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Werden, vergehen, hingehen

Donnerstag, 13. Oktober 2011 20:53

Zur Kenntnis: die Berliner Zeitung macht heute redaktionelle Reklame für die Ausstellung Vom Werden und Vergehen – Suche nach der Identität (nicht online aber hier als pdf). Meinen Beitrag kann man auch hier sehen, den von Helmut J. Psotta hier. Aber besser ist: hingehen.

Thema: Bilder, Kaliningrad ohne Heimweh, Kunst, Veranstaltungen | Kommentare (0) | Autor:

Kaliningrad ohne Heimweh – Neue Bilder

Mittwoch, 5. Oktober 2011 17:45

Noch bis zum 11. November sind in der Ausstellung Vom Werden und Vergehen – Suche nach der Identität in Berlin einige neue Kaliningradbilder von mir zu sehen. Anbei sei mein Beitrag (neben einer kurzen Erläuterung) auch hier dokumentiert:

Arndt Beck, Kaliningrad, 2011, click here

Nach meinem sechswöchigen Aufenthalt im vergangenen Jahr und der anschließenden Ausstellung im studio im hochhaus hatte ich im April diesen Jahres erneut die Gelegenheit nach Kaliningrad zu reisen. Im Rahmen des Projekts Trialog der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder konnte ich an einer einwöchigen Sommerschule in Zelenogradsk (Kaliningrader Gebiet) teilnehmen.
Im Anschluß an diesen Aufenthalt stellte ich mit dem Material von 16 weiteren Teilnehmern aus Rußland, Polen und Deutschland eine Ausstellung zusammen. Das Ergebnis war bis zum 23. September in der Bibliothek-Galerie der Viadrina in Frankfurt und ist nun bis zum 16. Oktober in der Universitätsbibliothek in Toruń zu sehen.

Hier nun eine schmale Auswahl der neu entstandenen Bilder. Kaliningrad ist karg, arm. In der von einer europäischen Außengrenze umzäunten russischen Exklave sind die verheerenden Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs noch immer deutlich sichtbar. Noch mehr als anderswo hat der deutsche Rassewahn in Osteuropa gewütet. Königsberg/Kaliningrad lag im »Planquadrat des totalen Krieges«1 (Karl Schlögel). Und Königsberg is dead. Im so betitelten Film von Max & Gilbert aus dem Jahr 2004 ist es der 1928 in Königsberg geborene Musiker Michael Wieck, der dies feststellt. Als Resultat des Zweiten Weltkriegs wurde auf den Trümmern der deutschen Stadt Königsberg das russische Kaliningrad errichtet. Als Provisorium. Die noch nicht geflüchtete deutsche Bevölkerung wurde umgesiedelt, Ostpreußen, Verkörperung des deutschen Faschismus, wurde sowjetisch. Wie sollte jemand, der von oder über Kaliningrad spricht, es vermeiden können, über Identität bzw. die Suche danach, zu sprechen?

Arndt Beck, Nicht anlehnen, 2010

Ein einziges Bild war auch schon in der Ausstellung im vergangenen November zu sehen. Ulrike Schmiegelt hatte es damals so beschrieben:

Auf dem Fenster, durch das der Fotograf in die Landschaft blickte, stand die Weisung ›Ne prislonjatsja‹ – ›Nicht anlehnen‹. Auf dem Foto zieht sich die Schrift wie eine Vision quer über den Himmel. Damit scheint das Bild die Replik auf eine Arbeit des großen Moskauer Konzeptkünstlers Erik Bulatov zu sein. [...] Bulatov, der die Kombination von Wort und Schrift zu seinem künstlerischen Prinzip entwickelte, um die Lügen der sowjetischen Propaganda zu entlarven, hat 1987 ein Bild gemalt, bei dem vor einer ›blühenden Landschaft‹ – einer grünen Wiese und einem herbstlich goldenen Birkenwald unter blauem Himmel eben dieser Schriftzug prangt. In Rußland ist diese Mahnung bis heute an jeder Zugtür zu lesen. Er war dem sowjetischen Betrachter also so vertraut wie jeder andere Alltagsgegenstand. Vor der Landschaft Bulatovs wird das Gebot ›Ne prislonjatsja‹ verräterisch, dem Betrachter wird bewußt, daß das Verbot des Sich-Anlehnens auch als Warnung zu verstehen ist: Man soll sich nicht auf die Festigkeit der Tür respektive des Fensters verlassen. Und auf unser Bild übertragen bedeutet dies: der Betrachter soll sich nicht auf die Wahrhaftigkeit des Abgebildeten verlassen, er soll buchstäblich seinen Augen nicht trauen.

