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Auf dem Marsch

Sonntag, 5. Oktober 2008 3:50

Die Beine baumeln in den Hüften
Und unsre Knie beugen sich nach vorne tiefer.
Sehr langsam wird die Straße überwunden.
Durch Brandstätten und Mordfelder,
Vor denen uns nicht mehr schauert.
Durch neue Ernte, und Sonne, Sonne,
Die uns nicht mehr wärmt.
Vom vielen Hängen sind die Hände geschwollen.
Das böse Schuhzeug reißt die Füße wund.
Von Schweiß und Staub ist das Gehirn verklebt.
Schlapp zum Hinschlagen.
Aber die Herde treibt alle weiter.
Aus müden Mündern fallen lalle Lieder.
Nur um den Takt.
Kein Mensch freut oder ärgert sich
Über den lieben Gott oder das Vaterland,
Von dem sein Sang singsangt.
Es gibt überhaupt nicht Freude und Haß mehr in uns.
Wir sind so sehr verkommen.
Nur selten richten sich Lustigkeiten auf
Und sind mechanisch.
Manchmal (sehr trostlos) quält einen
Eine Erinnerung: Du meine Mutter
Und: Du meine liebe Frau.
Dann wieder fällt er in die alte Starre
Und stiert vor sich, auf die Kanonenräder,
Die mühsam greifenden,
Wie vom zermahlenen Stein
Die Pulverwolke steigt.
Die Marschkolonne hat den Gleichschritt aufgegeben.
Jeder pendelt im Gleichschritt seiner Körpermaschine.
Irrsinnig eintönig. Irrsinnig eintönig.

Oskar Kanehl, zuerst in: Die Aktion, Nr. 5, Berlin, 25. September 1915, Sp. 489f.

[Heute vor 120 Jahren wurde Oskar Kanehl in Berlin geboren.]

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Prof. Dr. Landsturm (1813)

Samstag, 27. September 2008 0:15

Die Professoren der Universität Berlin bildeten einen eigenen Trupp und übten sich häufig in den Waffen, der kleine bucklige Schleiermacher, der kaum die Pike tragen konnte, auf der äußersten Linken, der baumlange Savigny auf dem rechten Flügel; der lebhafte knirpsige Niebuhr exerzierte, daß die nur federgewandten Hände dicke Schwielen bekamen; der ideologisch tapfere Fichte erschien bis an die Zähne bewaffnet, zwei Pistolen im breiten Gürtel, einen Pallasch hinter sich herschleppend, in der Vorhalle seiner Wohnung lehnten Ritterlanze und Schild für sich und seinen Sohn. Der alte Schadow führte die Schar der Künstler, Iffland die Helden der Bühne; diese wie jene meist abenteuerlich-mittelalterlich und phantastisch-theatralisch kostümiert und bewehrt: Sturm- und Pickelhaube, Flamberge und sogar Morgensterne kamen zum Vorschein; man sah auf dem Übungsplatz den Waffenschmuck Talbots und Burgunds, Wallensteins und Richards des Löwenherzen. Iffland selbst erschien einst mit dem Brustharnisch und dem Schilde der Jungfrau von Orleans, was große Heiterkeit erregte.

Karl Friedrich Köppen nach: Franz Mehring, Aufsätze zur preußischen und deutschen Geschichte, Leipzig 1986, S. 251f.

[Für Hinweise auf die originale Quelle wäre ich dankbar.]

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Werbefeldzug - Versuch über den Krieg

Montag, 25. August 2008 19:42

Werbefeldzug - Versuch über den Krieg

Beim ZiF PhotoAward 2008 (URINTINTE berichtete) konnte mein Beitrag Werbefeldzug - Versuch über den Krieg nur einen Blumentopf gewinnen. In die Ausstellung und die Zeit Online-Galerie der besten Einsendungen haben es zwei Bilder geschafft. Alle fünf Fotos sind hier zu sehen.

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Die Besessenen

Freitag, 1. August 2008 12:12

I

Das also ist die Kulturhöhe, die wir erreichten: Hunderttausende, die gesündesten, wertvollsten und wertevollsten Kräfte, zittern, daß ein Ungefähr, ein Wink der Regierer Europas, eine Böswilligkeit oder eine sadistische Laune, ein Cäsarenwahn oder eine Geschäftsspekulation, ein hohles Wort oder ein vager Ehrbegriff, sie morgen aus ihrem Heim jagt, hinweg von Weib und Kind, hinweg von Vater und Mutter, hinweg von allem mühselig Aufgebauten, in den Tod. Der irre Zufall kann heute, kann morgen, kann jede Minute rufen, und alle, alle werden kommen. Der Not gehorchend - aber gehorchend. Anfangs werden sie heulen, da sie ihr bißchen Erdenglück zusammenbrechen sehen, - bald jedoch werden sie, wenn auch nicht mit ganz sauberer Unterwäsche, vom allgemeinen Taumel besessen sein und besinnungslos morden und ermordet werden.

II

Es ist dumm, ein Wort der Vernunft zu sprechen, wenn die Stunde der Vernunft nicht da ist. Heute Manifeste zu schreiben, Resolutionen für den Frieden zu fabrizieren, nichts Zweckloseres gibt es, nichts Belangloseres. Und wenn die internationale Sozialdemokratie jetzt phrasentoll die “Schmach des Krieges brandmarkt”, wo die Genossen sich vielleicht schon zum Marschieren rüsten, sollte man die Führer auslachen oder auspeitschen. Denn allein die Pflichtvergessenheit armseliger Mandatsschacherer ist schuld, daß die Völker Europas noch heute (wie vor 50 Jahren) vor der Möglichkeit eines Weltbrandes zu bangen haben. Wäre die bombastisch quasselnde Viermillionenpartei nicht jahrzehntelang nationalistisch gedrillt worden, wir könnten heute jedes Kriegsgeheul heiter hinnehmen.

