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Kaliningrad ohne Heimweh – Neue Bilder

Mittwoch, 5. Oktober 2011 17:45

Noch bis zum 11. November sind in der Ausstellung Vom Werden und Vergehen – Suche nach der Identität in Berlin einige neue Kaliningradbilder von mir zu sehen. Anbei sei mein Beitrag (neben einer kurzen Erläuterung) auch hier dokumentiert:

Arndt Beck, Kaliningrad, 2011, click here

Nach meinem sechswöchigen Aufenthalt im vergangenen Jahr und der anschließenden Ausstellung im studio im hochhaus hatte ich im April diesen Jahres erneut die Gelegenheit nach Kaliningrad zu reisen. Im Rahmen des Projekts Trialog der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder konnte ich an einer einwöchigen Sommerschule in Zelenogradsk (Kaliningrader Gebiet) teilnehmen.
Im Anschluß an diesen Aufenthalt stellte ich mit dem Material von 16 weiteren Teilnehmern aus Rußland, Polen und Deutschland eine Ausstellung zusammen. Das Ergebnis war bis zum 23. September in der Bibliothek-Galerie der Viadrina in Frankfurt und ist nun bis zum 16. Oktober in der Universitätsbibliothek in Toruń zu sehen.

Hier nun eine schmale Auswahl der neu entstandenen Bilder. Kaliningrad ist karg, arm. In der von einer europäischen Außengrenze umzäunten russischen Exklave sind die verheerenden Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs noch immer deutlich sichtbar. Noch mehr als anderswo hat der deutsche Rassewahn in Osteuropa gewütet. Königsberg/Kaliningrad lag im »Planquadrat des totalen Krieges«1 (Karl Schlögel). Und Königsberg is dead. Im so betitelten Film von Max & Gilbert aus dem Jahr 2004 ist es der 1928 in Königsberg geborene Musiker Michael Wieck, der dies feststellt. Als Resultat des Zweiten Weltkriegs wurde auf den Trümmern der deutschen Stadt Königsberg das russische Kaliningrad errichtet. Als Provisorium. Die noch nicht geflüchtete deutsche Bevölkerung wurde umgesiedelt, Ostpreußen, Verkörperung des deutschen Faschismus, wurde sowjetisch. Wie sollte jemand, der von oder über Kaliningrad spricht, es vermeiden können, über Identität bzw. die Suche danach, zu sprechen?

Arndt Beck, Nicht anlehnen, 2010

Ein einziges Bild war auch schon in der Ausstellung im vergangenen November zu sehen. Ulrike Schmiegelt hatte es damals so beschrieben:

Auf dem Fenster, durch das der Fotograf in die Landschaft blickte, stand die Weisung ›Ne prislonjatsja‹ – ›Nicht anlehnen‹. Auf dem Foto zieht sich die Schrift wie eine Vision quer über den Himmel. Damit scheint das Bild die Replik auf eine Arbeit des großen Moskauer Konzeptkünstlers Erik Bulatov zu sein. […] Bulatov, der die Kombination von Wort und Schrift zu seinem künstlerischen Prinzip entwickelte, um die Lügen der sowjetischen Propaganda zu entlarven, hat 1987 ein Bild gemalt, bei dem vor einer ›blühenden Landschaft‹ – einer grünen Wiese und einem herbstlich goldenen Birkenwald unter blauem Himmel eben dieser Schriftzug prangt. In Rußland ist diese Mahnung bis heute an jeder Zugtür zu lesen. Er war dem sowjetischen Betrachter also so vertraut wie jeder andere Alltagsgegenstand. Vor der Landschaft Bulatovs wird das Gebot ›Ne prislonjatsja‹ verräterisch, dem Betrachter wird bewußt, daß das Verbot des Sich-Anlehnens auch als Warnung zu verstehen ist: Man soll sich nicht auf die Festigkeit der Tür respektive des Fensters verlassen. Und auf unser Bild übertragen bedeutet dies: der Betrachter soll sich nicht auf die Wahrhaftigkeit des Abgebildeten verlassen, er soll buchstäblich seinen Augen nicht trauen.

