Beitrags-Archiv für die Kategorie 'Allgemein'

60 Jahre, 1000 Komplexe

Dienstag, 5. Mai 2009 13:31

Wenn ein Land eine so trostlose und erfolglose Geschichte hinter sich hat, ist es kein Wunder, wenn es von schweren Minderwertigkeitskomplexen geplagt wird, die es unaufhörlich kompensieren will: Diese Leute wollen endlich siegen oder geliebt werden – oder sich wenigstens eine Geschichte konstruieren, mit der sie leben können.

Heinrich Senfft1

Jüngstes Beispiel: Robert Fleck, neuer Intendant der Bonner Bundeskunsthalle, nennt Deutschland in der Kunst “seit den 1960er-Jahren die einzige kontinuierliche Weltmacht neben den USA” (zitiert nach Focus). Der Focus selbst überschreibt seinen Artikel zu der unsäglichen Bild-Zeitungs- und RWE-Ausstellung 60 Jahre, 60 Werke mit “Eine künstlerische Weltmacht“.

Was Hitler auf politischem Gebiet nicht erreichte, sollen Richter, Uecker, Baselitz, Lüpertz etc. in der Kunst geschafft haben? Wäre dies so, dann ist die Bild-Zeitung die heutige Die Kunst im Deutschen Reich. Doch wahrscheinlich hat Heinrich Senfft recht: Siegen oder geliebt werden – doch da diese Leute niemand liebt, konstruieren sie sich ihr erbärmliches, komplexbeladenes, siegreiches Leben.

  1. in: Karsten Linne, Thomas Wohlleben (Hg.), Patient Geschichte, Frankfurt am Main 1993, S. 52

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Immer wieder sonntags

Sonntag, 3. Mai 2009 12:10

Mit ungewöhnlicher Regelmäßigkeit kann man sonntags früh (9.30 Uhr) im Deutschlandfunk Bedeutendes hören. Heute Hans-Jürgen Heinrichs zum Thema Die Bedeutung der Geisteswissenschaften für unser Bild von Wirklichkeit:

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Und mit regelmäßiger Regelmäßigkeit (und als absurd-pluralistisches Kontrastprogramm) im Anschluß daran: Gottesdienst. Würde man den Kirchen die Sendertür weisen, Deutschlandfunk wäre noch besser.

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Größer als wie wir

Donnerstag, 23. April 2009 11:27

Kurz verlinkt: Ein Kalenderblatt zum 80. des Literaturwissenschaftlers und Philosophen George Steiner. Und das Interview, das mich auf ihn aufmerksam machte.

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Berlin – Prenzlauer Berg, Arnswalder Platz

Mittwoch, 1. April 2009 18:08

Wo man schaut: Kinder, Kinder, Kinder und, schlimmer noch – Eltern. An Kierkegaard gedacht und gleich ihm Gott gedankt, daß kein menschliches Wesen mir sein Dasein verdankt1. Und endlich Schernikau wirklich verstanden: “Andy Warhol war schwul, und überhaupt leuchtet uns allen ja sofort ein, daß die Homosexualität es ist, die den Fortbestand der Welt garantiert.”2

  1. nach: Die Fackel, Nr. 706-711, Dezember 1925, S. 26, hier online
  2. so Schernikau in seinem bemerkenswerten Warhol-Essay

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Schwarze und weiße Tode

Sonntag, 29. März 2009 19:47

Von zwei Büchern wird hier die Rede sein, die auf den ersten Blick nicht vielmehr miteinander gemein haben als das Jahr ihrer Erstveröffentlichung: 1992. Es ist spät, ich kann nicht atmen – Ein nächtlicher Bericht vom Berliner Autor Mario Wirz ist das Buch eines aidskranken schwulen Mittdreißigers, der im Angesicht des Todes Rückschau auf sein Leben hält. Das andere, Durch das Herz der Finsternis – Ein Afrika-Reisender auf den Spuren des europäischen Völkermords, ist eine kaum Roman zu nennende, tagebuchähnliche Collage des zu dieser Zeit etwa sechzigjährigen schwedischen Literaturwissenschaftlers Sven Lindqvist.

