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Noch bis zum 7. Juli: Parallele Erinnerung

Sonntag, 19. Mai 2013 15:13

Natürlich kann Königsberg nicht wieder erstehen. Es ist das Schicksal der Stadt, dass heute (historische) Fotos die im Wortsinne anschaulichsten Zeugen ihrer deutschen Geschichte sind. Indem ein junger Kaliningrader wie Max Popov Fotografien Königsbergs zusammenträgt und in die Öffentlichkeit bringt, leistet er seinen Beitrag zu einer Bewahrung und zur Aneignung dieser Geschichte. Doch die Sammlung Max Popovs vermag noch mehr: Er fügt in ihr die Bilder Königsbergs und Kaliningrads zu einem Ganzen zusammen.

Ulrike Schmiegelt im Eröffnungsvortrag der Ausstellung [hier der gesamte Text als pdf]

Noch bis zum 7. Juli besteht die Gelegenheit, die eindrucksvolle Fotosammlung von Max Popov (Kaliningrad) im Berliner studio im hochhaus anzuschauen. Hier einige Fotos von der Ausstellung (und der Eröffnung):

Parallele Erinnerung - Foto: Arndt Beck

Max Popov konnte bei der Eröffnung leider nicht anwesend sein. Wir hoffen aber, daß sein Besuch zur Vorführung des Films “Königsberg is dead” (in Anwesenheit des Regisseurs Max Zeitler) am 14. Juni nachgeholt werden kann. Dazu in Kürze mehr. Und hier noch ein Artikel zur Ausstellung aus der Berliner Woche.

Vielen Dank an Ulrike Schmiegelt für den Text und an Uwe Seibt für die Fotos!

Thema: Bilder, Bücher, Kaliningrad ohne Heimweh, Kunst, Texte / Zitate, Veranstaltungen | Kommentare (0) | Autor:

Kaliningrad ohne Heimweh – Neue Bilder

Mittwoch, 5. Oktober 2011 17:45

Noch bis zum 11. November sind in der Ausstellung Vom Werden und Vergehen – Suche nach der Identität in Berlin einige neue Kaliningradbilder von mir zu sehen. Anbei sei mein Beitrag (neben einer kurzen Erläuterung) auch hier dokumentiert:

Arndt Beck, Kaliningrad, 2011, click here

Nach meinem sechswöchigen Aufenthalt im vergangenen Jahr und der anschließenden Ausstellung im studio im hochhaus hatte ich im April diesen Jahres erneut die Gelegenheit nach Kaliningrad zu reisen. Im Rahmen des Projekts Trialog der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder konnte ich an einer einwöchigen Sommerschule in Zelenogradsk (Kaliningrader Gebiet) teilnehmen.
Im Anschluß an diesen Aufenthalt stellte ich mit dem Material von 16 weiteren Teilnehmern aus Rußland, Polen und Deutschland eine Ausstellung zusammen. Das Ergebnis war bis zum 23. September in der Bibliothek-Galerie der Viadrina in Frankfurt und ist nun bis zum 16. Oktober in der Universitätsbibliothek in Toruń zu sehen.

Hier nun eine schmale Auswahl der neu entstandenen Bilder. Kaliningrad ist karg, arm. In der von einer europäischen Außengrenze umzäunten russischen Exklave sind die verheerenden Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs noch immer deutlich sichtbar. Noch mehr als anderswo hat der deutsche Rassewahn in Osteuropa gewütet. Königsberg/Kaliningrad lag im »Planquadrat des totalen Krieges«1 (Karl Schlögel). Und Königsberg is dead. Im so betitelten Film von Max & Gilbert aus dem Jahr 2004 ist es der 1928 in Königsberg geborene Musiker Michael Wieck, der dies feststellt. Als Resultat des Zweiten Weltkriegs wurde auf den Trümmern der deutschen Stadt Königsberg das russische Kaliningrad errichtet. Als Provisorium. Die noch nicht geflüchtete deutsche Bevölkerung wurde umgesiedelt, Ostpreußen, Verkörperung des deutschen Faschismus, wurde sowjetisch. Wie sollte jemand, der von oder über Kaliningrad spricht, es vermeiden können, über Identität bzw. die Suche danach, zu sprechen?

