Tag-Archiv für » pfemfert «

Lieber Pfemfert!

Freitag, 6. März 2009 2:23

Lieber Pfemfert!

In einen Rückzug, versiegeltes Fernbleiben, schickte man mir zwei Bücher; das eine war von Ihrem Temperament verrotet, kräftige Hände schmissen in die vermordete Erde einen Pack Holzpapier, eine schnittige Hundepeitsche, ja vielleicht ein noch nicht aufgestelltes Genickmesser, jagt am abgekurbelten Horizont höllischer Schlagworte.
Das andere, Summa1, Bilanz. Man will summieren. Was denn? Die Zeit? Franz, eine Zeit, die wir schon längst abrichteten, vergaßen.
Hingegen Ihr Aktionsbuch.
Im ganzen geht es hier um noch nicht Verwirklichtes.
Also Zukunft.
Aber um zu Realisierendes. Um Denken, das Verantwortung enthält.
Ich gestehe, ich selbst lebe diesen Dingen etwas entfernt; denn erlaubte ich mir, sie zu lieben, wäre ich tot.
Jedoch bohrte sich mir aus Ihrem Buch nicht der Eindruck memorierter, ermüdeter Druckerschwärze, vielmehr griffen Leidenschaft, Sachlichkeit an.
Vor allem.
Bei Ihnen: Menschen, die lieben und Abänderung suchen. Ich rede nicht vom Literarischen, das bei uns kaum existiert, weder aus dixhuitième noch aus Kirchenvätern surrogiert werden kann.
Ich rede von der ausgesprochenen Unerträglichkeit dieser Zeit, die schon lange vor dem Kriege ekelte. Das Elend quälte immer als gleiches.
Ihr Buch ist deutlich. Konstatiert. Wie lange schon ist es her, daß Deutsche es wagten, festzustellen, ohne theoretische weitfaltige Demoralisierung.
Ich meine, in diesem Buch veröffentlicht zu sein, müßte Ihre Mitschreibenden verpflichten.
Absichtlich schreibe ich Ihnen nicht vom Literarischen; es ist mir nicht genug entschieden, wagend. Aber das ist nicht Ihr Fehler.
Ich weiß, auch Sie liebten mehr Künftigeres und vorgerissene Syntax gebauter Typen.
Aber doch:
Sie gehen zur Verwirklichung neuer Zeit …
Ungehindert. Ohne Archaismus. Ohne Klassik. Noch nie bei uns gewesen.
Mögen sich Ihre Mitarbeiter vor flinker Terminologie bewahren. Daß die pathetische Terminologie – unwahrhafte Phrase – eines voreiligen sozialen Kriminalfilms sie nicht verrage.
Denn sie haben noch nicht das Unmittelbare gefressen.
Auch aus der Lektüre Flauberts ist es nicht zu gewinnen.
Ich danke Ihnen, daß Sie eine kurze Arbeit2 von mir veröffentlichten.
Ich schätze sie nicht, was niemanden angeht.
In Ihrem Aktionsbuch veröffentlicht zu sein, verpflichtet mich. Fern bleiben mir die dicken Hefte gebildeter Journalisten, die ohne Haß und Liebe, im Unentschiedenen einer schleppenden Grammatik kluge unverbindliche Jahrgänge bürgern. – Wie verachte ich träge Ruhe.

Mit herzlichen Grüßen
Ihr Einstein

nach: Die Aktion, Nr. 35/36, Berlin, 8. September 1917, Sp. 489f.

  1. Gemeint ist Franz Bleis Zeitschrift Summa
  2. Gemeint ist Einsteins Text Der Leib des Armen

Thema: Texte / Zitate | Kommentare (0) | Autor:

Die Besessenen

Freitag, 1. August 2008 12:12

I

Das also ist die Kulturhöhe, die wir erreichten: Hunderttausende, die gesündesten, wertvollsten und wertevollsten Kräfte, zittern, daß ein Ungefähr, ein Wink der Regierer Europas, eine Böswilligkeit oder eine sadistische Laune, ein Cäsarenwahn oder eine Geschäftsspekulation, ein hohles Wort oder ein vager Ehrbegriff, sie morgen aus ihrem Heim jagt, hinweg von Weib und Kind, hinweg von Vater und Mutter, hinweg von allem mühselig Aufgebauten, in den Tod. Der irre Zufall kann heute, kann morgen, kann jede Minute rufen, und alle, alle werden kommen. Der Not gehorchend – aber gehorchend. Anfangs werden sie heulen, da sie ihr bißchen Erdenglück zusammenbrechen sehen, – bald jedoch werden sie, wenn auch nicht mit ganz sauberer Unterwäsche, vom allgemeinen Taumel besessen sein und besinnungslos morden und ermordet werden.

II

Es ist dumm, ein Wort der Vernunft zu sprechen, wenn die Stunde der Vernunft nicht da ist. Heute Manifeste zu schreiben, Resolutionen für den Frieden zu fabrizieren, nichts Zweckloseres gibt es, nichts Belangloseres. Und wenn die internationale Sozialdemokratie jetzt phrasentoll die “Schmach des Krieges brandmarkt”, wo die Genossen sich vielleicht schon zum Marschieren rüsten, sollte man die Führer auslachen oder auspeitschen. Denn allein die Pflichtvergessenheit armseliger Mandatsschacherer ist schuld, daß die Völker Europas noch heute (wie vor 50 Jahren) vor der Möglichkeit eines Weltbrandes zu bangen haben. Wäre die bombastisch quasselnde Viermillionenpartei nicht jahrzehntelang nationalistisch gedrillt worden, wir könnten heute jedes Kriegsgeheul heiter hinnehmen.

III

Möglich, daß die Gefahr, zu neun Zehntel durch gewissenlose Preßpiraten genährt, noch diesmal vorübergeht. Wenn diese Zeilen im Druck erscheinen (ich schreibe sie den 27. Juli im extrablattlosen Ilsenburg), ist das große Massenmorden vielleicht schon wieder vertagt worden. Wir werden dennoch keinen Anlaß zum Jubeln haben: das Bewußtsein bleibt: es kann jede Minute eine neue Gefahr kommen, der Chauvinismus ist die ständige Lebensgefahr der Menschheit. Er, allein er, kann über Nacht aus Millionen Vernunftswesen Besessene machen: dieser Gedanke muß uns wachhalten, auch wenn die Gefahr sich schnarchend stellt.

IV

(Was Deutschland, “realpolitisch” gesehen, von einem Weltkrieg zu hoffen, zu fürchten hat, diese Frage geht nur “Patrioten” an. Unsere Patrioten mögen sich damit abfinden, daß Preußen durch seine Polenpolitik dem Zarismus einen wertvollen Verbündeten gewaltsam aufdrängte, daß Schleswig und Elsaß-Lothringen so wenig Gelegenheit fanden, schwarz-weiß-rot lieben zu lernen.)

Franz Pfemfert in: Die Aktion, Nr. 31, Berlin, 1. August 1914, Sp.671f.

Titelblatt der Vossischen Zeitung, des Vorwärts und der Neuen Preußischen (Kreuz-)Zeitung vom 1. August 1914

Thema: Jahrestage, Texte / Zitate | Kommentare (0) | Autor:

Die Sozialdemokratie

Samstag, 7. Juni 2008 2:15

organisiert, das besagt, sie bringt die Massen, deren Bewegung allerdings von vornherein anzuzweifeln ist, zu einer staatsfreundlichen Harmonie. Man stellte die kühne Utopie des befriedigten Kleinbürgers auf und stattete die Parteibücher mit allen Rechten platter Hypothesen aus, dem Darwinismus, diesem Trost des letzten Parvenus. Man versorgte den Frühstücksrevolutionär mit sämtlichen Hemmungen eines pseudowissenschaftlichen Theorems, damit er ja nicht eher losgehe, bevor sämtliche Prämissen zu dem Experiment gegeben sind. Die Sozialdemokratie erklärte sich zu einer konservativen Partei von Beginn an, da sie sich als Klassenpartei aufstellte. Der Sozialdemokrat, diese Reinkultur des politischen Menschen, dem alles zur öffentlichen Angelegenheit wurde. Man evolutioniert sich von Protest zu Protest, bis bei sämtlichen Mitgliedern die Theorie gut sitzt. Ein Verein von Rationalisten wird nie revolutionieren; nur etwas mehr ordnen. Sozialdemokratie, Militär und Volksschule, wie sind sie identisch. Das Ende der sozialdemokratischen Tätigkeit wird lediglich eine Überfüllung nationalökonomischer Lehrstühle sein.

Denn das Menschliche dieses Vereins ist mißverstandenes Plagiat; man eskamotierte aus den Vorbildern jedoch das menschlich Kostbare, das Elementare. Man nahm dem Leidenden seine ihm verliehenen Rechte, man lehrte ihn beneiden und weitaus Schlechteres schätzen; man gab ihm ein Ziel, und der Leidende wurde zum politischen Menschen. Er, der einzig fähig, über unser aller Köpfe zu springen, nicht zu einer gewogenen Ordnung, sondern zu einem Gericht.

Für den Leidenden können gerade nur die besten Köpfe denken; nur der unbekümmert Unstaatliche.

Nur der Arme, Unorganisierte ist fähig, über das ihm nicht Gegebene zu urteilen; er ist auf die Dinge angewiesen, die nicht durch ökonomische Gehaltsaufbesserung zu erlangen sind. Die Sozialdemokratie wird lediglich die Vollendung des von ihr verpönten Kapitalistenstaates herbeiführen; ein jeder wird bei ihr Kapitalist sein und an der allgemeinen Transaktion schieben; Gott gnade jedem Elementaren.

Carl Einstein in Die Aktion (hg. von Franz Pfemfert), 4. Jg., Nr. 12, Berlin, 21. März 1914, Sp. 146

Thema: Texte / Zitate | Kommentare (2) | Autor: