Die Märzrevolution von 1920 – und ihre historische Verarbeitung

[Wie angekündigt folgt nun Material zur Märzrevolution 1920. Zunächst ein Text, den der Historiker der Märzrevolution, Erhard Lucas(-Busemann) in Schwarzer Faden (Grafenau, 2/1990, Nr. 35, S. 48-55), veröffentlichte. Als Einstieg ins Thema kenne ich keinen besseren. Mit freundlicher Genehmigung der Trotzdem-Verlagsgenossenschaft.]

 

Die Märzrevolution von 1920 – und ihre historische Verarbeitung

von Erhard Lucas-Busemann

Mein Thema legt an sich nahe, daß ich zuerst eine Darstellung der Märzrevolution, wie sie gewesen ist, und dann ihre historische Verarbeitung nachzeichne. Jedoch nicht nur weil das etwas platt wäre, möchte ich anders vorgehen. Es ist nämlich so, daß man die Märzrevolution und ihre Verarbeitung zeitlich gar nicht strikt voneinander trennen kann, vielmehr ist der Ablauf der Bewegung durch und durch bestimmt von subjektiven Verarbeitungsmustern, und diese sind es, die die spätere Erinnerung an die Bewegung vorstrukturieren. Ich baue meinen Beitrag deshalb so auf, daß ich das Ganze in 10 Teilkomplexe auflöse und in jedem dieser Teilkomplexe die Verschränkung von Geschehen und subjektiven Handlungs- und Wahrnehmungsmustern aufzuzeigen versuche.

1. Die Bedeutung des Militärputsches

Der Militärputsch vom 13. März 1920 war eine lebensgefährliche Bedrohung für die junge Weimarer Republik. Der politische Kopf der Putschisten, der rechtsradikale Politiker Wolfgang Kapp, hatte ein Programm, das auf eine Kanzlerdiktatur, die Entmachtung der Parteien und den Einbau aller Verbände einschließlich der Gewerkschaften in einen autoritären Korporativstaat hinauslief. Das Unternehmen einmal in Gang gesetzt, konnten die Putschisten hoffen, daß die Dynamik von Putsch und Bürgerkrieg das Militär in die politische Schlüsselposition bringen würde. Wenn sie gesiegt hätten, wäre ein politisches System nach Art von Franco-Spanien die Folge gewesen, natürlich mit einigen Unterschieden, die ich hier nicht schildern kann. Dagegen steht die Meinung, und so ist es oft dargestellt worden, daß der Militärputsch von 1920 nicht ernst zu nehmen gewesen sei, daß es sich um ein operettenhaftes Unternehmen gehandelt habe, das von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen sei.

Nun ist zugegeben, daß der Militärputsch von 1920 dilettantisch inszeniert war; seitdem ist auf der ganzen Welt von den Planern von Militärputschen ungeheuer viel dazugelernt worden. Aber das darf nicht dazu führen, die Bedeutung des Putsches von 1920 herunterzuspielen. Schon daß der Putsch überhaupt inszeniert werden konnte, war eine ungeheure Katastrophe für die politischen Kräfte, die die junge Weimarer Republik aufgebaut hatten. Man betrachte nur einmal den Zeitpunkt: knapp 1 1/2 Jahre nach dem Sturz des Kaiserreichs und dem Sieg der Revolution vom November 1918! In dieser kurzen Zeit hatten die drei Parteien, die die Regierungskoalition bildeten und die Weimarer Verfassung ausgearbeitet hatten, nämlich SPD, das Zentrum und die linksliberale DDP, einen rapiden Vertrauensverlust erlitten. Im Moment des Militärputsches konnten sie sich auf keine relevante gesellschaftliche Gruppe mehr zuverlässig stützen. Die Wahlergebnisse untermauern diese Behauptung. Anfang 1919, bei der Wahl zur Nationalversammlung, hatten die drei Parteien über 2/3 der Stimmen erhalten; bei der Reichstagswahl nach dem Militärputsch erhielten sie zusammen weniger als die Hälfte. Besonders katastrophal war der Einbruch bei der SPD: ihr Stimmenanteil wurde nahezu halbiert.

Ferner muß festgestellt werden, daß die Putschisten keineswegs auf der ganzen Linie geschlagen wurden. Ihr Kalkül, daß die Dynamik von Putsch und Bürgerkrieg das Militär in die politische Schlüsselposition bringen würde, ist durchaus aufgegangen. Gerade im rheinisch-westfälischen Industriegebiet, wo die bewaffneten Auseinandersetzungen weitergingen, längst nachdem Kapp in Berlin kapituliert hatte, und wo schließlich das Militär wochenlang bestimmte, was geschah, kann man das studieren.

Wenn trotzdem die Bedeutung des Militärputsches heruntergespielt wird, so ist das eine interessierte Sicht der Dinge,die man bis in die Ereignisse von 1920 zurückverfolgen kann. Der Militärputsch in Berlin hielt sich fünf Tage, dann brach er vor den Kräften des Widerstands zusammen. Bald darauf kehrte die geflohene Reichsregierung von Stuttgart nach Berlin zurück. In verschiedenen Regionen des Reichs jedoch gingen die bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Militär und Arbeiterschaft weiter, am heftigsten im rheinisch-westfälischen Industriegebiet. Die Reichsregierung entsandte zwei Spitzenpolitiker, Carl Severing (SPD) und Johann Giesberts (Zentrum). In Bielefeld kam es zu Verhandlungen mit Vertretern der aufständischen Arbeiter. Diese verlangten Konsequenzen aus dem Militärputsch und gesellschaftspolitische Veränderungen, die die katastrophale Fehlentwicklung korrigieren sollten. Um diese Forderungen abzuwehren, spielten Severing und Giesberts den Militärputsch mit allen Kräften herunter; sie sprachen von einer Köpenickiade, und man weiß ja, der Hauptmann von Köpenick kann nur die Figur eines Lustspiels abgeben.

2. Der Generalstreik

Der Generalstreik, der mit ungeheurer Wucht gegen den Militärputsch einsetzte, war der einzige politische Generalstreik in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, der diesen Namen verdient. Er ist ein Markstein in der demokratischen Tradition Deutschlands. Aber auch hier muß man sich vor Illusionen und Mythen hüten.

