartigkeit, das Haß, hübsch arrangiert zu einer dieser üblichen Geschichten darüber, wie man in all den schwierigen Jahren miteinander gewachsen ist. Plötzlich hat man das begriffen. Eine Geschichte, aus Resten erzählt, die Reste passend gemacht, die Einzelteile geordnet zu einer Geschichte, die sich anderen erzählen ließ. Um zu beweisen, wie sich alles nach Jahren geordnet hat, wie von selbst, könnte man denken. Aber hörte er genau hin, auf die Stimme, den Tonfall, die schwindelige kleine Hysterie darin, als ob sie schwanke und gleich umkippe, war es nichts anderes als eben ein Rest, übriggeblieben von irgend etwas anderem und zu einem erbärmlichen Gefühl geronnen, klein in sich zusammengezogen, ganz krümelig, darum so erschreckend.

aus: Rolf Dieter Brinkmann, Keiner weiß mehr, Reinbek 1993 [1968], S. 37f.

Thema: Texte / Zitate | Kommentare (0) | Autor:

Steht noch dahin

Sonntag, 19. April 2009 0:29

Ob wir davonkommen ohne gefoltert zu werden, ob wir eines natürlichen Todes sterben, ob wir nicht wieder hungern, die Abfalleimer nach Kartoffelschalen durchsuchen, ob wir getrieben werden in Rudeln, wir haben`s gesehen. Ob wir nicht noch die Zellenklopfsprache lernen, den Nächsten belauern, vom Nächsten belauert werden, und bei dem Wort Freiheit weinen müssen. Ob wir uns fortstehlen rechtzeitig auf ein weißes Bett oder zugrunde gehen am hundertfachen Atomblitz, ob wir es fertigbringen mit einer Hoffnung zu sterben, steht noch dahin, steht alles noch dahin.

Marie Luise Kaschnitz, Steht noch dahin, Frankfurt am Main 1970, S. 7

Thema: Texte / Zitate | Kommentare (0) | Autor: