Beitrags-Archiv für die Kategory 'Texte / Zitate'

Steht noch dahin

Sonntag, 19. April 2009 0:29

Ob wir davonkommen ohne gefoltert zu werden, ob wir eines natürlichen Todes sterben, ob wir nicht wieder hungern, die Abfalleimer nach Kartoffelschalen durchsuchen, ob wir getrieben werden in Rudeln, wir haben`s gesehen. Ob wir nicht noch die Zellenklopfsprache lernen, den Nächsten belauern, vom Nächsten belauert werden, und bei dem Wort Freiheit weinen müssen. Ob wir uns fortstehlen rechtzeitig auf ein weißes Bett oder zugrunde gehen am hundertfachen Atomblitz, ob wir es fertigbringen mit einer Hoffnung zu sterben, steht noch dahin, steht alles noch dahin.

Marie Luise Kaschnitz, Steht noch dahin, Frankfurt am Main 1970, S. 7

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Intermezzo Nummer eins: Vorführung des Künstlers

Samstag, 4. April 2009 10:17

[...]

Plötzlich habe man dann beobachten müssen, wie der Ast gebrochen, das Seil unter den Sohlen, den Füßen des Mannes nach unten geglitten, entwichen sei, aber er, der Mann, der Künstler oder Artist habe sich nichtsdestoweniger am durchsichtigen Himmel festgehalten, seine Finger in die Spalten, Ritzen und Zwischenräume der Luftmauern gekrallt, sei weiter den durchsichtigen Himmel hinaufgeklettert, obwohl das Seil wirklich ganz offensichtlich unter ihm hinuntergefallen sein soll, der Mann sei durch die zitternden Schlieren gestiegen, bis er noch etwas weiter oben die Kuppe der ersten Luftmauer erreicht habe, sei über die erste Luftmauer gestiegen und im durchsichtig weißen Himmel verschwunden.

Anderen Erzählungen zufolge soll der Mann allerdings samt dem Seil heruntergefallen sein, und zwar so unglücklich, daß sein Rücken auf der Stange der Brunnenwinde aufgekommen und sein Körper reglos abgeknickt über dem Brunnen, worauf einige Leute reglos geschrien und wie am Spieß gebrüllt haben sollen, andere wiederum Hüte in die Luft geworfen oder in die Rocktaschen gegriffen, die restlichen Münzen hervorgeholt und in die Mitte des Platzes geworfen haben, man habe das viele Geld eingesammelt, wahrscheinlich wohl für das Begräbnis, sagt man, und angeblich sollen die Gehilfen mit den Aufräumungsarbeiten begonnen haben, wäre auch gar nichts anderes übriggeblieben, behauptet man, hätte wirklich nicht alles so liegenbleiben können, soll richtig unanständig ausgeschaut haben.

aus: Gert Jonke, Geometrischer Heimatroman, Frankfurt am Main 1969, S. 28

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Militante Medienschelte oder Kierkegaard läuft Amok

Sonntag, 15. März 2009 23:52

Gott im Himmel weiß: Blutdurst ist meiner Seele fremd, und eine Vorstellung von einer Verantwortung vor Gott glaube ich auch in furchtbarem Grade zu haben: aber dennoch, dennoch wollte ich im Namen Gottes die Verantwortung auf mich nehmen, Feuer zu kommandieren, wenn ich mich nur zuvor mit der ängstlichsten, gewissenhaftesten Sorgfalt vergewissert hätte, daß sich vor den Gewehrläufen kein einziger anderer Mensch, ja auch kein einziges anderes lebendes Wesen befände als — Journalisten.

Sören Kierkegaard, 1846

nach: Die Fackel (Karl Kraus), Nr. 418—422, 8. April 1916, S. 1

hier online

Nachtrag, 20. März 2009:

Passend dazu: Das Medienmagazin Zapp zum Verhalten von Journalisten bei der Berichterstattung zum Amoklauf in Winnenden.

via Stefan Niggemeier

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Lieber Pfemfert!

Freitag, 6. März 2009 2:23

Lieber Pfemfert!