Erik Bulatov, Nicht anlehnen, 1987

Das Foto [...] erlaubt, die Assoziationskette noch weiter zu führen. Angesichts der Trostlosigkeit vor dem Zugfenster wäre mancher ja vielleicht ganz froh, daß er seinen Augen nicht zu trauen braucht, daß er aufgefordert wird, das Gesehene kritisch zu befragen. Doch die einzelnen Buchstaben des Schriftzugs sind so sehr beschädigt, dass nur der kundige Betrachter die beiden Worte erkennen kann. Der in Auflösung befindliche Schriftzug verstärkt zunächst die Melancholie der Landschaft. Im Sinne Bulatovs weitergedacht bedeutet aber die Auflösung der Worte auch, dass jetzt selbst die Aufforderung zu einer kritischen Sicht in Frage gestellt wird – nicht einmal die altvertrauten Anweisungen und Warnungen scheinen in der neuen Realität mehr von Dauer zu sein, nicht nur die Propaganda, sondern alles Sehen wird damit für unzuverlässig erklärt. Damit ist [...] ein eindrucksvolles Bild gelungen, eine Metapher der brüchigen Lebenswelt zumal der russischen Gesellschaft mit ihren krassen sozialen Gegensätzen und dem nahezu unerträglichen Zusammenprall einer vermeintlich glorreichen Vergangenheit mit einer häufig schäbigen Gegenwart. Eine Metapher vielleicht auch für die Erfahrungen der deutschen Touristen, die in Kaliningrad nach dem Königsberg ihrer Kindheit (oder nach der Heimat ihrer Eltern) suchen und es nur noch in letzten Spuren finden können, die kein verlässliches Bild mehr ergeben.

Nein, zum Anlehnen eignet sich das Kaliningrader Gebiet wirklich nicht. Doch es hat mir Bilder zu machen ermöglicht, die ich sonst wohl nirgends hätte machen können; die tiefen Narben – die im Westen längst von der plastischen Chirurgie unsichtbar gemacht wurden – bergen in ihrer oberflächlichen Häßlichkeit eine eigentümliche Schönheit. Sie sind die verzerrenden Spiegel, die – nach Carl Einsteins Bebuquin – »mehr zu Betrachtungen anregen als die Worte von fünfzehn Professoren«2.

Meine Beschäftigung mit Osteuropa hat gerade erst begonnen.

  1. Karl Schlögel, Königsberg – Hannah Arendts Stadt, in: derselbe, Go east oder Die zweite Entdeckung des Ostens, Berlin 1995, S. 78
  2. Carl Einstein, Bebuquin, Stuttgart 1985 (1906/12), S. 3

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28. September: Einladung zur Fotoausstellung

Sonntag, 25. September 2011 15:43

Flyer-Titel

Dreisprachiger Flyer (polnisch-deutsch-russisch) als pdf; Plakat als pdf

 

Diese Ausstellung wird nun auch vom 28. September bis zum 16. Oktober in der Toruńer Universitäts-Bibliothek (Gagarinstr. 13) zu sehen sein.

Eröffnung: Mittwoch, den 28. September, 18 Uhr

Biblioteka Uniwersytecka
ul. Gagarina 13
87-100 Toruń

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5. November: Einladung zur Ausstellung Kaliningrad ohne Heimweh

Sonntag, 31. Oktober 2010 14:55

Einladung zur Ausstellung (pdf)

Im Rahmen des 4. Europäischen Monats der Fotografie Berlin

(English version click here)

Arndt Beck

Kaliningrad ohne Heimweh – ein Foto-Essay

Eröffnung: 5. November 2010, 19.30 Uhr

studio im hochhaus – kunst- und literaturwerkstatt, Berlin (Kartenansicht; Adresse und Öffnungszeiten siehe unten)

Begrüßung und Eröffnung: Christina Emmrich, Bezirksbürgermeisterin
Es sprechen: Brigitte Graf, Kuratorin des Projektes
Ulrike Schmiegelt, Kunsthistorikerin
Musik: Olexandr Babenko, Violine; Olga Babenko, Violine; Michail Ganevskiy, Cello

Ausstellungsdauer: 7. November 2010 bis 9. Januar 2011

 

Zur Ausstellung:

Der Titel Kaliningrad ohne Heimweh impliziert bereits das Hauptaugenmerk des Fotografen: Die russische Stadt Kaliningrad steht im Zentrum seiner Aufmerksamkeit. Und “ohne Heimweh” gilt vor allem als Absage an die deutschen “Heimwehtouristen”, die in Kaliningrad stets nur die untergegangene deutsche Stadt Königsberg suchen. Jenseits von revisionistischen Gebietsansprüchen und sentimentalen Erinnerungen tut sich für Arndt Beck ein anderes Blickfeld auf, welches der Historiker Karl Schlögel exakt vermessen hat: “Königsberg/Kaliningrad liegt im Planquadrat des totalen Krieges. Es ist das Ende und die Wiederbegründung menschlicher Wohnstätte auf verbrannter Stelle. Die monotone Stadt ist die Stadt nach dem Grauen.”1

Videoarbeit mit Bildern von Kaliningrader Friedhöfen (auch in der Ausstellung zu sehen)

Arndt Beck findet seine Motive an gewöhnlichen und ungewöhnlichen, meist öffentlichen Orten und im Spannungsfeld von Geschichte und Gegenwart. Die Motive werden nicht manipuliert oder inszeniert, sondern – im Objektiv der Kamera – höchst subjektiv dokumentiert. In umfangreichen essayistischen Serien geht diese sich in der Tradition der street photography begreifende Anschauung jedoch über den rein dokumentarischen Charakter hinaus. Arndt Beck begreift jedes einzelne Bild ähnlich einem Wort, welches erst im Satzzusammenhang seinen tatsächlichen Sinn erhält. Die primär inhaltliche Ausrichtung seiner Arbeit folgt der Maxime Walter Benjamins, nicht die Politik zu ästhetisieren, sondern die Ästhetik zu politisieren.

Der nun erstmals ausgestellte Foto-Essay entstand während eines sechswöchigen Arbeitsaufenthalts in Kaliningrad im Frühjahr 2010.

 

studio im hochhaus – kunst- und literaturwerkstatt
Zingster Str. 25
13051 Berlin
Telefon/Fax: 030 929 38 21

Kartenansicht

Öffnungszeiten der Ausstellungen: Mo – Do 11 bis 19, Fr 11 bis 16 und So 14 bis 18 Uhr
S-Bahn (S 75) bis Wartenberg oder Hohenschönhausen Tram M4, M5 / Ahrenshooper Str. M4, M17 / Prerower Platz

  1. Karl Schlögel, Königsberg – Hannah Arendts Stadt, in: derselbe, Go east oder Die zweite Entdeckung des Ostens, Berlin 1995, S. 78

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Kaliningrad ohne Heimweh (2)

Sonntag, 20. Juni 2010 2:55

Kaliningrad ohne Heimweh [click here]

Bei meinem ersten Kaliningrad-Aufenthalt im letzten Jahr war der Wunsch entstanden, diese Stadt noch einmal genauer unter die Lupe bzw. vor die Linse zu nehmen. Dank der Unterstützung des ‘STEP beyond’ Mobility Fund der European Cultural Foundation und von TRANZIT wurde dieses dann in diesem Jahr auch möglich. Vom 6. April bis zum 15. Mai war ich für einen Arbeitsaufenthalt in Kaliningrad. Es ist ein umfangreicher Foto-Essay entstanden, der im November diesen Jahres im Rahmen des Monats der Fotografie in der Berliner Galerie studio im hochhaus erstmals gezeigt wird.