Vor allem eine Partei ist es, die keine historische Berechtigung hat, sich den Generalstreik von 1920 als Ruhmestitel anzuheften: die SPD. Sie tut das bis heute und beruft sich dafür auf folgenden Aufruf:

Arbeiter, Genossen! Wendet jedes Mittel an, um die Wiederkehr der blutigen Reaktion zu vernichten. Streikt, schneidet dieser Militärdiktatur die Luft ab, kämpft mit jedem Mittel um die Erhaltung der Republik, laßt alle Spaltung beiseite! Es gibt nur ein Mittel gegen die Rückkehr Wilhelms II.: die Lahmlegung jedes Wirtschaftslebens! Proletarier, vereinigt euch!1

Dieser Text mit seiner Anlehnung an das Kommunistische Manifest war unterzeichnet von den SPD-Ministern der Reichsregierung und von Otto Wels namens des SPD-Parteivorstandes. Nun ist zunächst mehr als zweifelhaft, ob die Minister diesen Text überhaupt verfaßt und unterzeichnet haben, bevor sie sich in die Autos setzten, um vor den Putschisten aus Berlin zu fliehen. Vermutlich stammt der Text aus der Feder des Pressechefs der Reichskanzlei. Vor allem aber haben die SPD-Minister sich wiederholt öffentlich von ihm distanziert. Als sie aus Berlin zunächst nach Dresden, dann von Dresden weiter nach Stuttgart flohen, wurden sie von Generälen, die den Generalstreik bekämpften, wegen dieses Textes zur Rede gestellt. Dasselbe geschah dann telephonisch von General v. Watter in Münster, der für das rheinisch-westfälische Industriegebiet zuständig war. Jedesmal haben die SPD-Minister, voran Reichswehrminister Noske, beteuert, sie hätten mit diesem Aufruf nichts zu tun und mißbilligten den Inhalt. Diese Konfrontation und die weitere Erfahrung von 1920, daß ein Generalstreik, einmal in Gang gesetzt, eine radikalisierende Eigendynamik entfaltete, fuhr dann der SPD-Führung für alle Zeiten in die Knochen. Das war einer der Gründe, weshalb sie im Prozeß des Untergangs der Weimarer Republik zu keinem Zeitpunkt daran dachte, zum Generalstreik aufzurufen.

Die kommunistische Geschichtsschreibung wiederum sieht im Generalstreik von 1920 einen Ausdruck der Einheitsfront der Arbeiterklasse, die dann später von rechten Spaltern zerstört worden sei. Demgegenüber muß betont werden, daß die Arbeiter und Angestellten, die so geschlossen und einmütig die Arbeit niederlegten, damit zeigten, wogegen sie waren. Wofür sie kämpften, das konnte höchst unterschiedlich sein. Wir wissen darüber freilich recht wenig. Was wir gut fassen können, das sind die Zielvorstellungen der Parteien und zum Teil auch der Gewerkschaften. Ob dies auch die Zielvorstellungen der in ihnen organisierten Arbeiter waren, ist zweifelhaft, und überhaupt nichts läßt sich über die vielen unorganisierten Arbeiter sagen, ohne die der Streik kein Generalstreik gewesen wäre. Aber soviel läßt sich mit Gewißheit feststellen, daß es schon im Moment des Militärputsches innerhalb der Arbeiterschaft unterschiedliche Zielvorstellungen für den Kampf gegeben haben muß.

In einem Industriezweig läßt sich ein eklatanter Widerspruch zwischen Gewerkschaftsführungen und Mitgliedschaft beobachten. Die Bergarbeitergewerkschaften erklärten sich mit folgendem Aufruf gegen den Generalstreik:

Wir Vertreter der Bergarbeiter haben uns seinerzeit gegen eine Diktatur von links gewehrt und wehren uns jetzt in ebenso entschiedener Weise gegen eine Diktatur von rechts … Wir bitten die Bergarbeiter, die Ruhe zu bewahren, sich vertrauensvoll hinter ihre Organisationen zu stellen und weitere Weisungen abzuwarten. Diese werden erfolgen, sobald eine Klärung der Verhältnisse dieses zuläßt.2

Die Bergarbeiter warteten diese Klärung der Verhältnisse nicht ab, sondern traten ebenfalls in den Generalstreik.

3. Die Bündnisproblematik bei der Abwehr des Militärputsches

Über die Zielvorstellungen der drei sozialistischen Parteien SPD, USPD und KPD läßt sich bei allen regionalen und lokalen Unterschieden, also stark vereinfachend folgendes sagen:

Die SPD wollte personelle Veränderungen in der Regierung, vor allem zeichnete sich schnell ab, daß Reichswehrminister Noske nicht mehr zu halten sein würde, der mit seiner Politik den Putschisten zwar nicht absichtlich, aber objektiv in die Hände gearbeitet hatte, und sie erwog eine Erweiterung der Regierungskoalition nach links. Über die Entwicklung, die von der Revolutionszeit zum Militärputsch geführt hatte, wünschte sie keine öffentliche Auseinandersetzung.

USPD und KPD betonten demgegenüber, daß gerade diese Entwicklung die Richtigkeit ihrer programmatischen Forderungen bestätigt habe: Sozialisierung der Schlüsselindustrien, Säuberung des Beamtenapparats von Monarchisten und Feinden der Republik, Abschaffung der Reichswehr und Ersatz durch eine Volksmiliz.

Rechts von der SPD trugen das Zentrum und die liberale DDP den Generalstreik nur soweit mit, bis die Putschisten gestürzt waren; über politische Veränderungen in der Regierungspraxis sprachen sie vorerst überhaupt nicht.

