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Auf dem Marsch

Sonntag, 5. Oktober 2008 3:50

Die Beine baumeln in den Hüften
Und unsre Knie beugen sich nach vorne tiefer.
Sehr langsam wird die Straße überwunden.
Durch Brandstätten und Mordfelder,
Vor denen uns nicht mehr schauert.
Durch neue Ernte, und Sonne, Sonne,
Die uns nicht mehr wärmt.
Vom vielen Hängen sind die Hände geschwollen.
Das böse Schuhzeug reißt die Füße wund.
Von Schweiß und Staub ist das Gehirn verklebt.
Schlapp zum Hinschlagen.
Aber die Herde treibt alle weiter.
Aus müden Mündern fallen lalle Lieder.
Nur um den Takt.
Kein Mensch freut oder ärgert sich
Über den lieben Gott oder das Vaterland,
Von dem sein Sang singsangt.
Es gibt überhaupt nicht Freude und Haß mehr in uns.
Wir sind so sehr verkommen.
Nur selten richten sich Lustigkeiten auf
Und sind mechanisch.
Manchmal (sehr trostlos) quält einen
Eine Erinnerung: Du meine Mutter
Und: Du meine liebe Frau.
Dann wieder fällt er in die alte Starre
Und stiert vor sich, auf die Kanonenräder,
Die mühsam greifenden,
Wie vom zermahlenen Stein
Die Pulverwolke steigt.
Die Marschkolonne hat den Gleichschritt aufgegeben.
Jeder pendelt im Gleichschritt seiner Körpermaschine.
Irrsinnig eintönig. Irrsinnig eintönig.

Oskar Kanehl, zuerst in: Die Aktion, Nr. 5, Berlin, 25. September 1915, Sp. 489f.

[Heute vor 120 Jahren wurde Oskar Kanehl in Berlin geboren.]

Thema: Gedichte, Jahrestage | Kommentare (0) | Autor: arndt

Die Besessenen

Freitag, 1. August 2008 12:12

I

Das also ist die Kulturhöhe, die wir erreichten: Hunderttausende, die gesündesten, wertvollsten und wertevollsten Kräfte, zittern, daß ein Ungefähr, ein Wink der Regierer Europas, eine Böswilligkeit oder eine sadistische Laune, ein Cäsarenwahn oder eine Geschäftsspekulation, ein hohles Wort oder ein vager Ehrbegriff, sie morgen aus ihrem Heim jagt, hinweg von Weib und Kind, hinweg von Vater und Mutter, hinweg von allem mühselig Aufgebauten, in den Tod. Der irre Zufall kann heute, kann morgen, kann jede Minute rufen, und alle, alle werden kommen. Der Not gehorchend - aber gehorchend. Anfangs werden sie heulen, da sie ihr bißchen Erdenglück zusammenbrechen sehen, - bald jedoch werden sie, wenn auch nicht mit ganz sauberer Unterwäsche, vom allgemeinen Taumel besessen sein und besinnungslos morden und ermordet werden.

II

Es ist dumm, ein Wort der Vernunft zu sprechen, wenn die Stunde der Vernunft nicht da ist. Heute Manifeste zu schreiben, Resolutionen für den Frieden zu fabrizieren, nichts Zweckloseres gibt es, nichts Belangloseres. Und wenn die internationale Sozialdemokratie jetzt phrasentoll die “Schmach des Krieges brandmarkt”, wo die Genossen sich vielleicht schon zum Marschieren rüsten, sollte man die Führer auslachen oder auspeitschen. Denn allein die Pflichtvergessenheit armseliger Mandatsschacherer ist schuld, daß die Völker Europas noch heute (wie vor 50 Jahren) vor der Möglichkeit eines Weltbrandes zu bangen haben. Wäre die bombastisch quasselnde Viermillionenpartei nicht jahrzehntelang nationalistisch gedrillt worden, wir könnten heute jedes Kriegsgeheul heiter hinnehmen.

III

Möglich, daß die Gefahr, zu neun Zehntel durch gewissenlose Preßpiraten genährt, noch diesmal vorübergeht. Wenn diese Zeilen im Druck erscheinen (ich schreibe sie den 27. Juli im extrablattlosen Ilsenburg), ist das große Massenmorden vielleicht schon wieder vertagt worden. Wir werden dennoch keinen Anlaß zum Jubeln haben: das Bewußtsein bleibt: es kann jede Minute eine neue Gefahr kommen, der Chauvinismus ist die ständige Lebensgefahr der Menschheit. Er, allein er, kann über Nacht aus Millionen Vernunftswesen Besessene machen: dieser Gedanke muß uns wachhalten, auch wenn die Gefahr sich schnarchend stellt.

IV

(Was Deutschland, “realpolitisch” gesehen, von einem Weltkrieg zu hoffen, zu fürchten hat, diese Frage geht nur “Patrioten” an. Unsere Patrioten mögen sich damit abfinden, daß Preußen durch seine Polenpolitik dem Zarismus einen wertvollen Verbündeten gewaltsam aufdrängte, daß Schleswig und Elsaß-Lothringen so wenig Gelegenheit fanden, schwarz-weiß-rot lieben zu lernen.)

Franz Pfemfert in: Die Aktion, Nr. 31, Berlin, 1. August 1914, Sp.671f.

Titelblatt der Vossischen Zeitung, des Vorwärts und der Neuen Preußischen (Kreuz-)Zeitung vom 1. August 1914

Thema: Jahrestage, Texte / Zitate | Kommentare (0) | Autor: arndt