Die Sozialdemokratie

organisiert, das besagt, sie bringt die Massen, deren Bewegung allerdings von vornherein anzuzweifeln ist, zu einer staatsfreundlichen Harmonie. Man stellte die kühne Utopie des befriedigten Kleinbürgers auf und stattete die Parteibücher mit allen Rechten platter Hypothesen aus, dem Darwinismus, diesem Trost des letzten Parvenus. Man versorgte den Frühstücksrevolutionär mit sämtlichen Hemmungen eines pseudowissenschaftlichen Theorems, damit er ja nicht eher losgehe, bevor sämtliche Prämissen zu dem Experiment gegeben sind. Die Sozialdemokratie erklärte sich zu einer konservativen Partei von Beginn an, da sie sich als Klassenpartei aufstellte. Der Sozialdemokrat, diese Reinkultur des politischen Menschen, dem alles zur öffentlichen Angelegenheit wurde. Man evolutioniert sich von Protest zu Protest, bis bei sämtlichen Mitgliedern die Theorie gut sitzt. Ein Verein von Rationalisten wird nie revolutionieren; nur etwas mehr ordnen. Sozialdemokratie, Militär und Volksschule, wie sind sie identisch. Das Ende der sozialdemokratischen Tätigkeit wird lediglich eine Überfüllung nationalökonomischer Lehrstühle sein.

Denn das Menschliche dieses Vereins ist mißverstandenes Plagiat; man eskamotierte aus den Vorbildern jedoch das menschlich Kostbare, das Elementare. Man nahm dem Leidenden seine ihm verliehenen Rechte, man lehrte ihn beneiden und weitaus Schlechteres schätzen; man gab ihm ein Ziel, und der Leidende wurde zum politischen Menschen. Er, der einzig fähig, über unser aller Köpfe zu springen, nicht zu einer gewogenen Ordnung, sondern zu einem Gericht.

Für den Leidenden können gerade nur die besten Köpfe denken; nur der unbekümmert Unstaatliche.

Nur der Arme, Unorganisierte ist fähig, über das ihm nicht Gegebene zu urteilen; er ist auf die Dinge angewiesen, die nicht durch ökonomische Gehaltsaufbesserung zu erlangen sind. Die Sozialdemokratie wird lediglich die Vollendung des von ihr verpönten Kapitalistenstaates herbeiführen; ein jeder wird bei ihr Kapitalist sein und an der allgemeinen Transaktion schieben; Gott gnade jedem Elementaren.

Carl Einstein in Die Aktion (hg. von Franz Pfemfert), 4. Jg., Nr. 12, Berlin, 21. März 1914, Sp. 146

2 Kommentare

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.