Erik Bulatov, Nicht anlehnen, 1987

Das Foto […] erlaubt, die Assoziationskette noch weiter zu führen. Angesichts der Trostlosigkeit vor dem Zugfenster wäre mancher ja vielleicht ganz froh, daß er seinen Augen nicht zu trauen braucht, daß er aufgefordert wird, das Gesehene kritisch zu befragen. Doch die einzelnen Buchstaben des Schriftzugs sind so sehr beschädigt, dass nur der kundige Betrachter die beiden Worte erkennen kann. Der in Auflösung befindliche Schriftzug verstärkt zunächst die Melancholie der Landschaft. Im Sinne Bulatovs weitergedacht bedeutet aber die Auflösung der Worte auch, dass jetzt selbst die Aufforderung zu einer kritischen Sicht in Frage gestellt wird – nicht einmal die altvertrauten Anweisungen und Warnungen scheinen in der neuen Realität mehr von Dauer zu sein, nicht nur die Propaganda, sondern alles Sehen wird damit für unzuverlässig erklärt. Damit ist […] ein eindrucksvolles Bild gelungen, eine Metapher der brüchigen Lebenswelt zumal der russischen Gesellschaft mit ihren krassen sozialen Gegensätzen und dem nahezu unerträglichen Zusammenprall einer vermeintlich glorreichen Vergangenheit mit einer häufig schäbigen Gegenwart. Eine Metapher vielleicht auch für die Erfahrungen der deutschen Touristen, die in Kaliningrad nach dem Königsberg ihrer Kindheit (oder nach der Heimat ihrer Eltern) suchen und es nur noch in letzten Spuren finden können, die kein verlässliches Bild mehr ergeben.

Nein, zum Anlehnen eignet sich das Kaliningrader Gebiet wirklich nicht. Doch es hat mir Bilder zu machen ermöglicht, die ich sonst wohl nirgends hätte machen können; die tiefen Narben – die im Westen längst von der plastischen Chirurgie unsichtbar gemacht wurden – bergen in ihrer oberflächlichen Häßlichkeit eine eigentümliche Schönheit. Sie sind die verzerrenden Spiegel, die – nach Carl Einsteins Bebuquin – »mehr zu Betrachtungen anregen als die Worte von fünfzehn Professoren«2.

Meine Beschäftigung mit Osteuropa hat gerade erst begonnen.

  1. Karl Schlögel, Königsberg – Hannah Arendts Stadt, in: derselbe, Go east oder Die zweite Entdeckung des Ostens, Berlin 1995, S. 78
  2. Carl Einstein, Bebuquin, Stuttgart 1985 (1906/12), S. 3

Thema: Bilder, Kaliningrad ohne Heimweh, Kunst | Kommentare (2) | Autor:

Lieber Pfemfert!

Freitag, 6. März 2009 2:23

Lieber Pfemfert!

In einen Rückzug, versiegeltes Fernbleiben, schickte man mir zwei Bücher; das eine war von Ihrem Temperament verrotet, kräftige Hände schmissen in die vermordete Erde einen Pack Holzpapier, eine schnittige Hundepeitsche, ja vielleicht ein noch nicht aufgestelltes Genickmesser, jagt am abgekurbelten Horizont höllischer Schlagworte.
Das andere, Summa1, Bilanz. Man will summieren. Was denn? Die Zeit? Franz, eine Zeit, die wir schon längst abrichteten, vergaßen.
Hingegen Ihr Aktionsbuch.
Im ganzen geht es hier um noch nicht Verwirklichtes.
Also Zukunft.
Aber um zu Realisierendes. Um Denken, das Verantwortung enthält.
Ich gestehe, ich selbst lebe diesen Dingen etwas entfernt; denn erlaubte ich mir, sie zu lieben, wäre ich tot.
Jedoch bohrte sich mir aus Ihrem Buch nicht der Eindruck memorierter, ermüdeter Druckerschwärze, vielmehr griffen Leidenschaft, Sachlichkeit an.
Vor allem.
Bei Ihnen: Menschen, die lieben und Abänderung suchen. Ich rede nicht vom Literarischen, das bei uns kaum existiert, weder aus dixhuitième noch aus Kirchenvätern surrogiert werden kann.
Ich rede von der ausgesprochenen Unerträglichkeit dieser Zeit, die schon lange vor dem Kriege ekelte. Das Elend quälte immer als gleiches.
Ihr Buch ist deutlich. Konstatiert. Wie lange schon ist es her, daß Deutsche es wagten, festzustellen, ohne theoretische weitfaltige Demoralisierung.
Ich meine, in diesem Buch veröffentlicht zu sein, müßte Ihre Mitschreibenden verpflichten.
Absichtlich schreibe ich Ihnen nicht vom Literarischen; es ist mir nicht genug entschieden, wagend. Aber das ist nicht Ihr Fehler.
Ich weiß, auch Sie liebten mehr Künftigeres und vorgerissene Syntax gebauter Typen.
Aber doch:
Sie gehen zur Verwirklichung neuer Zeit …
Ungehindert. Ohne Archaismus. Ohne Klassik. Noch nie bei uns gewesen.
Mögen sich Ihre Mitarbeiter vor flinker Terminologie bewahren. Daß die pathetische Terminologie – unwahrhafte Phrase – eines voreiligen sozialen Kriminalfilms sie nicht verrage.
Denn sie haben noch nicht das Unmittelbare gefressen.
Auch aus der Lektüre Flauberts ist es nicht zu gewinnen.
Ich danke Ihnen, daß Sie eine kurze Arbeit2 von mir veröffentlichten.
Ich schätze sie nicht, was niemanden angeht.
In Ihrem Aktionsbuch veröffentlicht zu sein, verpflichtet mich. Fern bleiben mir die dicken Hefte gebildeter Journalisten, die ohne Haß und Liebe, im Unentschiedenen einer schleppenden Grammatik kluge unverbindliche Jahrgänge bürgern. – Wie verachte ich träge Ruhe.