Die Kaliningrader Fotografenunion gab mir Gelegenheit, erste Eindrücke meiner Arbeit vor Ort zu zeigen. Die Projektion ist hier (oben aufs Bild klicken) dokumentiert. Es ist keine fertige Serie, sondern eine erste Bestandsaufnahme, ein Einblick in meine Werkstatt, sortiert nach Schwerpunkten. Natürlich nicht ganz ohne Dramaturgie und mit Brecht im Sinn: “Wir wissen, daß wir Vorläufige sind / Und nach uns wird kommen: nichts Nennenswertes.”

Wer unbedingt genauer wissen will, was ich sonst so in Kaliningrad getrieben habe, kann es hier in schlichtem Englisch nachlesen.

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5. Mai: Bildprojektion bei der Kaliningrader Fotografenunion

Samstag, 1. Mai 2010 2:43

Am Mittwoch, den 5. Mai, 19 Uhr, stelle ich meinen gerade entstandenen und nach wie vor entstehenden Fotoessay “Kaliningrad ohne Heimweh” bei der Kaliningrader Fotografenunion erstmals vor. Wer gerade vor Ort ist, ist herzlich eingeladen. Ul. Telmana (Thälmannstr.) 46a.

Achtung: Die Veranstaltung ist verlegt worden. Tag und Uhrzeit bleiben gleich, der neue Ort ist Ul. Baranova 45.

aus: Kaliningrad ohne Heimweh

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Kaliningrad ohne Heimweh

Montag, 20. Juli 2009 1:54

von Arndt Beck

Kaliningrad ohne Heimweh [click here]

Auf Einladung der Stiftung European Cultural Foundation und der Galerie studio im hochhaus (Brigitte Graf) durfte ich im vergangenen Monat einige Tage in Kaliningrad verbringen. Natürlich bot sich bei diesem Treffen von etwa 140 Kulturvermittlern aus Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Holland, Lettland, Litauen, Polen und Russland die Gelegenheit, einige Kontakte zu knüpfen, mehr noch aber war ich daran interessiert, die knapp bemessene Zeit zum Fotografieren zu nutzen.

Als wir die Stadt am Montagnachmittag erreichten, brachte ich meine Sachen zügig aufs Hotelzimmer, um gleich zu einer ersten Stadterkundung aufzubrechen. Doch nach meinem kleinen Rundgang zweifelte ich, ob die Kürze der Zeit ausreichen würde, um mehr als ein oberflächliches Bild der Stadt aufzuzeichnen.

Diese Zweifel sollten am nächsten Tag verfliegen. Wie gewünscht stellten sich bedeckter Himmel und unaufdringlicher, gelegentlicher Nieselregen ein. Ich lief zunächst in Richtung Platz des Sieges (pl. Pobedy), mit der neuen orthodoxen Erlöserkathedrale, ging dann zum großen Ehrenmal, zum Kosmonautendenkmal und am Nachmittag hinunter zum Pregel, vorbei an der Eisenbahnhubbrücke, hin zum Ozean-Museum, um die dort stattfindende Auftaktveranstaltung unseres Treffens nicht zu verpassen.

K., meine bis zum Fahrtantritt unbekannte Berliner Mitreisende, hat einige familiäre Wurzeln in Königsberg und wollte bei dieser Gelegenheit, ganz ohne revisionistische Sentimentalität, Orte dieser Vorväter und -mütter aufsuchen. Als ein Mitarbeiter (der mir, muß ich zu meiner Schande gestehen, zunächst recht albern vorkam, sich aber schnell als herzerfrischend offener, sympathischer und intelligenter Gastgeber sowie als hervorragender Kenner seiner Heimatstadt erwies) des russischen Mitveranstalters Tranzit davon erfuhr, organisierte er ein Auto. Wir fanden uns wenig später in der Kaliningrader Vorstadt wieder und konnten, wenn auch nicht ganz genau, so doch aber alte Königsberger Wohnhäuser finden, in denen diese Vorfahren gelebt haben mochten. Mir blieb als Eindruck vor allem diese überbordende Freundlichkeit ohne Hintergedanken.