Wirz´ Buch ist mehr als autobiografisch, es ist obsessiv egoman. Kein Stoff, kein fiktionales Ich, sondern der Autor selbst ist der Stoff. Ich habe tatsächlich das Gefühl, hier schreibt jemand gegen sein eigenes Sterben an. Sein “nächtlicher Bericht” ist ihm Überlebensmittel, entsprechend existentiell, radikal, distanzlos und nackt erscheint er. Nur einmal ist Wirz inkonsequent. Scheinbar anonymisiert er die Orte seiner Kindheit und Jugend als “F.” und “M.” sowie einen Arbeitsaufenthalt in “K.”, der dem Buch beigefügten Biografie kann man sie aber sogleich entnehmen (zumal auch noch die Anfangsbuchstaben stimmen). Zu hoffen ist, daß er bei den Namen seiner Freunde noch inkonsequenter war. Doch seine schonungslose Offenheit vor allem gegen sich selbst ist ein beeindruckender Versuch.

Anders Lindqvist. Er macht keinen Hehl daraus, daß sein “Wüstenreisender” (S. 15) und er nicht unbedingt identisch sind:

Selbst eine Dokumentation, die ausschließlich auf authentischem Material basiert, birgt ein fiktives Element – den Erzähler. [...] Die Wirklichkeit, die ‘ich’ hier in der Wüste erlebe, ist authentisch. Ich bin in Arlit. Ich sehe den schwarzen Mann mit dem großen, goldenen Bilderrahmen. Immer wenn ich als Leser das Wort ‘ich’ sehe (oder wenn es vermieden wird, was letzlich nur einer anderen Form des Gebrauchs entspricht), weiß ich, daß ich einem fiktionalen Charakter gegenüberstehe. (S. 141f.)

Seine Versuchsanordnung ist interessant und das Ergebnis ebenfalls beeindruckend. Während einer abenteuerlichen Busreise durch die Sahara schreibt der Autor, ‘bewaffnet’ mit seinem Computer (1992!) und einem Stapel Disketten, auf denen sich die europäische “Ideengeschichte der Völkervernichtung” (S. 14) befindet, einen Text, der politische Geschichtsschreibung mit Literatur- und Wissenschaftsgeschichte, Reiseimpressionen, Reflektionen, persönlichen Erinnerungen und Alpträumen zu einem tagebuchartigen, gattungslosen Leseerlebnis amalgamiert. Im Zentrum steht dabei ein beiläufig geäußerter Satz aus Joseph Conrads Herz der Finsternis: Exterminate all the Brutes:

Das lateinische extermino meint ‘Grenzüberschreitung’; terminus steht für ‘Grenze’. Daher das englische exterminate, das wörtlich übersetzt ein ‘Überschreiten der Schwelle zum Tod’, eine ‘Verbannung aus dem Leben’ bezeichnet. Das Deutsche kennt kein direktes Äquivalent. Der Deutsche muß ausrotten sagen, was allerdings einen großen Unterschied macht. Im Englischen hieße das extirpate, vom Lateinischen stirps – ‘Wurzel, Stamm, Geschlecht, Familie’. Das Objekt der Aktion ist im Englischen wie im Deutschen weniger eine Einzelperson als eine Spezies: Unkraut, Ratten, Völker. Brutes indessen weist dem Objekt einen eindeutig niedrigen und animalischen Stellenwert zu. Seit den allerersten Kontakten wurden die Afrikaner von den Europäern wie Tiere beschrieben. Sie seien ‘roh und viehisch’, ‘brutale Tiere’, ‘grausamer als die Tiere, die sie jagen’. (S. 26)

Was (West-)Europa wirklich eint, lernt man in Lindqvists Buch, ist kein Schengener Abkommen und kein Europäisches Parlament, es ist die gemeinsame Geschichte des kolonialen Völkermords, die gleichmütige Auslöschung und die rücksichtslose Bereicherung. Man begreift, was den Kulturwissenschaftler Wolfgang Schivelbusch zu seiner Einschätzung bewog:

