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Antiformalistischer Rajok

Donnerstag, 12. Mai 2011 19:05

1948 begann Dimitri Schostakowitsch mit der Arbeit an einem Werk, welches “Eigenheiten der szenischen Kantate mit den insgesamt dominierenden Merkmalen der satirischen Oper vereint”1, 1968 bearbeitete er es zum letzten Mal. Seine Uraufführung sollte der “Antiformalistische Rajok” erst am 25. September 1989 in Moskau erleben. Wer Russisch lesen kann, ist mit Википедия gut bedient. Wer nicht, findet hier zumindest das Libretto in einer englischen und einer lautschriftlichen russischen Version.

“Der Rajok раёк”, erläutert Manaschir Jakubow,

ist eine spezifische Gattung volkstümlicher Darstellungskunst, die auf den Jahrmärkten Rußlands im 18./19. Jahrhundert verbreitet war: Durch zwei mit Vergrößerungsgläsern ausgestattete Gucklöcher eines Holzkastens konnte der Zuschauer auf einer drehbaren Trommel befestigte, langsam vorüberziehende Bilder betrachten, die vom Rajoschnik in Versform erläutert wurden. Solche Guckkästen standen auf den Jahrmärkten meistens in der Nähe von Schaubuden, um die Marktbesucher anzulocken und auf die in der Schaubude laufende Vorstellung aufmerksam zu machen. Mit der Bildvorführung waren ursprünglich didaktische Ziele verbunden: Zunächst wurde an Hand der Illustrationen die Schöpfungsgeschichte erläutert; das Leben im Paradies, der Sündenfall etc. bildeten ein bevorzugtes Thema. Der Begriff “rajok” läßt sich daher auch von dem russischen Wort rai рай (Paradies) ableiten, obwohl der ursprüngliche semantische Kontext längst verlorengegangen ist. Neben biblischen Sujets standen später immer häufiger Erläuterungen zur Geschichte und Geographie fremder Völker sowie des russischen Volkes im Mittelpunkt.2

Schostakowitschs “Antiformalistischer Rajok” läßt nacheinander drei Funktionäre über “Realismus und Formalismus in der Musik” schwadronieren. Die Hinweise sind so reichlich, daß man sie leicht als Stalin, Schdanow und Schepilow identifizieren kann (und wohl auch soll). Vielmehr ist zu dem Stück eigentlich nicht zu sagen, man braucht sich jetzt nur noch Mühe geben, Schostakowitschs grotesken Humor halbwegs zu begreifen. Eine gute Gelegenheit bietet dazu der Film “Шостакович смеётся”, was soviel heißen sollte wie “Schostakowitsch lacht” (wenn ich mich nicht ganz vertue) von 1993 (Regisseur: W. Berman), der versucht, den Rajok zu bebildern:

Als legendär muß man wohl die Aufführung bezeichnen, die Wladimir Spiwakow mit seinen Moscow Virtuosi im Jahr 2005 auf die Beine stellte. Mit dabei als (unfreiwilliger) Nebendarsteller: Boris Jelzin.

Einspielungen auf CD gibt es auf dem westeuropäischen Markt meines Wissens nach nur zwei: zum einen die nur Puristen ans Herz zu legende Einspielung in der ursprünglichen Fassung für Basstimme, Klavier und Chor sowie die Einspielung von Spiwakow und seinen Moscow Virtuosi, die zwar nicht ganz das Feuer versprüht wie im Video, dafür aber außerdem noch weitere hochinteressante Stücke enthält: zum einen die Kammersinfonie op. 110a, das (mir bis dahin unbekannte) Präludium und Scherzo op. 11 und das Prelude in memory of Dmitri Shostakovich von Alfred Schnittke. Das Beiheft enthält neben dem Libretto in deutsch, englisch und französisch auch noch eine Einführung von Bernd Feuchtner.

  1. Mamaschir Jakubow, Dmitri Schostakowitschs “Antiformalistischer Rajok”, in: Hermann Danuser, Hannelore Gerlach, Jürgen Köchel (Hg.), Sowjetische Musik im Licht der Perestroika – Interpretationen, Quellentexte, Komponistenmonographien, Laaber 1990, S. 177
  2. ebenda, S. 190 (Fn. 3)

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Venezolanische Charme-Offensive

Freitag, 27. Juni 2008 19:34

Der hochbegabte venezolanische Exportschlager Gustavo Dudamel und seine Sinfónica de la Juventud Venezolana Simón Bolívar machen nicht einfach nur Musik. Das ist hinterhältigste bolivarische Propaganda, gegen die nicht einmal unser konservatives Bürgertum gefeit ist. Guerillakampf war gestern. Die nächste Revolution beginnt in den Konzertsälen. Und hier ist sie auch notwendig, wußte doch schon Walter Hasenclever: Die Mörder sitzen in der Oper.

Dudamel präsentiert den 2. Satz der 10. Sinfonie, mit dem Dmitri Schostakowitsch versuchte, Stalin zu charakterisieren. Und Freunde hinkender Vergleiche brauchen nur noch eins und eins zusammenzuzählen.

Wer dennoch (oder gerade deshalb) von Schostakowitsch nicht lassen kann, dem sei das Buch Stalin und Schostakowitsch von Solomon Wolkow ans Herz gelegt. Alle anderen sollen sich an Christoph Twickels Chávez-Biografie abarbeiten.

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