Arndt Beck, Nicht anlehnen, 2010

Ein einziges Bild war auch schon in der Ausstellung im vergangenen November zu sehen. Ulrike Schmiegelt hatte es damals so beschrieben:

Auf dem Fenster, durch das der Fotograf in die Landschaft blickte, stand die Weisung ›Ne prislonjatsja‹ – ›Nicht anlehnen‹. Auf dem Foto zieht sich die Schrift wie eine Vision quer über den Himmel. Damit scheint das Bild die Replik auf eine Arbeit des großen Moskauer Konzeptkünstlers Erik Bulatov zu sein. [...] Bulatov, der die Kombination von Wort und Schrift zu seinem künstlerischen Prinzip entwickelte, um die Lügen der sowjetischen Propaganda zu entlarven, hat 1987 ein Bild gemalt, bei dem vor einer ›blühenden Landschaft‹ – einer grünen Wiese und einem herbstlich goldenen Birkenwald unter blauem Himmel eben dieser Schriftzug prangt. In Rußland ist diese Mahnung bis heute an jeder Zugtür zu lesen. Er war dem sowjetischen Betrachter also so vertraut wie jeder andere Alltagsgegenstand. Vor der Landschaft Bulatovs wird das Gebot ›Ne prislonjatsja‹ verräterisch, dem Betrachter wird bewußt, daß das Verbot des Sich-Anlehnens auch als Warnung zu verstehen ist: Man soll sich nicht auf die Festigkeit der Tür respektive des Fensters verlassen. Und auf unser Bild übertragen bedeutet dies: der Betrachter soll sich nicht auf die Wahrhaftigkeit des Abgebildeten verlassen, er soll buchstäblich seinen Augen nicht trauen.

Erik Bulatov, Nicht anlehnen, 1987

Das Foto [...] erlaubt, die Assoziationskette noch weiter zu führen. Angesichts der Trostlosigkeit vor dem Zugfenster wäre mancher ja vielleicht ganz froh, daß er seinen Augen nicht zu trauen braucht, daß er aufgefordert wird, das Gesehene kritisch zu befragen. Doch die einzelnen Buchstaben des Schriftzugs sind so sehr beschädigt, dass nur der kundige Betrachter die beiden Worte erkennen kann. Der in Auflösung befindliche Schriftzug verstärkt zunächst die Melancholie der Landschaft. Im Sinne Bulatovs weitergedacht bedeutet aber die Auflösung der Worte auch, dass jetzt selbst die Aufforderung zu einer kritischen Sicht in Frage gestellt wird – nicht einmal die altvertrauten Anweisungen und Warnungen scheinen in der neuen Realität mehr von Dauer zu sein, nicht nur die Propaganda, sondern alles Sehen wird damit für unzuverlässig erklärt. Damit ist [...] ein eindrucksvolles Bild gelungen, eine Metapher der brüchigen Lebenswelt zumal der russischen Gesellschaft mit ihren krassen sozialen Gegensätzen und dem nahezu unerträglichen Zusammenprall einer vermeintlich glorreichen Vergangenheit mit einer häufig schäbigen Gegenwart. Eine Metapher vielleicht auch für die Erfahrungen der deutschen Touristen, die in Kaliningrad nach dem Königsberg ihrer Kindheit (oder nach der Heimat ihrer Eltern) suchen und es nur noch in letzten Spuren finden können, die kein verlässliches Bild mehr ergeben.

Nein, zum Anlehnen eignet sich das Kaliningrader Gebiet wirklich nicht. Doch es hat mir Bilder zu machen ermöglicht, die ich sonst wohl nirgends hätte machen können; die tiefen Narben – die im Westen längst von der plastischen Chirurgie unsichtbar gemacht wurden – bergen in ihrer oberflächlichen Häßlichkeit eine eigentümliche Schönheit. Sie sind die verzerrenden Spiegel, die – nach Carl Einsteins Bebuquin – »mehr zu Betrachtungen anregen als die Worte von fünfzehn Professoren«2.

Meine Beschäftigung mit Osteuropa hat gerade erst begonnen.