In einen Rückzug, versiegeltes Fernbleiben, schickte man mir zwei Bücher; das eine war von Ihrem Temperament verrotet, kräftige Hände schmissen in die vermordete Erde einen Pack Holzpapier, eine schnittige Hundepeitsche, ja vielleicht ein noch nicht aufgestelltes Genickmesser, jagt am abgekurbelten Horizont höllischer Schlagworte.
Das andere, Summa1, Bilanz. Man will summieren. Was denn? Die Zeit? Franz, eine Zeit, die wir schon längst abrichteten, vergaßen.
Hingegen Ihr Aktionsbuch.
Im ganzen geht es hier um noch nicht Verwirklichtes.
Also Zukunft.
Aber um zu Realisierendes. Um Denken, das Verantwortung enthält.
Ich gestehe, ich selbst lebe diesen Dingen etwas entfernt; denn erlaubte ich mir, sie zu lieben, wäre ich tot.
Jedoch bohrte sich mir aus Ihrem Buch nicht der Eindruck memorierter, ermüdeter Druckerschwärze, vielmehr griffen Leidenschaft, Sachlichkeit an.
Vor allem.
Bei Ihnen: Menschen, die lieben und Abänderung suchen. Ich rede nicht vom Literarischen, das bei uns kaum existiert, weder aus dixhuitième noch aus Kirchenvätern surrogiert werden kann.
Ich rede von der ausgesprochenen Unerträglichkeit dieser Zeit, die schon lange vor dem Kriege ekelte. Das Elend quälte immer als gleiches.
Ihr Buch ist deutlich. Konstatiert. Wie lange schon ist es her, daß Deutsche es wagten, festzustellen, ohne theoretische weitfaltige Demoralisierung.
Ich meine, in diesem Buch veröffentlicht zu sein, müßte Ihre Mitschreibenden verpflichten.
Absichtlich schreibe ich Ihnen nicht vom Literarischen; es ist mir nicht genug entschieden, wagend. Aber das ist nicht Ihr Fehler.
Ich weiß, auch Sie liebten mehr Künftigeres und vorgerissene Syntax gebauter Typen.
Aber doch:
Sie gehen zur Verwirklichung neuer Zeit …
Ungehindert. Ohne Archaismus. Ohne Klassik. Noch nie bei uns gewesen.
Mögen sich Ihre Mitarbeiter vor flinker Terminologie bewahren. Daß die pathetische Terminologie - unwahrhafte Phrase - eines voreiligen sozialen Kriminalfilms sie nicht verrage.
Denn sie haben noch nicht das Unmittelbare gefressen.
Auch aus der Lektüre Flauberts ist es nicht zu gewinnen.
Ich danke Ihnen, daß Sie eine kurze Arbeit2 von mir veröffentlichten.
Ich schätze sie nicht, was niemanden angeht.
In Ihrem Aktionsbuch veröffentlicht zu sein, verpflichtet mich. Fern bleiben mir die dicken Hefte gebildeter Journalisten, die ohne Haß und Liebe, im Unentschiedenen einer schleppenden Grammatik kluge unverbindliche Jahrgänge bürgern. - Wie verachte ich träge Ruhe.

Mit herzlichen Grüßen
Ihr Einstein

nach: Die Aktion, Nr. 35/36, Berlin, 8. September 1917, Sp. 489f.

  1. Gemeint ist Franz Bleis Zeitschrift Summa
  2. Gemeint ist Einsteins Text Der Leib des Armen

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[Frohes Fest!]

Donnerstag, 11. Dezember 2008 0:29

“Wie werden Sie Christmas verbringen”, fragt er.
“Fensterputzenderweise”, antwortet Thea.
“Oh”, meint Alfred, “dann wird es sehr kühl in Ihrer Wohnung sein.” “Das letzte Mal sind sie im Sommer geputzt worden. Im Sommer vor zwei Jahren. Dann verließ mich meine Raumpflegerin. Und, ob sie es glauben oder nicht! Sie sehen nicht schlimmer aus als seien sie acht Wochen nicht geputzt.”
Alfred kennt das Wort Raumpflegerin nicht. Er denkt an space cultivation und stellt sich eine Armee von Astronautinnen vor, die auf dem Mars Radieschen sät. In Thea ist eine Eiterbeule aufgestochen worden.
“Wollte Gott!” sagt sie bitter, “es käme mal einer von meinen Leuten und sagte, liebe Thea, ich möchte dir etwas zu Weihnachten schenken. Aber du hast ja alles, was du brauchst, nur deine Fenster, die gefallen mir gar nicht. Ich werde dir mal zwei Stunden meines Lebens schenken und sie putzen.”
“Famos!” freut sich Alfred. “Aber sehr kostbares Geschenk.”
“Ich bin aber dafür”, schaltet sich Kyra ein, “daß Weihnachten abgeschafft wird.”
“Das geht leider nicht”, überdenkt Sigmund, “denn wir können nicht schenken, was wir nicht haben, nämlich Zeit. Wir schenken, was wir haben, nämlich Geld. Nacktes Geld zu schenken ist eine Kränkung. Folglich schenken wir ein Symbol. Auf diese Weise bekommen wir doch, was uns gebührt.”
“Ist das nicht Wahnsinn”, sagt Kyra.
“Im Gegenteil”, sagt Freud, “es ist die Rettung vor dem Wahnsinn. Wenn wir Weihnachten abschaffen, dann würde das Ergebnis der Ausbruch einer allgemeinen Paranoia sein.”

aus: Christa Reinig, Entmannung, Düsseldorf 1976, S. 30f.

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