Die Ausbeutung des besetzten Europas durch die Nazis, um Wohlstand und ein Herrschaftssystem zu stützen – war das wirklich einzigartig oder müssen wir bis in die Jetztzeit Parallelen ziehen? So sehr unterschied sich die NS-Ausbeutung Europas nicht von der rassistischen und mörderischen Ausbeutung der Dritten Welt seit dem 16. Jahrhundert durch den klassischen Kolonialismus. Wie überhaupt der Nationalsozialismus in vielem die Anwendung der Methoden des europäischen Kolonialismus auf Europa selber war. Ich bin überzeugt, daß irgendwann einmal die Dritte Welt dem Westen seinen Nürnberger Prozess machen wird. Und wir werden dann alle als die korrumpierten Nutznießer dieses Menschheitsverbrechens dastehen. (aus einem Interview in die tageszeitung, 7./8. Mai 2005)

Lindqvist, denke ich, würde das unterschreiben. Doch noch einmal zurück zu Mario Wirz. Gerade möchte ich ihm vorwerfen, daß einzig Egomanie nicht ausreicht, um ein gutes Buch zu schreiben, da belehrt er mich eines besseren und sieht einmal von sich ab:

Wen trifft Aids vor allem? Schwule. Fixer. Nutten. Also keinen Menschen, wie es in einem Witz heißt, der die Realität der heimlichen Gedanken exakt dokumentiert. Die Forschung im Namen der heiligen Pharmaindustrie meint nicht das Leben und Überleben uneffektiver Minderheiten, sondern die Heiligkeit des Geldes. Nicht nur rechte Politiker frönen der Hoffnung, daß Aids die Gesellschaft von all den schrillen Außenseitern ein für alle Mal befreit. Von einer ‘Heimsuchung Gottes’ sprechen die wackeren Kirchenväter, deren Nächstenliebe nicht nur warme Brüder vergeblich suchen. Und die aidsinfizierten Schwarzen in Afrika sind nicht mal eine Schlagzeile wert. Sollen sie froh sein, daß der Tod sich immer wieder etwas Neues einfallen läßt. Wer nicht verhungert, stirbt an Aids. Schwarze, die krepieren, sind so selbstverständlich wie das Amen in der Kirche. Wir haben uns daran gewöhnt, ihr Elend zu besichtigen, ihr Elend ist gottgewollt wie der Reichtum der Kirche und das Recht des weißen Mannes, die Schwarzen auszuplündern. (S. 78)

Und auszulöschen:

Ihre Bewährungsprobe hatten die Deutschen im Jahre 1904 in Südwestafrika. Dort zeigten sie, was sie von den Amerikanern, den Briten und den anderen Europäern gelernt hatten. Sie erwiesen sich als ebenbürtig, wenn es um die Beschleunigung des Aussterbens ‘kulturarmer Völker’ ging. Dem nordamerikanischen Beispiel folgend, wurden Hereros in Reservate gesperrt, das fruchtbare Land unter deutschen Einwanderern und Kolonisationsgesellschaften aufgeteilt. Als die Hereros Widerstand leisteten, erteilte General Adolf Lebrecht von Trotha [das ist falsch, nicht A.L. sondern Lothar von Trotha] den Befehl, sie zu vernichten. Das war im Oktober 1904. Von da an war jeder Herero, egal ob bewaffnet oder unbewaffnet, der innerhalb der deutschen Grenzen aufgegriffen wurde, sofort zu erschießen. Die meisten allerdings starben ohne direkte Gewalteinwirkung: Die Deutschen schleppten sie einfach hinaus in die Wüste und machten anschließend die Grenze dicht. ‘Die mit eiserner Strenge monatelang durchgeführte Absperrung des Sandfeldes vollendete das Werk der Vernichtung’, schreibt der Generalstab in seinem offiziellen Kriegsbericht. ‘Das Röcheln der Sterbenden und das Wutgeschrei des Wahnsinnes [...] verhallten in der erhabenen Stille der Unendlichkeit.’ Ausdrücklich betont der Bericht: ‘Das Strafgericht hatte sein Ende gefunden. Die Hereros hatten aufgehört, ein selbständiger Volksstamm zu sein.’ Auf dieses Ereignis war der Generalstab stolz. Seine Truppe habe sich den Dank des ganzen Vaterlandes verdient. Mit Beginn der Regenzeit fanden deutsche Patrouillen Skelette, die um trockene Löcher lagen. Löcher, die zwischen zehn und zwanzig Meter tief waren, von den Hereros mit bloßen Händen gegraben, in der vergeblichen Hoffnung, auf Wasser zu stoßen. Fast das ganze Volk – ungefähr 80.000 Menschen starben in der Wüste. Nur einige Tausend überlebten, zur Zwangsarbeit in deutschen Konzentrationslagern verurteilt. Das Wort ‘Konzentrationslager’, das ursprünglich im Jahre 1896 von den Spaniern erfunden worden war, dann von den Amerikanern ins Englische übernommen und auch von den Briten im Krieg gegen die Buren verwendet wurde, fand damit Eingang in die deutsche Sprache und Politik. (Lindqvist, S. 197f.)