  1. Karl Schlögel, Königsberg – Hannah Arendts Stadt, in: derselbe, Go east oder Die zweite Entdeckung des Ostens, Berlin 1995, S. 78
  2. Carl Einstein, Bebuquin, Stuttgart 1985 (1906/12), S. 3

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Auf der Suche nach Hammer und Sichel

Donnerstag, 18. November 2010 1:32

Zur Kenntnis: Uwe Rada schreibt in der heutigen taz über meine Ausstellung Kaliningrad ohne Heimweh, die noch bis zum 9. Januar 2011 in der Berliner Galerie studio im hochhaus zu sehen sein wird. Und auch die Einführung von Ulrike Schmiegelt kann man nachlesen. Aber das beste bleibt natürlich: ein eigenes Bild machen und hingehen. Zum Beispiel am heutigen Donnerstag, wenn Michael Wieck da sein wird.

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5. November: Einladung zur Ausstellung Kaliningrad ohne Heimweh

Sonntag, 31. Oktober 2010 14:55

Einladung zur Ausstellung (pdf)

Im Rahmen des 4. Europäischen Monats der Fotografie Berlin

(English version click here)

Arndt Beck

Kaliningrad ohne Heimweh – ein Foto-Essay

Eröffnung: 5. November 2010, 19.30 Uhr

studio im hochhaus – kunst- und literaturwerkstatt, Berlin (Kartenansicht; Adresse und Öffnungszeiten siehe unten)

Begrüßung und Eröffnung: Christina Emmrich, Bezirksbürgermeisterin
Es sprechen: Brigitte Graf, Kuratorin des Projektes
Ulrike Schmiegelt, Kunsthistorikerin
Musik: Olexandr Babenko, Violine; Olga Babenko, Violine; Michail Ganevskiy, Cello

Ausstellungsdauer: 7. November 2010 bis 9. Januar 2011

 

Zur Ausstellung:

Der Titel Kaliningrad ohne Heimweh impliziert bereits das Hauptaugenmerk des Fotografen: Die russische Stadt Kaliningrad steht im Zentrum seiner Aufmerksamkeit. Und “ohne Heimweh” gilt vor allem als Absage an die deutschen “Heimwehtouristen”, die in Kaliningrad stets nur die untergegangene deutsche Stadt Königsberg suchen. Jenseits von revisionistischen Gebietsansprüchen und sentimentalen Erinnerungen tut sich für Arndt Beck ein anderes Blickfeld auf, welches der Historiker Karl Schlögel exakt vermessen hat: “Königsberg/Kaliningrad liegt im Planquadrat des totalen Krieges. Es ist das Ende und die Wiederbegründung menschlicher Wohnstätte auf verbrannter Stelle. Die monotone Stadt ist die Stadt nach dem Grauen.”1

Videoarbeit mit Bildern von Kaliningrader Friedhöfen (auch in der Ausstellung zu sehen)

Arndt Beck findet seine Motive an gewöhnlichen und ungewöhnlichen, meist öffentlichen Orten und im Spannungsfeld von Geschichte und Gegenwart. Die Motive werden nicht manipuliert oder inszeniert, sondern – im Objektiv der Kamera – höchst subjektiv dokumentiert. In umfangreichen essayistischen Serien geht diese sich in der Tradition der street photography begreifende Anschauung jedoch über den rein dokumentarischen Charakter hinaus. Arndt Beck begreift jedes einzelne Bild ähnlich einem Wort, welches erst im Satzzusammenhang seinen tatsächlichen Sinn erhält. Die primär inhaltliche Ausrichtung seiner Arbeit folgt der Maxime Walter Benjamins, nicht die Politik zu ästhetisieren, sondern die Ästhetik zu politisieren.

Der nun erstmals ausgestellte Foto-Essay entstand während eines sechswöchigen Arbeitsaufenthalts in Kaliningrad im Frühjahr 2010.

 

studio im hochhaus – kunst- und literaturwerkstatt
Zingster Str. 25
13051 Berlin
Telefon/Fax: 030 929 38 21

Kartenansicht

Öffnungszeiten der Ausstellungen: Mo – Do 11 bis 19, Fr 11 bis 16 und So 14 bis 18 Uhr
S-Bahn (S 75) bis Wartenberg oder Hohenschönhausen Tram M4, M5 / Ahrenshooper Str. M4, M17 / Prerower Platz

  1. Karl Schlögel, Königsberg – Hannah Arendts Stadt, in: derselbe, Go east oder Die zweite Entdeckung des Ostens, Berlin 1995, S. 78

Thema: Bilder, Kaliningrad ohne Heimweh, Kunst, Musik, Veranstaltungen, Videos | Kommentare (3) | Autor: