Perfider Hinweis

Seit etwa 15 Jahren bin ich nun „Kunde“ der Amerika-Gedenkbibliothek (AGB), aber das ist mir bisher noch nicht untergekommen. Dem heute geliehenen Buch ist folgende „Gebrauchsanweisung“ eingeklebt und vorangestellt:

Diese Gründung beruht auf der unbegrenzten Freiheit des menschlichen Geistes. Denn hier scheuen wir uns nicht, der Wahrheit auf allen Wegen zu folgen und selbst den Irrtum zu dulden, solange Vernunft ihn frei und unbehindert bekämpfen kann.

Die Bibliothek bittet, sich bei der Lektüre an diesen Leitsatz zu erinnern.

Bei dem Zitat handelt es sich um eine Briefstelle von Thomas Jefferson, die auch im Foyer der AGB verewigt ist. Ich halte es für äußerst unwahrscheinlich, daß über einen bestimmten Zeitraum (das hier betroffene Exemplar ist 1965 erschienen) jedes Buch mit einem solchen moralischen Appell versehen wurde. Da ist es interessant zu erfahren, um welches es sich in diesem besonderen Fall handelt. Es ist das Buch Bilanz der Kriege des sowjetischen Statistikers Boris Zesarewitsch Urlanis, das 1965 im VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften (Berlin) erschienen ist.

Die Logik des Kalten Krieges läßt nur eine Deutung zu: Das Buch ist der „Irrtum“ und dem Westleser nur zur Verfügung gestellt, um es „frei und unbehindert bekämpfen“ zu können. Selbst wenn es stimmt, daß Urlanis` Die Menschenverluste Europas vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart untertitelte „materialreiche Arbeit […] durch das geradezu peinliche Herumreden um die sowjetischen Verluste im Zweiten Weltkrieg“1 an Aussagekraft einbüßt, wie der österreichische Historiker Winfried R. Garscha in einer Fußnote anmerkt, der Hinweiszettel ist perfide antikommunistisch – genauso perfide antikommunistisch, wie Der Spiegel in einer Rezension von 1966 das Wort „Sowjetmensch“ benutzt.

Interessant wäre natürlich zu erfahren, welchen Büchern die „Gebrauchsanweisung“ sonst noch eingeklebt wurde und wieviele Bücher es – sagen wir bis zum Ende der 60er Jahre – aus der DDR in der AGB überhaupt gab. Ich werde mal nachfragen.

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