Es hätte also nahegelegen, wenn die Parteien mit unterschiedlichen Proklamationen zum Generalstreik aufgerufen hätten. Genau das aber geschah nicht. Vielmehr machten die drei sozialistischen Parteien SPD, USPD und KPD den Versuch, zu einer gemeinsamen Proklamation zu gelangen. Ich sehe dies begründet in der Tradition der alten Sozialdemokratie vor 1914, wo das Bestreben dahin ging, auf den Parteitagen die auseinanderstrebenden Flügel letztendlich doch immer wieder auf die Linie einer einheitlichen Resolution zu bringen. Möglich war dies natürlich nur, indem sich jetzt die SPD der USPD und KPD anpaßte oder umgekehrt. Das eine Bündnismodell wurde in Elberfeld realisiert, das andere in Hagen. In Elberfeld setzte die SPD ihre Unterschrift unter einen Aufruf, in dem es hieß:

Der einheitliche Kampf ist zu führen mit dem Ziele: 1. Erringung der politischen Macht, durch die Diktatur des Proletariats bis zum Siege des Sozialismus, auf der Grundlage des Rätesystems. 2. Sofortige Sozialisierung der dazu reifen Wirtschaftszweige.3

In Hagen stellte die USPD ausdrücklich „alle weitergehenden Ziele“ zurück und proklamierte:

Niederwerfung des Militärputsches, Sicherung der Republik und der erreichten Arbeiterrechte.4

Das Ergebnis im Falle von Elberfeld war, daß die SPD im Verlauf der Aufstandsbewegung dann doch absprang und später erklärte, die Diktatur des Proletariats auf der Grundlage des Rätesystems sei nicht ihr Ziel, sondern dies sei nur die agitatorische Parole für den Moment des Militärputsches gewesen. Beim Hagener Bündnismodell fanden sich zwar die bürgerlichen Mittelparteien zur Koalition bereit, jedoch nur bis zur Niederschlagung des Militärputsches; dann aber war die USPD doch gezwungen, mit ihren weitergehenden Zielen hervorzutreten. Übrig blieb in beiden Fällen der schale Geschmack von Manipulation und Selbstmanipulation, von Heuchelei und Verrat.

Ebenso verheerend war es, wenn der Versuch zur gegenseitigen programmatischen Unterwerfung scheiterte. Dies war der Fall in Essen, wo sich die SPD einerseits, die USPD und KPD andererseits voneinander trennten und in scharfer Frontstellung gegeneinander in den Generalstreik gingen. Gemeinsame Kampferfahrungen, die möglich gewesen wären, wurden hier von vornherein verschüttet.

4. Der bewaffnete Aufstand

Machen wir uns klar, was das heißt: totale Arbeitsniederlegung und Stillstand aller Produktion und Zirkulation gegen putschendes Militär, das eine vorzügliche Verpflegung erhielt. Es gab Militärs, die diese Situation wie ein Experiment erlebten, wobei wir noch einmal bedenken müssen, daß es damals noch kaum historische Erfahrungen mit Militärputschen gab. Ein Offizier der Marinebrigade Ehrhardt, der Kerntruppe der Putschisten in Berlin, schrieb ein Jahr später:

Vielleicht war es ganz gut, diesem schwarzen Mann, mit dem immer graulich gemacht wurde, einmal hinter die Maske zu sehen. Der Generalstreik hat zur Folge, daß neben Unbequemlichkeiten für einzelne die Lebenshaltung jedes Staatsbürgers plötzlich und stark heruntergeschraubt wird … Um so fühlbarer wird die Wirkung, je weniger Vorräte und Geld eine Familie hat. Dabei schneiden die Proletarier am schlechtesten ab … Den Soldaten konnte es … einerlei sein, ob die Menschen in den großen Städten, die keine Weckgläser und nicht viel Geld hatten, zu essen bekamen oder nicht.5

Zum Kalkül der Putschisten gehörte, die Industriearbeiterschaft von den agrarischen Regionen aus notfalls auszuhungern.

Es gab Arbeiterführer, die die begrenzte Reichweite des Generalstreiks erkannten und das Kalkül der Putschisten erahnten. Hagen war eine der wenigen Großstädte, die zum Zeitpunkt des Putsches ohne militärische Besatzung waren, was General v. Watter in Münster dann schleunigst zu korrigieren versuchte. Hier forderte am Nachmittag des Putschtages ein USPD-Führer in einer Konferenz, man müsse den bewaffneten Widerstand organisieren, und er begründete dies damit, daß

ein Generalstreik auf lange Frist unmöglich ist und letzten Endes doch zum Siege der Reaktion führen muß.6

Für diese Auffassung fand er eine Mehrheit – ein Ausgangspunkt für den Aufstand im Industriegebiet. Andernorts waren die Parteifunktionäre vielfach bedenklich und zögernd. Aber entscheidend war das Handeln der Arbeiter. Landauf, landab ertönte ein einziger Ruf nach Waffen als Antwort auf die Nachricht vom Putsch in Berlin. Waffenlager wurden ausgehoben, Bürgerwehren, Kriegervereine usw. entwaffnet, mit den ersten Waffen traten die Arbeiter dem Militär entgegen, nicht nur im rheinisch-westfälischen Industriegebiet, sondern auch in Mitteldeutschland um Halle und Merseburg, in Teilen von Sachsen, Thüringen, Brandenburg, Mecklenburg und Pommern.

5. Der Verlauf der Kämpfe im rheinisch-westfälischen Industriegebiet

Im Moment des Militärputsches in Berlin waren im Industriegebiet drei wichtige Städte nicht mit Militär bzw. staatlicher Sicherheitspolizei belegt: Elberfeld und Barmen, zusammen also das heutige Wuppertal, und Hagen. General v. Watter versuchte, diese Lücken zu stopfen. Die Truppen, die er entsandte, standen teils offen auf der Seite der Putschisten, teils verhielten sie sich so, daß angenommen werden mußte, sie warteten nur noch auf eine günstige Gelegenheit, um sich auf die Seite der Putschisten zu stellen. Das führte zu Konfrontationen mit der streikenden Arbeiterschaft, die von niemandem aufzuhalten, in bewaffnete Kämpfe übergingen. Ich schildere den zeitlich ersten Fall.