Überlebende HereroÜberlebende Herero, Quelle: Wikipedia

Vom Paradigma der Einzigartigkeit des Holocausts hält Lindqvist – wie Wolfgang Schivelbusch – nicht viel:

Gewiß, jeder Völkermord weist unvergleichbare Merkmale auf. Und doch kann ein Ereignis zu einem anderen beitragen, ohne daß die beiden identisch sind. Die europäische Expansionspolitik mit ihrer schamlosen Rechtfertigung des Völkermords hat Denkgewohnheiten und politische Präzedenzfälle geschaffen, die den Weg frei gemacht haben für immer neue Gewalttätigkeiten. Ihr vorläufig grauenvollster Höhepunkt war der Holocaust. (S. 15)

Und:

Auschwitz war die moderne und industrielle Umsetzung einer Politik der Völkervernichtung, auf der die Weltmacht der Europäer sich seit langem gründete. (S. 210)

Europa – ein Alptraum:

Mein Magen hat sich in eine große Blutblase verwandelt. Mein ganzer Bauch ist voll schwarzen Blutes. Wie ein Zehnagel, der langsam schwarz wird und abfällt, wenn das Blut darunter geronnen ist, wird mein ganzer Körper schwarz und fällt auseinander. Was übrig bleibt, ist das pulsierende Blut hinter einem dünnen Häutchen, das wie eine Seifenblase schimmert. Ein riesiger Tropfen schwarzen Blutes, für einen kurzen Augenblick nur durch seine Oberflächenspannung zusammengehalten – das bin ich, bevor ich platze. (S. 208)

Aber nein, sei ohne Sorge:

Mein Tod wird weiß sein. Mein Tod wird hygienisch sein. Krankenversichert. Sterbeversichert. Ein weißer Tod mit weißen Sicherheiten, mit weißem Luxus und weißen Privilegien, ein weißer Tod für eine weiße Ewigkeit. (Wirz, S. 78f.)

Sven Lindqvist, Durch das Herz der Finsternis – Ein Afrika-Reisender auf den Spuren des europäischen Völkermords, Frankfurt, New York 1999 (schwedisch 1992)

Mario Wirz, Es ist spät, ich kann nicht atmen – Ein nächtlicher Bericht, Berlin 1992

PS: Es war Noam Chomskys Text Gaza 2009 (pdf), der mich auf das Buch von Lindqvist brachte.

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Tote im Tiergarten

Donnerstag, 12. Februar 2009 20:37

Bei Recherchen für eine beabsichtigte, noch nicht spruchreife größere Fotoarbeit stieß ich vor einigen Tagen im Berliner Tiergarten, etwa an dem Ort, wo früher die Krolloper stand, auf dieses:

Tote im Tiergarten

Mit einiger Akkuratesse hat eine vermeintliche Zwillingsseele das Wort “TOTE” mit einer nicht ganz geschlossenen Umrahmung aus dem Gras gestochen. Eine Kunstaktion? Eine Demonstration? Weiß jemand mehr darüber?

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Stauffenberg-Hype

Sonntag, 25. Januar 2009 2:38

Anbei mein Beitrag zur Stauffenberg-Hysterie. Nur eine Frage: Wer zum Teufel ist eigentlich dieser Thomas Kruse, von dem so viel die Rede ist?

Foto: Arndt Beck

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Dank und Freude ohne Kraft

Donnerstag, 22. Januar 2009 11:00

Volkswagen-Plakat

Die Volkswagen AG bedankt sich derzeit auf Großplakaten bei “Deutschland” für 60 Jahre Vertrauen. Warum so bescheiden? Gründungsdatum der Gesellschaft zur Vorbereitung des Deutschen Volkswagens mbH ist der 28. Mai 1937. Also: “Danke, Deutschland, für fast 72 Jahre Vertrauen.”

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