III

Möglich, daß die Gefahr, zu neun Zehntel durch gewissenlose Preßpiraten genährt, noch diesmal vorübergeht. Wenn diese Zeilen im Druck erscheinen (ich schreibe sie den 27. Juli im extrablattlosen Ilsenburg), ist das große Massenmorden vielleicht schon wieder vertagt worden. Wir werden dennoch keinen Anlaß zum Jubeln haben: das Bewußtsein bleibt: es kann jede Minute eine neue Gefahr kommen, der Chauvinismus ist die ständige Lebensgefahr der Menschheit. Er, allein er, kann über Nacht aus Millionen Vernunftswesen Besessene machen: dieser Gedanke muß uns wachhalten, auch wenn die Gefahr sich schnarchend stellt.

IV

(Was Deutschland, “realpolitisch” gesehen, von einem Weltkrieg zu hoffen, zu fürchten hat, diese Frage geht nur “Patrioten” an. Unsere Patrioten mögen sich damit abfinden, daß Preußen durch seine Polenpolitik dem Zarismus einen wertvollen Verbündeten gewaltsam aufdrängte, daß Schleswig und Elsaß-Lothringen so wenig Gelegenheit fanden, schwarz-weiß-rot lieben zu lernen.)

Franz Pfemfert in: Die Aktion, Nr. 31, Berlin, 1. August 1914, Sp.671f.

Titelblatt der Vossischen Zeitung, des Vorwärts und der Neuen Preußischen (Kreuz-)Zeitung vom 1. August 1914

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Billig, aber nicht umsonst

Samstag, 7. Juni 2008 1:55

Optimismus ist lediglich ein Mangel an Information. Heiner Müller

Harald Welzer, Klimakriege

Gelegentlich findet man bei der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) Bücher, die über den Vorwurf der Propaganda erhaben sind. Klimakriege von Harald Welzer ist so ein Buch.

Hat man es gelesen, ist man einigermaßen konsterniert - über den Zustand der Welt ebenso wie über den eigenen. Welzer legt nüchtern dar, wie gesellschaftliche Entwicklungen in die Irre laufen können, widervernünftige Dynamiken entwickeln, die nichts als verbrannte Erde hinterlassen. Und die (eigene) menschliche Psyche ist dabei stets bereit, die Maßstäbe neu zu setzen. Shifting baselines nennt der Autor diese schleichende Anpassung, die es etwa ermöglicht, aus zivil verfassten Gesellschaften innerhalb weniger Jahre mordende Volksgemeinschaften werden zu lassen und - dies vielleicht das Entscheidende - es den Mördern erlaubt, ihr Vorgehen für ‘normal’ zu halten.

Welzers Horizont ist weit, sein Stil ist klar und als Wissenschaftler ist er es gewohnt, seine Quellen in einem oft noch viele weitere Anregungen bietenden Anmerkungsapparat genau zu belegen. Sein Pessimismus entspringt der realistischen, gut informierten Einschätzung:

Auch auf diese Weise lässt sich der Prozess der Globalisierung beschreiben - als ein sich beschleunigender Vorgang sozialer Entropie, der die Kulturen auflöst und am Ende, wenn es schlecht ausgeht, nur noch die Unterschiedslosigkeit zurücklässt. Das allerdings wäre die Apotheose jener Gewalt, zu deren Abschaffung die Aufklärung und mit ihr die westliche Kultur den Schlüssel gefunden zu haben glaubte. Aber von der neuzeitlichen Sklavenarbeit und der gnadenlosen Ausbeutung der Kolonien bis zur frühindustriellen Zerstörung der Lebensgrundlagen von Menschen, die mit diesem Programm nicht das Geringste zu tun hatten, schreibt die Geschichte des freien, demokratischen, aufgeklärten Westens eben doch seine Gegengeschichte der Unfreiheit, Unterdrückung und Gegenaufklärung. Aus dieser Dialektik, das zeigt die Zukunft der Klimafolgen, wird die Aufklärung sich nicht entlassen können. Sie wird an ihr scheitern.

Bei der bpb kostet das Buch 4,- € und wenn man es in einen alten Briefumschlag hüllt, sieht es auch noch passabel aus. Mit etwas Glück überlebt es die kommenden Katastrophen.

Rezension im Deutschlandfunk von Britta Fecke

Harald Welzer, Klimakriege, Frankfurt am Main 2008, S.278; Zitat Müller nach: ebenda, S. 273

Nachtrag, 12.06.08:

Rudolf Walther beurteilt das Buch im Freitag kritischer. Was mir als weiter Horizont erscheint, nennt er “hoffnungslos überladen und schlecht strukturiert.” Und wenn er das Buch auch nicht in Bausch und Bogen verdammt, am Ende hört es sich doch so an:

Welzers oberflächliche Verwurstung der Dialektik der Aufklärung - wie diese ist auch sein Buch im S. Fischer Verlag erschienen - kann man je nach Temperament als Ironie der Verlagsgeschichte oder Peinlichkeit deuten.

Nachtrag, 16.06.08:

Radioessay von Harald Welzer im Deutschlandfunk zum Lesen oder Hören.

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