Mein fotografischer Ehrgeiz war nach diesem ersten ergiebigen Tag nun vollends entfacht und ich “schwänzte” am folgenden das offizielle Programm. Somit begann mein Tag im Bunker. Dort, wo General Otto Lasch bis zum 9. April 1945 ausharrte und die Stadt somit (nach dem Bombardement der britischen Luftwaffe vom 26./27. August 1944 und nochmals zwei Tage später) einer zweiten Zerstörung aussetzte, befindet sich heute ein Bunkermuseum mit einigen Panoramen vom brennenden Königsberg, aber auch das mit Originaldokumenten nachgestellte Arbeitszimmer Otto Laschs sowie die mit menschengroßen Puppen nachempfundene Szene der endgültigen Kapitulation: der zerknirschte General sitzt am Schreibtisch, in vollem Wichs, einen sowjetischen Aufruf an die Bevölkerung Ostpreußens zerknüllend; im Hintergrund zwei Sowjetsoldaten, im Begriff ihn festzunehmen.

Wieder über der Erde ging ich nun den weiten Weg hinaus zum großen sowjetischen Friedhof – ein Waldfriedhof, die Gräber meist umzäunt, mit schmalen Trampelpfaden dazwischen und auf fast jedem Grab ein Bild. Vor mir tat sich geradezu ein unendlich reiches, verwunschenes Bilderparadies auf. Nur schwer kehrte ich ins irdische Dasein zurück und nahm nun die Straßenbahn ins Stadtzentrum. Und hier hätte der Tag auch zuende sein dürfen, doch man nötigte mich – unter Aufbietung nicht wenig russischen Charmes – zu einem Discobesuch. Forciert von einem umtriebigen Galeristen, der darauf beharrte, daß es eine Subkultur geben müsse, rasten wir im Taxi durch das abendliche Kaliningrad. Doch außer schmierigen Zuhälterschuppen, Bordellen und Puffs bekamen wir nichts zu sehen und landeten zum guten Schluß in einer “normalen” Discothek – von Subkultur keine Spur. Zu meiner Freude währte unser Aufenthalt nicht allzu lange, nur unser erfahrungshungriger Galerist ließ sich nicht zur Heimkehr überreden. So blieb er dort ohne uns und ich befürchtete, ihn am nächsten Tag ausgeraubt und mit blauem Auge in der Hotellobby wiederzutreffen. Dies geschah zum Glück nicht, wenngleich meine Befürchtung sich als durchaus nicht unberechtigt herausstellen sollte.

Am nächsten Tag stand eine Busfahrt ins etwa 50 Kilometer entfernte Baltijsk (ehemals Pillau) auf dem Programm. Hier befindet sich – neben St. Petersburg – der größte Stützpunkt der Baltischen Flotte. Bis 1991 war es Sperrgebiet im Sperrgebiet (bereits zum Kaliningradskaja Oblast` (Kaliningrader Gebiet) gab es keinen freien Zugang und als gäbe es eine Steigerung: zum Baltijsker Kreis erst recht nicht). Touristen brauchen bis heute eine Sondergenehmigung, doch es ist nicht schwer diese zu bekommen. Unser Programm begann mit dem Besuch der Ausstellung zur Geschichte der Baltischen Flotte im ehemaligen Amtgericht von Pillau, die mein gut informierter Reiseführer ganz diplomatisch (und ohne weitere Beschreibung) “sehenswert”1 nennt. Das ist sie zweifellos. Kriegsgerät aus den letzten (geschätzt) 200 Jahren, allerhand Fahnen, Modelle, ikonenhafte Fotos vor mit Flecktarn abgehängten Wänden, mehrere Dutzend Ölgemälde, die danach schreien Schinken genannt zu werden, Uniformen und Puppen mit absurden Taucherausrüstungen bekleidet. Nicht zu vergessen der selig lächelnde Bombenleger, der sein Sprengstoffpaket an der simulierten Bahnschiene befestigt hat (was ist eigentlich sein Bezug zur Baltischen Flotte?). Der Herr vom Deutschen Marinebund (sagte ich anfangs Kulturvermittler?) war sichtlich in seinem Element. Mit Leichtigkeit konnte er die Minen im Schaukasten nach Nationalitäten und Funktionsweisen unterscheiden und die Waffe an der Wand (eine Kalaschnikow?) wollte er sich zur Vertreibung der Zeugen Jehova ausleihen (im Scherz, versteht sich). Ein Buch vom marinesken Nazi-Phallus in Laboe überreichte dann der deutsche Soldat dem russischen Soldaten – in der Psychologie nennt man das double-bind: wenn die Mörder sich nicht gerade gegenseitig ermorden, geben sie sich die Ehre.

Es folgte ein kleiner Stadtrundgang. Zunächst zu und auf Schinkels Leuchtturm. Dann an Peter I., der Friedrich-Wilhelm I. von Brandenburg vom Sockel geschubst hat2, vorbei, zur kleinen Reformierten Kirche und schließlich zur alten Festungsanlage. Mit dem Bus ging es dann weiter zum westlichsten Punkt Russlands, wo 2003 ein riesiges Reiterstandbild im Andenken an die Zarin Elisabeth aufgestellt wurde. Betrachtet man nur die neu aufgestellten Denkmale, ist die reaktionäre Rückbesinnung frappierend. Oder es ist, wie der polnische Essayist Andrzej Mencwel sagt: “Russland macht eine Zeit der Smuta, der inneren Kämpfe und der Orientierungslosigkeit, durch, wie sie in seiner Geschichte immer wieder vorkam [...]. Die Smuta wird noch eine Zeitlang andauern, eine vielleicht zwei Generationen, und man muß achtgeben, was daraus hervorgeht.”3 Wie dem auch sei – ich ließ das vorgesehene Mittagessen aus und sah mich stattdessen noch ein wenig um.

Das Nachmittagsprogramm hielt einen Vortrag in der Stadtverwaltung bereit, der gewisse Längen aufwies und von einigen Zuhörenden (bzw. Weghörenden) als Verdauungsschläfchen genutzt wurde. Mir blieb einzig das sich selbst nicht ernstnehmende Lächeln des Vortragenden in Erinnerung, als er die Worte “Monte Baltijsk” aussprach, träumt man doch hier (und wie mir scheint auch in der ganzen Region) von einem wohlstandbringenden Glücksspiel-Eldorado. Im Anschluß bat er uns in sein Arbeitszimmer und zeigte stolz sein altarähnlich angeordnetes Foto-Panorama der russischen Geschichte: ganz oben zentral das Bild einer russisches Flagge mit Wappen (und sicherlich patriotischer Inschrift), daneben Medwedew und Putin, darunter historische Stadtansichten von Pillau, Landkarten, Elisabeth, Peter, Schiffe, Ikonen, Stalin, Lenin, Generale, Fahnen, Urkunden … Der Vortrag hatte sich gelohnt.

Lenin winkte uns dann auch noch zum Abschied von seinem schwungvollen Sockel und es ging zurück nach Kaliningrad. Unser Bus hatte ein wenig Verspätung, so blieb kaum Zeit sich ein wenig zu erfrischen, stand doch nun noch das abschließende Fest im Fort Nr.1 Stein auf dem Programm. Daß die Bediensteten uns in zivil und nicht in Sowjet- und deutschen Wehrmachtsuniformen den Wein nachgossen, geschah nur auf ausdrücklichen Wunsch der Veranstalter – ich fragte mich, wer hier wohl sonst Saufgelage abhält. Nichtsdestotrotz – das Fest war ein fröhlicher Ausklang einer gut organisierten und produktiven Reise. Als die Feierlaune auch in der Hotellobby nicht verebben wollte und in eine improvisierte Geburtstagsparty mündete, wurde die Hotel-Security spürbar nervös.