Wetter an der Ruhr, 15. März 1920, 10.30 Uhr. Auf dem Bahnhof rollte ein langer Zug mit einer Abteilung des Freikorps Lichtschlag ein, einer Truppe, die wegen ihres brutalen Vorgehens seit einem Jahr einen besonders schlimmen Ruf im Ruhrgebiet hatte, 37 Eisenbahnwaggons, mit Geschützen auf offenen Flachwagen; auf dem letzten Wagen wehte eine schwarz-weiß-rote Fahne, die Fahne der 1918 untergegangenen Monarchie und – wie man aus der Zeitung wußte – die Staatsfahne der Putschisten in Berlin. Hauptmann Hasenclever, der Führer der Truppe, ging zum Rathaus, um vom Bürgermeister Quartiere zu verlangen. Währenddessen eilten mehrere Mitglieder des örtlichen Streikkomitees zum Bahnhof, wo sie die Truppe versammelt auf dem Bahnsteig fanden. Es gelang ihnen, einen Teil der Truppe zum Mitgehen in den Wartesaal zu bewegen. Hier stieg jemand vom Streikkomitee auf einen Tisch und erklärte in einer improvisierten Rede, die Truppe sei völlig falsch informiert, hier in Wetter sein durchaus nicht die Räterepublik ausgebrochen, vielmehr werde in völliger Ruhe und Ordnung der Generalstreik gegen die Putschisten in Berlin durchgeführt. Die Worte wirkten: Die Soldaten ließen sich von den Arbeitern, die immer zahlreicher den Bahnhof füllten, ein Maschinengewehr abnehmen und etwa 25 Soldaten kletterten durch die Fenster nach draußen, um sich mit den Arbeitern zu verbünden. Da erschien Hauptmann Hasenclever zurück aus der Stadt und befahl, den Bahnhof zu räumen. Die Truppe säuberte auch den Bahnhofsvorplatz und die angrenzenden Straßen; das Maschinengewehr nahmen sie den Arbeitern wieder ab.

Inzwischen waren der Bürgermeister und mehrere Arbeiterführer im Bahnhof erschienen und begannen, mit Hasenclever zu verhandeln. Der Bürgermeister fragte, warum die Truppe gekommen sei. Darauf Hasenclever: Sie sei vom Wehrkreiskommando geschickt, um in Wetter für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Der Bürgermeister: Es herrsche Ruhe und Ordnung in Wetter, eine Besetzung der Stadt sei nicht nur unnötig, sondern werde im Gegenteil die bisherige Ruhe stören. Hasenclever: Er habe den Befehl von seinem Vorgesetzten, General v. Watter, hier auszuladen, und den müsse er ausführen; um die politischen Verhältnisse werde er sich nicht kümmern. Jetzt stellte ein Arbeiterführer die entscheidende Frage: Auf welchem Boden steht die Truppe? Hasenclever: Wir kommen im Auftrag v. Watters! Rückfrage: Und wo steht der? Hasenclever: Auf dem Boden des Generals von Lüttwitz! (Das war der Putschgeneral in Berlin). Darauf die Arbeiterführer: Dann haben wir nichts mehr zu verhandeln!

Das entscheidende Wort „auf dem Boden des Generals v. Lüttwitz!“ verbreitete sich mit Windeseile in der Stadt. Die Fabriksirenen bliesen Alarm, und zahlreiche Arbeiter umschlossen den Bahnhof in einer gewissen Entfernung, zunächst nur mit dem Ziel, die Truppe am Betreten der Stadt zu hindern. Aber allmählich entwickelte sich eine Schießerei, die nach mehreren retardierenden Situationen am Nachmittag in einen regelrechten Kampf überging. Er endete mit der Niederlage und Gefangennahme der Truppe.7

In Elberfeld kam es zu überaus blutigen Straßenkämpfen, die ich hier aus Platzgründen nicht schildern kann.8 Hier konnte die Truppe nicht gefangengenommen werden, aber die Arbeiter waren stark genug, um sie aus der Stadt hinauszudrängen. Die bewaffneten Arbeiter waren stark genug, um sie aus der Stadt hinauszudrängen. Die bewaffneten Arbeiter wurden von Gefecht zu Gefecht und von Kampf zu Kampf immer zahlreicher und mit den erbeuteten Waffen auch immer besser bewaffnet. In wenigen Tagen gelang es ihnen, aus dem ganzen rheinisch-westfälischen Industriegebiet das Militär und die staatliche Schutzpolizei zu vertreiben. Schlüsselerfolge waren die Eroberung von Essen und der Kampf um Remscheid, das in einer regelrechten Einkreisungsschlacht eingenommen wurde, beides am 19. März. Trotz z.T. außerordentlich brutaler Kampfesweise vermochten Militär und Polizei ihre Niederlage nicht mehr abzuwenden. Aus Hamborn ist überliefert, daß mit Artillerie in die Straßenschluchten der Arbeiterviertel hineingefeuert wurde und daß gefangengenommene Arbeiter sich als Deckung vor den Maschinengewehren aufstellen mußten. Die geschlagenen Truppen zogen sich in die Festung Wesel zurück. Dort, in den Niederungen beiderseits der Lippe, rannte sich der Kampf fest.

6. Die bewaffneten Arbeiter

Von der sogenannten Roten Ruhrarmee, die sich hier bildete, ist aus zahllosen Quellenbruchstücken noch ein ziemlich gutes Bild zu gewinnen. Ihre zahlenmäßige Stärke ist freilich nur noch abzuschätzen; es waren mindestens 50.000 Personen. Ich greife zwei Aspekte heraus: das Problem der Versorgung und das Verhältnis von Männern und Frauen.

Nach Beendigung der Kämpfe im Revier versuchten die örtlichen Vollzugsräte, in das Versorgungswesen System zu bringen. Sie untersagten den Mitgliedern der Roten Armee jede Beschlagnahmung auf eigene Faust und wiesen die Geschäftsinhaber an, Waren nur auf schriftliche Anforderung hin herauszugeben. Die Anweisungsscheine mußten in der Regel von einem Mitglied des Vollzugsrats unterzeichnet und gestempelt sein, in einigen Städten außerdem von einem Mitglied des Magistrats. Dasselbe galt dann für Beschlagnahmungen bei den Bauern, als die Rote Armee jenseits des Reviers in ländliche Regionen vorstieß. Ähnlich war es bei den Transportmitteln. Im Drange der Kämpfe hatten die Arbeiter Straßenbahnen, Lastwagen, Autos, Fahrräder, Pferde usw. ihren Besitzern kurzerhand weggenommen. Gleich nach Beendigung der Kämpfe verordneten die örtlichen Vollzugsräte, daß Transportmittel nur noch auf ihre schriftliche Anweisung beschlagnahmt werden durften; wilde Beschlagnahmungen wurden unter Strafandrohungen untersagt.

Beschlagnahmescheine von 1920 sind in manchen Archiven noch massenhaft überliefert. Für die Betroffenen, also für den Geschäftsinhaber, dem seine Waren, für den Autobesitzer, dem sein Fahrzeug, für den Bauern, dem Vieh, für den Apotheker, dem Verbandszeug und Medikamente weggenommen wurden, war es zwar im Augenblick ziemlich gleichgültig, ob sie dafür einen gestempelten und unterschriebenen Schein erhielten oder nicht. Aber für die Aufständischen war dieser Unterschied wichtig. Sie drückten damit aus, daß sie keine regellose Aktion unternahmen, in der jeder auf seinen Vorteil sehen konnte. Die ausgestellten Scheine bedeuteten vielmehr die Selbstverpflichtung, das Weggenommene nach siegreicher Beendigung des Aufstands zu ersetzen. Von außen wurde das freilich anders gesehen: Regierung, Militär und bürgerliche Presse außerhalb des Aufstandsbebiets stempelten die Rote Armee als eine Horde von Plünderern ab.

Außer einer oft kümmerlichen Verpflegung erhielten die Mitglieder der Roten Armee in der Regel auch noch eine geldliche Entlohnung. Die Frage, ob man diesen Weg beschreiten solle, wurde nirgendwo ausdrücklich diskutiert und entschieden – ein Zeichen für den improvisierten Charakter der Aufstandsbewegung. Soweit ersichtlich, war der Ausgangspunkt der, daß die ortsgebundenen Arbeiterwehren, die nach der Vertreibung von Militär und Sicherheitspolizei geschaffen und denen Polizeiaufgaben übertragen wurden, dafür entschädigt wurden, daß ihnen der normale Arbeitsverdienst im Betrieb entging. Wenn sie für ihren Dienst eine Entlohnung erhielten, so folgerte man offenbar, dann hatten die Mitglieder der Roten Armee, die von Stadt zu Stadt zog und den Kampf mit dem Militär aufnahm, darauf einen um so größeren Anspruch. Löhnung für ein Arbeiterheer von rund 50.000 Mann zu beschaffen, das schuf freilich Probleme, die gegen Ende der Aufstandsbewegung den Vollzugsräten über den Kopf wuchsen.

Zahlreich waren die Frauen, die in den Kampf zogen – mit dem Freund, dem Verlobten, dem Ehemann, andere aber auch ganz selbständig. Ein völlig aus dem Rahmen fallendes Verhalten – für die Männer, für die Beobachter, aber auch für die Frauen selbst. In der Regel bezeichneten sie sich als Krankenschwestern, gleichgültig ob sie eine entsprechende Ausbildung hatten oder nicht – ein Zeichen dafür, daß sie nach einer Rechtfertigung für ihr Verhalten suchten.

Mehrere Kampfleiter machten den Versuch, die Frauen aus der Roten Armee zu entfernen oder zumindest ihre Zahl zu reduzieren. Die angegebenen Gründe waren teils pragmatisch, so wenn gesagt wurde, das Versorgungsproblem werde unlösbar. Es gab aber auch die Stimme eines Kampfleiters, der „Liebe an der Front“ mit dem Tode bestraft wissen wollte; „so etwas entwürdigt unsere heilige Sache“.

Nach der Aufstandsbewegung war im Zentrumsblatt von Oberhausen folgendes zu lesen:

Anfangs waren die Schwestern mehr als improvisiert. Mit flatternden Serviettenhauben und schnell genähten Rote-Kreuz-Binden drängten sie sich zwischen die roten „Kameraden“. Oder sie hingen am Arm eines oder zwischen den Armen mehrerer Rotgardisten. Besonders wohl fühlten sie sich im dichten Gedränge auf den Lastautos auf dem Weg zur Front … Sie marschierten auch mit ein und aus, und dann gellten ihre hellen oft grellen Stimmen zwischen den Baßstimmen der Rotgardisten in die Nacht: „Der Rosa Luxemburg, der reichen wir die Hand!“ Die „roten Schwestern“ der knallroten Schwester. Sie machten … den blutigen Ernst zur Hexenfastnacht.9

Das Bürgertum hätte die Aufstandsbewegung, wenn es sich um eine reine Männerbewegung gehandelt hätte, noch in seine gewohnten Wahrnehmungsmuster einordnen können. Die Teilnahme von Frauen aber machte die Bewegung offenbar zu einem Alptraum.

7. Das Bielefelder Abkommen

Das Abkommen, das der sozialdemokratische Reichskommissar mit besonderen Vollmachten Carl Severing am 24. März in Bielefeld mit Vertretern der Aufstandsbewegung abschloß, zerfiel in zwei Teile. Der erste Teil war die wörtliche Übernahme eines in Berlin geschlossenen Abkommens zwischen Vertretern der Gewerkschaften und Fraktionsmitgliedern der drei Regierungsparteien. Es war ein vollkommen unverbindliches Papier, das die Einflußnahme der Gewerkschaften auf die künftige Gesetzgebung in Aussicht stellte und auch skizzierte, in welche Richtung die künftige Gesetzgebung gehen sollte (beispielsweise Säuberung der Verwaltung von Feinden der Republik). Der zweite, speziell in Bielefeld ausgehandelte Teil des Abkommens sah vor, daß das Industrierevier nicht wieder mit Militär belegt werden sollte; Bedingung war, daß die Aufstandsbewegung sich innerhalb einer sehr kurzen Frist selbst auflöste, ebenso die Vollzugsräte, und daß die Arbeiterwehren durch sogenannte Ortswehren aus allen Kreisen der Bevölkerung ersetzt wurden. Dieser zweite Teil war ebenso unverbindlich wie der erste, dann erstens reichten Severings Vollmachten nicht so weit, die Reichsregierung zu binden, und zweitens wurde das Abkommen von den Vertretern des Militärs ausdrücklich nicht mitunterzeichnet. So ging das Militär denn auch unverändert eigenmächtig vor. Das führte so weit, daß internationale Abmachungen zwischen dem Deutschen Reich und den Alliierten über die neutrale Zone gebrochen wurden, so daß die Franzosen schließlich Frankfurt und vier weitere Städte im Maingebiet besetzten.

Nach der Aufstandsbewegung wurde das Bielefelder Abkommen zum Zankapfel innerhalb der Arbeiterbewegung. Severing rühmte sich, er habe damit ein Sprengpulver in die Aufstandsbewegung geworfen, das sie auseinandergesprengt habe. Für die KPD wurde das Bielefelder Abkommen Symbol für den Arbeiterverrat der SPD.

Severing war in Bielefeld nicht der überlegene Stratege, als der er sich nachträglich hingestellt hat. Er hat nur nach Art der Weißen in den Indianerkriegen in einer verwickelten und schwierigen Situation Zeit zu gewinnen versucht, und seine Unterschrift, die er unter das Abkommen setzte, war das Ergebnis windiger Taktik.

Die Reichsregierung hat das Bielefelder Abkommen denn auch nicht sanktioniert; sie versuchte nur, sich durchzulavieren, die Arbeiterschaft mit Beschwichtigungen und Beteuerungen zu beruhigen und sich gleichzeitig das Militär gewogen zu halten.

Die Kommunisten, voran der aus Berlin ins Ruhrgebiet entsandte Wilhelm Pieck, begriffen sehr genau, daß das Bielefelder Abkommen ohne Garantie der Reichsregierung in der Luft hing. Aber sie hätten daraus den Schluß ziehen – und dies ohne Wenn und Aber vor den Arbeitern vertreten müssen, daß nunmehr die Aufstandsbewegung ohne Ergebnis abgebrochen werden müsse. Indem sie stattdessen behaupteten, das Bielefelder Abkommen sei durch begrenzte Weiterführung der Aufstandsbewegung noch auf einen soliden Boden zu stellen, haben sie zum schließlichen Desaster erheblich beigetragen. Die Arbeiter, die nach dem Bielefelder Abkommen die Rote Armee verließen und ihre Waffen abgaben, waren nicht von Arbeiterverrätern irregeleitet, sondern hatten, wie sich nachher herausstellte, die bessere Einsicht.

8. Das Ende der Aufstandsbewegung

Ende März 1920 war unter den Aufständischen bis auf kleine Minderheiten die Erkenntnis allgemein, daß die Bewegung abgebrochen werden müsse; von einer einzigen Region aus, und war sie im Rahmen der deutschen Gesamtwirtschaft auch noch so wichtig, ließen sich die politischen Verhältnisse im Deutschen Reich nicht verändern. Die Selbstauflösung der Aufstandsbewegung lag zum Greifen nahe.

Diese Möglichkeit wurde jedoch sowohl von der Reichsregierung als auch von der Reichswehr ausgeschlagen und zerstört. Die Regierung entschied sich für den militärischen Einmarsch ins Industriegebiet und zwar – was besonders folgenreich war – für den Einmarsch sämtlicher Truppen, die im ganzen Reich irgendwie verfügbar waren. Darunter waren nicht wenige Freikorps und andere Truppeneinheiten, die den Militärputsch mitgetragen hatten. Es war von der Reichsregierung ein fast unbegreiflicher Zynismus, aber auch ein Ausdruck geringer Selbstachtung, diese Truppen noch einmal in Dienst zu nehmen, vor denen sie vor wenigen Tagen hatte fliehen und um ihre Existenz kämpfen müssen. Zynisch war diese Entscheidung gegenüber denen, die Opfer des militärischen Einsatzes werden würden, denn es war genau bekannt, welche Brutalitäten von diesen Truppen zu erwarten waren.

Die Truppenkommandeure vor Ort verschärften die Situation noch zusätzlich dadurch, daß sie selbst die von der Regierung und von Carl Severing gesetzten letzten Fristen für die Waffenabgabe ignorierten. Sie handelten nach der Devise: mit Roten wird nicht verhandelt, Abmachungen sind von vornherein null und nichtig. Das konkrete Vorgehen war also bestimmt von der Annahme eines rechtsfreien Raumes und von der Vogelfreierklärung des Gegners.

9. Terror

So endete die Aufstandsbewegung nicht in einer allgemeinen freiwilligen Abgabe der Waffen, sondern in einem Massenmord mit schätzungsweise rund 1.000 Toten – Ermordete, nicht Gefallene, weil die allermeisten erst nach dem eigentlichen Kampfgeschehen getötet wurden. Darunter übrigens auch Frauen, die zur Roten Armee gehört hatten, als Krankenschwestern etwa oder als Köchinnen; es gab Truppen, die besonders scharf auf diese – wie es hieß – „roten Huren“ waren. 1.000 Ermordete – eine solche Hypothek kann von einer Militärdiktatur verkraftet werden, aber eine Demokratie überlebt sie nicht auf die Dauer.

Aber es war nicht allein die bloße Zahl. Schauen wir genauer hin, so finden wir schon Elemente des Dritten Reiches und des Ausrottungskrieges in Osteuropa.

Prügel- und Folterkeller wurden errichtet, besonders schlimm in Essen, in Dortmund, in Bottrop und in Sodingen bei Herne. Geschlagen wurde mit Gummiknüppeln, Lederkoppeln, Reitpeitschen und Riemen, die gelegentlich zusätzlich mit Schrauben versehen waren. – In Recklinghausen inszenierte ein Unteroffizier vor einer zusammengelaufenen Zuschauermenge, darunter Kindern, die Erschießung von vier Bergleuten. Der erste mußte ein Loch ausheben, sich dann am Rande davor aufstellen und „Üb immer Treu und Redlichkeit“ singen; während er sang, feuerte das Kommando auf ihn, so daß er in das Loch kippte. Der nächste mußte ihn zuschaufeln, sich dann sein eigenes Grab schaufeln und so fort. – In Pelkum bei Hamm, einem Bergarbeiterdorf, das von einem bayrischen Freikorps eingekreist wurde, wurde an einer ganzen Ortschaft exemplarisch vorgeführt, was Terror ist und zukünftig sein sollte – übrigens innerhalb der von Severing zugestandenen offiziellen Waffenstillstandsfrist. An einer Mauer wurden die aus den Häusern Geholten erschossen. Ein Mitglied der Truppe schrieb nach Hause:

Die Begeisterung ist großartig, fast unglaublich. Unser Bataillon hat zwei Tote; die Roten haben 200 bis 300 Tote. Alles, was uns in die Hände kommt, wird mit dem Gewehrkolben zuerst abgefertigt und dann noch eine Kugel … Wir haben auch zehn Rote-Kreuzschwestern sofort erschossen … Mit Freude schossen wir auf diese Schandbilder.10

Es gibt kein Gegenstück etwa in Gestalt eines „roten Terrors“. In meinem Buch habe ich das Verhältnis auf folgende Formel gebracht: die Aufstandsbewegung hatte in den Tagen ihrer Herrschaft massenhaft die Prinzipien des Privateigentums verletzt – Militär und staatliche Polizei zerstörten massenhaft und in systematischer Form Leben und Gesundheit.

Es scheint jedoch Vorurteile zu geben, gegen die zu kämpfen vergeblich ist und bei denen auch das sorgfältigste Zusammentragen der Quellen nichts nützt. In einer kürzlich vorgelegten Geschichte der Weimarer Republik von Eberhard Kolb, erschienen in der hochangesehenen Reihe „Oldenbourgs Grundriß der Geschichte“, steht wieder der Satz:

Die „Rote Armee“ beherrschte mehrere Wochen lang große Teile des Ruhrgebiets und lieferte den von der Regierung eingesetzten Freikorpstruppen erbitterte Kämpfe, die auf beiden Seiten mit einem Höchstmaß an Grausamkeit ausgetragen wurden.11

10. Verarbeitung und Erinnerung

Von der SPD-Führung habe ich schon gesprochen. Sie behielt die Erfahrung in Erinnerung, daß ein Generalstreik seine eigene Dynamik entwickelt, erst recht ein Generalstreik, der an die Grenze zum Umschlag in einen bewaffneten Aufstand heranführt. Diese Erfahrung hat wesentlich dazu beigetragen, daß die SPD-Führung unter Brüning, und dann vor allem Mitte 1932, als die Papen-Regierung in einem Staatsstreich die preußische Regierung absetzte und als die Parole zum Generalstreik und zum Widerstand von der Parteimitgliedschaft und vom Reichsbanner erwartet wurde, stattdessen an die Legalität und an den Stimmzettel appellierte.

Umgekehrt träumte die KPD in all den Jahren der Weimarer Republik von einer verbesserten Neuauflage von 1920: eine politische Situation zugespitzter Konfrontation, wie ein Militärputsch sie schafft, und eine einmütige Gegenaktion der Arbeiterklasse. Um eine solche Situation ein zweites Mal herbeizuführen, griff die KPD notfalls auch zum Mittel der Provokation und zur Taktik des putschartigen Handstreichs. Verbessert sollte die Aktion vor allem in drei Hinsichten werden: durch vorherige Schaffung von illegalen Kadern für die Aufstandsarmee, durch sofortige Ausschaltung der SPD und durch generalstabsmäßige Führung der bewaffneten Kämpfe. Die Behauptung dabei war, daß die Bewegung von 1920 eben daran gescheitert sei, daß keine illegalen Kader vorbereitet waren, daß man der SPD Einfluß auf die Bewegung eingeräumt habe und daß es keine einheitliche und straffe Kampfleitung gegeben hatte.

Doch diese Strategie war ein Widerspruch in sich. Nicht nur daß die Geschichte sich nicht wiederholte, trotz aller verzweifelten Versuche in dieser Richtung. Gerade der improvisierte und offene Charakter der Aufstandsbewegung von 1920 war die Bedingung dafür gewesen, daß sie so viele Menschen erfaßte und daß sie sich so lange halten konnte. Verschiedene politische Standpunkte hatten darin ebenso Platz wie zahllose Eigeninitiativen, geschweige das Aufbrechen patriarchalischer Strukturen.

Bei den Arbeitern kann man drei Formen der Verarbeitung unterscheiden:

– einen Affekt gegen die „Führer“, wie es oft pauschal hieß, die die Massen zuerst gerufen, dann aber im Stich gelassen hätten;
– ein verstärktes Mißtrauen speziell gegen die SPD, wie die Wahlergebnisse im Industriegebiet zeigen;
– ein Sichverschließen in die Leiderfahrungen, die der Kampf und die anschließende Periode des weißen Terrors hinterließen; es gab keine Form der kollektiven Verarbeitung der erlittenen Erniedrigung, von Vereinsamung und Tod.

In diese Bewußtseinslage traf einige Jahre später eine pseudowissenschaftliche Veröffentlichung, die in größtem Ausmaß bewußtseinsprägend gewirkt hat. Zwischen 1928 und 1930 erschien in mehreren Bänden eine Geschichte des Ruhrbergbaus in Krieg und Nachkriegszeit, verfaßt von Hans Spethmann, Privatdozent für Geographie und Wirtschaftskunde in Köln, in Auftrag gegeben vom Bergbau-Verein in Essen, der Dachorganisation der Ruhrgebietszechen. Es basierte einseitig auf den Unterlagen der Zechenunternehmen. Der die Märzrevolution von 1920 behandelnde Teil kann so zusammengefaßt werden:

Der Aufstand war von den Kommunisten langfristig geplant und vorbereitet, er wurde durch den Militärputsch nur ausgelöst, nicht verursacht. Spethmann fragt, wer das Ruhrgebiet und „den Staat“ vor dem drohenden Chaos gerettet habe, und gibt die Antwort: das Militär. Er streicht so kräftig wie möglich die Gegensätze zwischen Watter und Severing heraus und betont, daß Severing, „mehr Partei- als Staatsmann“, nach links hin immer wieder schwächlich nachgab und Watter, der energisch zufassen wollte, in den Arm fiel. Schließlich, als alle Verhandlungsbemühungen an der Unnachgiebigkeit und Hinterhältigkeit der Roten gescheitert seien, habe sich Watters Standpunkt als der richtige erwiesen, und so sei Watter zu recht als „Retter des Ruhrgebiets“ bezeichnet worden.

