Kein Denkmal für Johann Georg Elser

Johann Georg Elser bleibt nichts erspart. Irgendwo zwischen Bundeswehrehrenmal und Freiheitsdenkmal wird nun auch der Hitlerattentäter, an dem sich lange, sehr lange niemand seine offiziellen Finger schmutzig machen wollte, in der Berliner Denkmallandschaft zur letzten Ruhe gebettet. Die Gleichmütigkeit, mit der auch noch der Widerständigste eingemeindet wird ins nationale Gedenken, ist ekelhaft. Überhaupt ist so grauenhaft an diesem System, daß es alles, wirklich alles freudlos fressen kann.

Ich hatte eine Idee. Und da das selten vorkommt und noch seltener zur rechten Zeit, habe ich mir den Spaß gemacht, beim Wettbewerb um das Elserdenkmal mitzutun. Wie nicht anders zu erwarten war, ist mein Beitrag (gemeinsam mit 195 anderen) in der ersten Runde ausgeschieden. Vom 19. Oktober bis zum 1. November werden die insgesamt 207 Vorschläge nun in der Kreuzberger Marheinekehalle ausgestellt (Eröffnung am 18., 17 Uhr). Mein Beitrag sei auch hier dokumentiert:

 

Kein Denkmal für Johann Georg Elser

die tat aber ist nur durch die tat mitteilbar. den verlorenen müssen wir im modder versinken lassen.

Ronald M. Schernikau

Eine Verneinung

Nein, Johann Georg Elser hat kein Denkmal verdient – nicht in diesem Land, nicht in dieser Stadt.

Ein Gegenvorschlag

Im Hof des Bendlerblocks steht seit 1953 ein Denkmal für die Opfer des 20. Juli 1944. Autor ist der NS-Bildhauer Richard Scheibe. Sein Denkmal wird mit allen Tafeln entfernt (und die Ergänzungen seines Schülers Erich Reusch gleich mit) und durch einen Sandhaufen ersetzt. Das ist kostengünstig und allemal eindrucksvoller als die jetzige Situation.

Scheibes „Gefesselter“ wird mitsamt den Tafeln und der Bodenplastik eingeschmolzen und die gesammelte Bronze zu einem überdimensionierten, naturalistischen Bundesverdienstkreuz geformt.

Zeichnung zum Denkmalenwurf von H.J. Psotta
Zeichnung zum Denkmalentwurf von H.J. Psotta

Aufgestellt wird es am gegebenen Gedenkort hinter einer wie folgt präparierten öffentlichen Toilette: Die anfallenden Fäkalien der Toilette werden mit einer Duschvorrichtung über dem Bundesverdienstkreuz ausgegossen. Die Benutzung der Toilette ist jedem möglich und natürlich kostenlos.

Gewidmet wird das Denkmal den beiden Zollbeamten Xaver Rieger und Waldemar Zipperer, die Elser am Grenzübertritt in die Schweiz hinderten. Zipperer erhielt 1978 das Bundesverdienstkreuz.

Die Tat

Statt Johann Georg Elser mit einem Denkmal zu vergessen, wird an der europäischen Außengrenze jeden Tag einem zufällig ausgewählten Asylsuchenden ein Elser-Paß ausgehändigt. Das meint: ohne jede Nachfrage erhält er alle zum dauerhaften Aufenthalt in der EU nötigen Papiere. Die Tat ist nur durch die Tat mitteilbar.

Nachtrag, 3. Juni 2012:

Oh, gar nicht gesehen:

Gleich zu Anfang der ersten Runde fällt Vorschlag 1014 (Arndt Beck) auf, der „Kein Denkmal für Georg Elser“ vorsieht. Diese Arbeit schlägt das Einschmelzen des „Denkmals für die Opfer des 20. Juli 1944“ vor. Aus dieser Bronze soll ein überdimensioniertes Bundesverdienstkreuz geformt werden, auf dem sich anfallende Fäkalien aus einer angeschlossenen öffentlichen Toilette ergießen: Gewidmet den Zollbeamten, die Elser an der Grenze zur Schweiz verhaftet hatten. Außerdem soll täglich ein Asylsuchender einen „Elser-Pass“ für einen dauerhaften EU-Aufenthalt erhalten. Als einer der wenigen Beiträge verortet sich 1014 explizit politisch. Offen tritt das Misstrauen gegenüber staatlich initiierter Gedenkkultur bezüglich des antifaschistischen Widerstands zu Tage. Auch ein aktueller Bezug zur Asylpolitik der Bundesrepublik Deutschland wird mühelos in die Form integriert. Leider wird durch Forderung nach Einschmelzung in Bezug zur provokativen Fäkalien-Metapher eine Umsetzung dieses Vorschlags geradezu verunmöglicht. Die in diesem Wettbewerb einzigartige Berücksichtigung von Migration in der heutigen Zeit gerät so in den Status einer nicht einzulösenden Maximalforderung und unterstreicht ärgerlicherweise den Zynismus eurozentristischer Metropolenbewohner. Schade!

schreibt Lou Favorite. Unerwähnt bleibt, daß ich die Skulptur eines NS-Bildhauers einschmelzen lassen wollte, die ausgerechnet (und bezeichnenderweise) den „staatstragenden“ Widerstand um den 20. Juli 1944 repräsentiert und zu einem Bundesverdienstkreuz umgeformt werden sollte, welches einem der Zollbeamten in der Bundesrepublik umgehängt wurde. Was daran zynisch und eurozentristisch sein soll, auf diese Tradition zu „scheißen“, begreife ich nicht. Oder es ist die aus Sicht von Favorite „nicht einzulösende Maximalforderung“, die mich in seinen Augen zum Zyniker werden läßt. Diese sehe ich allerdings weniger in diesem Teil der Idee, sondern viel eher in der Forderung nach dem „Elser-Paß“. Aber wie heißt es so schön: Seien wir zynisch, fordern wir das Unmögliche!

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