Unser Abreisetag war nun schon gekommen – viel zu schnell. Zum Glück fuhr der Zug erst am späten Nachmittag, so daß wir noch einmal Zeit für einen letzten (und ersten) Kaliningrad-Bummel hatten. Und mehr hatten wir (K. und ich) auch tatsächlich nicht vor: vorbei am unweit gelegenen, aufgehübschten Haus der Räte, hin zum Dom, dem touristischen Zentrum der Stadt. Vor dem Grab Immanuel Kants fragte uns ein älterer Mann auf deutsch, ob wir wüßten, warum es ohne Markgraf Albrecht von Brandenburg (der aus der Ecke vom Sockel auf das Kantgrab lugte) Angela Merkel nicht gäbe. Natürlich wußten wir nicht und er beklagte, daß die Deutschen ihre Geschichte nicht kennen würden. In ziemlich harschem Ton fuhr er fort. Er schilderte uns die Bedeutung des späteren Herzog Albrecht, erläuterte detailreich die Geschichte des Doms. Unterbrechungsversuche wies er brüsk ab. Wir zweifelten, ob wir es nicht doch mit einem Verrückten zu tun hatten und waren drauf und dran ihn einfach stehen zu lassen – aber was er sagte war zu interessant und irgendwie hatte ich das Gefühl, er sei berechtigt uns etwas grob zu behandeln. Zuletzt reichte sein Bogen tatsächlich zu Angela Merkel und ich verstand, daß hier in Königsberg, und im besonderen hier auf der Dominsel die Wiege von Preußen-Deutschland steht. Jetzt endlich ließ er auch unsere Fragen nach ihm zu und wir baten ihn zunächst, uns seinen Namen zu nennen. Der tue nichts zur Sache, sagte dann doch einen deutschen Vornamen und wir fragten vorsichtig weiter, seit wann er denn in Kaliningrad lebe. Seine harsche, fordernde Art hatte er vollkommen abgelegt und war nun ganz sanft geworden. 1942 sei er als Waisenkind in ein deutsches, wenig später in ein sowjetisches Kinderheim gekommen. Er sei dort gut behandelt worden und tatsächlich wurde ihm eine Hochschulausbildung ermöglicht. Über 40 Jahre habe er kein deutsch gesprochen. Nun holte er noch einmal zu einem großen Friedensappell aus. Im Namen Immanuel Kants beschwor er die menschliche Vernunft. Wir waren beeindruckt. Hilflos gab ich ihm meine Adresse und bot ihm an, Bücher zu senden. Er wiegelte ab. Er sei alt, habe genug Bücher, nahm die Adresse aber an sich. Wenn wir ihm damit, daß wir ihm halbwegs aufmerksam zuhörten, eine kleine Freude gemacht haben, wäre das viel. Wir aber waren dankbar für diese eindrucksvolle Begegnung am Ende unserer Reise, setzten uns auf eine Bank vor dem Dom und sahen den blutjungen Brautpaaren nach. Touristen waren hier übrigens keine. Für die Rückfahrt kauften wir noch ein paar Sachen zum Essen, gingen zurück zum Hotel und saßen wenig später im Nachtzug nach Berlin-Lichtenberg.

  1. Gunnar Strunz, Königsberg entdecken, Berlin 2006, S. 187
  2. “Zum Andenken an seinen (Peter I.) Aufenthalt in Pillau 1697 setzte man ihn 1997 auf genau jenen Sockel, von dem vorher der Große Kurfürst über die See blickte.” Strunz, Königsberg, S. 188
  3. Andrzej Mencwel, Kaliningrad, mon amour, Potsdam 2008, S. 24
    In den Anmerkungen wird das Wort Smuta erläutert: “Der russische Begriff entstand im 17. Jahrhundert in Russland während der Krise nach dem Aussterben der Dynastie der Rjurikiden und bezeichnet seitdem in der russischen Geschichte eine kritische Übergangszeit, die zum Bürgerkrieg führen kann.” Ebenda, S. 81

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