Dreisprachiger Flyer (deutsch-polnisch-russisch) als pdf; Plakat als pdf
Im vergangenen April hatte ich Gelegenheit im Rahmen des Projekts Trialog an einer einwöchigen Sommerschule in Zelenogradsk (Kaliningrader Gebiet) teilzunehmen.
Ein Resultat dieser produktiven aber wenig sommerlichen Reise ist nun ab Dienstag in der Bibliothek-Galerie der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder zu sehen.
Im Vorfeld der Reise hatte ich meine Idee für einen Fotoessay so beschrieben:
Rein fotografische Auffassung und Umsetzung des von Karl Schlögel beschriebenen Flaneurs als Bewegungs- und Erkenntnisform (“Im Raume lesen wir die Zeit”) in der Tradition von Franz Hessel, Walter Benjamin und der Exkursionistik der frühen Sowjetunion (Nikolaj P. Anziferow). Ein bewußt offenes Konzept, daß sich zwar – bedingt durch die Kürze des Aufenthalts – einige Ziele setzt (Denkmale, Friedhöfe etc.), ansonsten aber völlig der “Augenarbeit” (Schlögel) überlässt, dem “Magnetismus des Ortes” (Benjamin) aussetzt und auf eine “Entdeckungsreise des Zufalls” (Hessel) geht.
Ziel ist die bewußte, “von Mythen und Legenden bereinigte Aneignung der kulturellen Welt, wie sie in der Ikonographie der Landschaft, in gebauter Geschichte und Kultur sichtbar” ist (Beschreibung der Exkursionistik von Schlögel), die im Anschluß an den Aufenthalt zu einem selbständigen Fotoessay verdichtet wird.1
Grundsätzlich passt die Beschreibung auch im Nachhinein gut zur Ausstellung, nur wurde das Konzept ausgeweitet: insgesamt 16 Teilnehmer der Sommerschule waren bereit, mir ihr Bildmaterial zur Verfügung zu stellen, so daß ich bei der Konzeption der Ausstellung auf einen reichen Fundus von einigen tausend Bildern zurückgreifen konnte und nicht nur auf meine eigene Auschauung angewiesen war.
Die Eröffnung der Ausstellung findet nun am Dienstag, den 5. Juli, 18 Uhr im Raum AM03 (Große Scharrnstraße 59, 15230 Frankfurt/Oder) statt. Danach wird sie während der Öffnungszeiten der Uni bis zum 15. September in der Bibliothek-Galerie zu sehen sein.
Erst kürzlich habe ich erfahren, daß Fred K. Prieberg schon vor über einem Jahr gestorben ist. Mit dem Handbuch Deutsche Musiker 1933-1945, bisher nur auf CD-Rom erhältlich (z.B. in der ZLB), hat er noch zu Lebzeiten sein Lebenswerk veröffentlicht. Fast 10.000 Seiten NS-Musikgeschichte – es werden nicht viele größere Verbrecher und kleinere Mitläufer seiner Akribie entkommen sein. Ich bin auf sein Werk gestoßen, als ich auf der Suche nach einem NS-Musiker war, dessen SA-Totenmarsch schon vor 1933 über Berliner Friedhöfe dröhnte: Lotar Olias1, der anschließend in der Bundesrepublik eine unbefleckte Karriere als Schlager- und Musicalkomponist hinlegte. Nirgends sonst als in Priebergs Arbeit habe ich einen Hinweis auf das Text- und Notenheft Die Soldaten der neuen Zeit2 gefunden, in dem Olias auch seinen Antisemitismus dokumentiert. Zur Herausgabe der ersten Auflage des Handbuchs war der Journalist Tilman Jens bei Prieberg zu Gast und es ist ein sehenswertes Portrait des menschenscheuen Musikwissenschaftlers entstanden:
siehe auch: Arndt Beck / Markus Euskirchen, Die beerdigte Nation, Berlin 2009, S. 92ff. ↩
Willi Trubach (Hg.), Die Soldaten der neuen Zeit! 1933-1934 – Sammlung neuester nationaler Lieder und Dichtungen mit Notenbeispielen, Berlin o.J. (1934) Gefunden habe ich es im Bestand der Staatsbibliothek Berlin, im Katalog (StaBiKat) ist es merkwürdigerweise nicht zu finden – bei Interesse lohnt die Nachfrage. ↩
1948 begann Dimitri Schostakowitsch mit der Arbeit an einem Werk, welches “Eigenheiten der szenischen Kantate mit den insgesamt dominierenden Merkmalen der satirischen Oper vereint”1, 1968 bearbeitete er es zum letzten Mal. Seine Uraufführung sollte der “Antiformalistische Rajok” erst am 25. September 1989 in Moskau erleben. Wer Russisch lesen kann, ist mit Википедия gut bedient. Wer nicht, findet hier zumindest das Libretto in einer englischen und einer lautschriftlichen russischen Version.
“Der Rajok раёк”, erläutert Manaschir Jakubow,
ist eine spezifische Gattung volkstümlicher Darstellungskunst, die auf den Jahrmärkten Rußlands im 18./19. Jahrhundert verbreitet war: Durch zwei mit Vergrößerungsgläsern ausgestattete Gucklöcher eines Holzkastens konnte der Zuschauer auf einer drehbaren Trommel befestigte, langsam vorüberziehende Bilder betrachten, die vom Rajoschnik in Versform erläutert wurden. Solche Guckkästen standen auf den Jahrmärkten meistens in der Nähe von Schaubuden, um die Marktbesucher anzulocken und auf die in der Schaubude laufende Vorstellung aufmerksam zu machen. Mit der Bildvorführung waren ursprünglich didaktische Ziele verbunden: Zunächst wurde an Hand der Illustrationen die Schöpfungsgeschichte erläutert; das Leben im Paradies, der Sündenfall etc. bildeten ein bevorzugtes Thema. Der Begriff “rajok” läßt sich daher auch von dem russischen Wort rai рай (Paradies) ableiten, obwohl der ursprüngliche semantische Kontext längst verlorengegangen ist. Neben biblischen Sujets standen später immer häufiger Erläuterungen zur Geschichte und Geographie fremder Völker sowie des russischen Volkes im Mittelpunkt.2
Schostakowitschs “Antiformalistischer Rajok” läßt nacheinander drei Funktionäre über “Realismus und Formalismus in der Musik” schwadronieren. Die Hinweise sind so reichlich, daß man sie leicht als Stalin, Schdanow und Schepilow identifizieren kann (und wohl auch soll). Vielmehr ist zu dem Stück eigentlich nicht zu sagen, man braucht sich jetzt nur noch Mühe geben, Schostakowitschs grotesken Humor halbwegs zu begreifen. Eine gute Gelegenheit bietet dazu der Film “Шостакович смеётся”, was soviel heißen sollte wie “Schostakowitsch lacht” (wenn ich mich nicht ganz vertue) von 1993 (Regisseur: W. Berman), der versucht, den Rajok zu bebildern:
Als legendär muß man wohl die Aufführung bezeichnen, die Wladimir Spiwakow mit seinen Moscow Virtuosi im Jahr 2005 auf die Beine stellte. Mit dabei als (unfreiwilliger) Nebendarsteller: Boris Jelzin.
Einspielungen auf CD gibt es auf dem westeuropäischen Markt meines Wissens nach nur zwei: zum einen die nur Puristen ans Herz zu legende Einspielung in der ursprünglichen Fassung für Basstimme, Klavier und Chor sowie die Einspielung von Spiwakow und seinen Moscow Virtuosi, die zwar nicht ganz das Feuer versprüht wie im Video, dafür aber außerdem noch weitere hochinteressante Stücke enthält: zum einen die Kammersinfonie op. 110a, das (mir bis dahin unbekannte) Präludium und Scherzo op. 11 und das Prelude in memory of Dmitri Shostakovich von Alfred Schnittke. Das Beiheft enthält neben dem Libretto in deutsch, englisch und französisch auch noch eine Einführung von Bernd Feuchtner.
Mamaschir Jakubow, Dmitri Schostakowitschs “Antiformalistischer Rajok”, in: Hermann Danuser, Hannelore Gerlach, Jürgen Köchel (Hg.), Sowjetische Musik im Licht der Perestroika – Interpretationen, Quellentexte, Komponistenmonographien, Laaber 1990, S. 177 ↩
Kurzer Hinweis: ich blogge jetzt auch bei wemgehoertdiewelt.de. Aber URINTINTE soll darunter keinen Mangel leiden und bleibt was es ist: unstet und launig.