Mit herzlichen Grüßen
Ihr Einstein

nach: Die Aktion, Nr. 35/36, Berlin, 8. September 1917, Sp. 489f.

  1. Gemeint ist Franz Bleis Zeitschrift Summa
  2. Gemeint ist Einsteins Text Der Leib des Armen

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Die Sozialdemokratie

Samstag, 7. Juni 2008 2:15

organisiert, das besagt, sie bringt die Massen, deren Bewegung allerdings von vornherein anzuzweifeln ist, zu einer staatsfreundlichen Harmonie. Man stellte die kühne Utopie des befriedigten Kleinbürgers auf und stattete die Parteibücher mit allen Rechten platter Hypothesen aus, dem Darwinismus, diesem Trost des letzten Parvenus. Man versorgte den Frühstücksrevolutionär mit sämtlichen Hemmungen eines pseudowissenschaftlichen Theorems, damit er ja nicht eher losgehe, bevor sämtliche Prämissen zu dem Experiment gegeben sind. Die Sozialdemokratie erklärte sich zu einer konservativen Partei von Beginn an, da sie sich als Klassenpartei aufstellte. Der Sozialdemokrat, diese Reinkultur des politischen Menschen, dem alles zur öffentlichen Angelegenheit wurde. Man evolutioniert sich von Protest zu Protest, bis bei sämtlichen Mitgliedern die Theorie gut sitzt. Ein Verein von Rationalisten wird nie revolutionieren; nur etwas mehr ordnen. Sozialdemokratie, Militär und Volksschule, wie sind sie identisch. Das Ende der sozialdemokratischen Tätigkeit wird lediglich eine Überfüllung nationalökonomischer Lehrstühle sein.

Denn das Menschliche dieses Vereins ist mißverstandenes Plagiat; man eskamotierte aus den Vorbildern jedoch das menschlich Kostbare, das Elementare. Man nahm dem Leidenden seine ihm verliehenen Rechte, man lehrte ihn beneiden und weitaus Schlechteres schätzen; man gab ihm ein Ziel, und der Leidende wurde zum politischen Menschen. Er, der einzig fähig, über unser aller Köpfe zu springen, nicht zu einer gewogenen Ordnung, sondern zu einem Gericht.

Für den Leidenden können gerade nur die besten Köpfe denken; nur der unbekümmert Unstaatliche.

Nur der Arme, Unorganisierte ist fähig, über das ihm nicht Gegebene zu urteilen; er ist auf die Dinge angewiesen, die nicht durch ökonomische Gehaltsaufbesserung zu erlangen sind. Die Sozialdemokratie wird lediglich die Vollendung des von ihr verpönten Kapitalistenstaates herbeiführen; ein jeder wird bei ihr Kapitalist sein und an der allgemeinen Transaktion schieben; Gott gnade jedem Elementaren.

Carl Einstein in Die Aktion (hg. von Franz Pfemfert), 4. Jg., Nr. 12, Berlin, 21. März 1914, Sp. 146

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