Breit malt Spethmann die Zustände unter der Herrschaft der Roten Armee aus: „bolschewistische Zustände“, wie er sagt; alle nur denkbaren Gewalttaten wurden verübt bis hin zum offenen Mord. Von diesem Teil des Werks brachte der Verlag, der zum Hugenberg-Konzern gehörte, 1930 eine Volksausgabe heraus; der Umschlag war geschickt der Aufmachung damaliger KPD-Publikationen nachempfunden. Jede Schule des Industriegebiets erhielt ein kostenloses Exemplar zugeschickt.

Die bewußtseinsmäßigen Spuren, die dieses Werk hinterließ, habe ich noch in den sechziger Jahren gefunden, als ich daran ging, die Märzrevolution von 1920¹ zu erforschen. Auch von Arbeitern bekam ich zu hören, ich solle lieber die Finger von diesem Thema lassen; „unsere Väter haben da Mist gebaut“, hieß es.

Und heute? Mündliche eigene oder erzählte Erinnerung an die Märzrevolution gibt es kaum noch. Eine der allerletzten Spuren ist ein in diesem Jahr fertig werdender Film mit Zeitzeugen über das Gemetzel von Pelkum. Aber Geschichte kann auch dann wieder lebendig werden, wenn sie ausschließlich aus den schriftlichen und steinernen Quellen rekonstruiert werden muß. Das zeigt die vor einigen Jahren begonnene Auseinandersetzung um das nationalsozialistische Ehrenmal von 1934 in Steele; das zeigt ein jetzt in Essen entstandener Reiseführer zu den verschollenen Stätten der Erinnerung.²

Anmerkungen der SF-Redaktion:

¹ Die Bände von Erhard Lucas zur Märzrevolution sind zwischen 1970 und 1978 im Verlag Roter Stern, PF 180 147, 6000 Frankfurt/M. erschienen:
Bd. 1: Vom Generalstreik gegen den Militärputsch zum bewaffneten Arbeiteraufstand, 364 S.
Bd. 2: Der bewaffnete Arbeiteraufstand in seiner inneren Struktur und in seinem Verhältnis zu den Klassenkämpfen in den verschiedenen Regionen des Reiches; 243 S.
Bd. 3: Die Niederlage, 581 S.

² Der Film über das Gemetzel von Pelkum, in der Hauptsache zusammengestellt aus Erinnerungen von Zeitzeugen, wird produziert von Elisabeth und Frank Schlawin, 5804 Herdecke, Auf der Heide 7.
In Essen wurde 1984 vom DGB-Kreisvorsitzenden die Idee ins Spiel gebracht, das NS-Ehrenmal im Stadtteil Steele abzureißen. Dieser Plan wurde inzwischen fallengelassen. Stattdessen sollen Tafeln an verschiedenen Stellen der Stadt, auch am NS-Ehrenmal, an das Geschehen von 1920 erinnern. Auskunft erteilt Dr. Ernst Schmidt, 4300 Essen, Ruhrlandmuseum.
Der genannte Reiseführer wurde erarbeitet von Ludger Fittkau und Angelika Schlüter: Ruhrkampf 1920 – Die vergessene Revolution. Ein politischer Reiseführer, erschienen im Klartext-Verlag Essen.

Schwarzer Faden, Grafenau, 2/1990, Nr. 35, S. 48-55

[Editorische Notiz: Im Schwarzen Faden ist der Text mit Bildern illustriert, die (bis auf eins) aus dem Buch Diethart Kerbs (Hg.), Die Rote Ruhrarmee – März 1920, Berlin 1985, S. 6, 7 und 30, stammen. Die beiden Fußnoten am Textende sind so im Original, die verlinkten Fußnoten im Text sind neu eingefügt, um die Zitate nachzuweisen und die Orientierung in Lucas´ Werk zu vereinfachen. Namen sind – soweit möglich – mit Wikipedia verlinkt.]

  1. Erhard Lucas, Märzrevolution 1920, Band 1: Vom Generalstreik gegen den Militärputsch zum bewaffneten Arbeiteraufstand, Frankfurt am Main 1974, S. 91f.
  2. Lucas, Märzrevolution, Bd. 1, S. 120
  3. Lucas, Märzrevolution, Bd. 1, S. 127
  4. Lucas, Märzrevolution, Bd. 1, S. 138
  5. Rudolf Mann, Mit Ehrhardt durch Deutschland – Erinnerungen eines Mitkämpfers von der 2. Marinebrigade, Berlin 1921, S. 158f.
  6. vgl. Lucas, Märzrevolution, Bd. 1, S. 150
  7. vgl. Lucas, Märzrevolution, Bd. 1, 163-171
  8. vgl. Lucas, Märzrevolution, Bd. 1, S. 206-215
  9. Ruhrwacht – Oberhausener Volkszeitung, 30. Jg., Nr. 95, 8. April 1920, S. 3
  10. Erhard Lucas, Märzrevolution 1920, Bd. 3: Verhandlungsversuche und deren Scheitern; Gegenstrategien von Regierung und Militär; die Niederlage der Aufstandsbewegung; der weiße Terror, Frankfurt am Main 1978, S. 281
  11. Eberhard Kolb, Die Weimarer Republik, München, Wien 1984, S. 40
    Das Standardwerk Kolbs erschien 2009 in 7. Auflage. Der hier zitierte Satz ist unverändert enthalten (S.41).

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