Hier werden Sie enteignet: ZiF PhotoAward

Selten genug gibt es Fotowettbewerbe, die eine interessante Herausforderung für Fotografen darstellen. Kontrolle der Gewalt lautet das Thema des ZiF PhotoAward 2008 und bildet damit eine rühmliche Ausnahme:

Welche Rolle spielen Gewalt und ihre Kontrolle in Gesellschaften innerhalb und außerhalb Europas? Erleben wir Kontrollverlust oder Kontrollexzess, einen Rückgang von Gewalt oder Gewaltexzess? Wie formen und prägen Gewalt und Kontrolle unsere Wahrnehmung? In welchem Verhältnis stehen sie zueinander? Der ZiF PhotoAward 2008 sucht nach Bildern, die Antworten auf diese und angrenzende Fragen geben.

Liest man dann weiter, daß eine aus unterschiedlichen Fachdisziplinen zusammengesetzte seriöse Jury drei Geldpreise zwischen 250,- und 1000,- € vergibt und der Wettbewerb nicht etwa von Blackwater oder einem anderen privaten Gewaltdienstleister, sondern vom Zentrum für interdisziplinäre Forschung an der Universität Bielefeld ausgeschrieben ist, bilden sich vor dem inneren Auge bereits die ersten Ideen. Doch dem seltenen Glück der geistigen Anregung folgt rasch die Ernüchterung, wenn man einen Blick auf die Teilnahmebedingungen wirft:

Es können bis zu 5 Fotografien im Format 20 cm x 30 cm gedruckt auf hochwertigem Fotopapier, sowohl in Farbe als auch in Schwarz-Weiß, eingesandt werden. […] Die Teilnehmer erklären sich einverstanden, dass mit der Einsendung der Besitz der Bilder an das ZiF übergeht.

Frei nach dem Motto „Wenn Sie uns schon Ihre Bilder schenken, werden wir Sie doch zumindest umsonst nutzen dürfen“ gestaltet sich die weitere Expropriation total und gilt nicht etwa nur – in aller Bescheidenheit – für die prämierten Fotos:

Alle eingereichten Arbeiten dürfen für den Wettbewerb und publizistische Auswertung genutzt werden. Das ZiF hat insbesondere das Recht, die von der Jury zu diesem Zwecke ausgewählten Arbeiten auszustellen sowie in Zeitungen, Zeitschriften und anderen Publikationen zu veröffentlichen. Für diese Nutzung können die Teilnehmer keinen Anspruch auf ein Nutzungshonorar geltend machen. [Hervorhebungen von mir]

Aufmerksam auf diese unverschämten Bedingungen macht auch der Fotowettbewerbe-Blog von Ulla Schmitz (bzw. ihr Newsletter Fotografie). Das ZiF hielt es nicht für nötig, eine freundlich auf diese Umstände hinweisende E-Mail von mir zu beantworten. Im Gegensatz zum Jury-Mitglied Prof. Gottfried Jäger, der sich für den Hinweis bedankte und versprach, sich darum zu kümmern. Seine Antwort steht noch aus. Und bis dahin empfehle ich, die Klassiker der Enteignung, genauer der Eigentums-Kritik, Proudhon und Kropotkin zu lesen.

Nachtrag, 19.06.08:

Das ZiF hat nun doch reagiert und erläutert die Wettbewerbsbedingungen:

[…] Der ZiF-PhotoAward 2008 möchte Arbeiten prämieren, die ein bestimmtes Thema künstlerisch hervorragend darstellen. Dieser Wettbewerb verfolgt keinerlei kommerzielle Zwecke und ist für die Teilnehmer natürlich kostenlos. Lediglich für die Durchführung der Veranstaltung, deren Berichterstattung und eigene Veröffentlichungen in Bezug auf den Award benötigt das ZiF ein nicht ausschließliches Nutzungsrecht an den Arbeiten. Das bedeutet, dass die Teilnehmer ihre Arbeiten selbstverständlich anderweitig nutzen und verwerten können. Sollten Arbeiten tatsächlich für weitere kommerzielle Zwecke außerhalb des Wettbewerbs genutzt werden, würde dies nur mit Zustimmung der Teilnehmer unter Abschluss einer gesonderten Vereinbarung erfolgen.

Die Formulierung, dass der Besitz der Bilder an das ZiF übergeht, bedeutet nicht, dass das ZiF sämtliche ausschließliche Nutzungsrechte daran erhält und frei in der Verwertung ist. Daran besteht auch kein Interesse. Aus Gründen der Minimierung des Verwaltungsaufwandes und angesichts heute einfacher und preiswerter (digitaler) Produktions- und Reproduktionstechniken der verhältnismäßig kleinen Bildformate (DIN A4) hielten wir die Nichtrücksendung der eingereichten Arbeiten für zumutbar. Die Teilnahme sollte nicht durch hohe Materialität („Materialschlacht“), sondern allein aufgrund inhaltlich-konzeptioneller Qualität entschieden werden. Zur Vermeidung von Missverständnissen werden wir die Formulierungen im kommenden Jahr aber anpassen. […]

Ich freue mich, daß die mehr als fahrlässigen Formulierungen so nicht gemeint waren, hiermit klargestellt sind und sich der Wettbewerb nun so darstellt, wie er mir bereits zu Anfang erschien: als eine interessante Herausforderung.

TRAUMWALD

Heut nacht durchschritt ich einen Wald im Traum
Er war voll Grauen Nach dem Alphabet
Mit leeren Augen die kein Blick versteht
Standen die Tiere zwischen Baum und Baum
Vom Frost in Stein gehaun Aus dem Spalier
Der Fichten mir entgegen durch den Schnee
Trat klirrend träum ich seh ich was ich seh
Ein Kind in Rüstung Harnisch und Visier
Im Arm die Lanze Deren Spitze blinkt
Im Fichtendunkel das die Sonne trinkt
Die letzte Tagesspur ein goldner Strich
Hinter dem Traumwald der zum Sterben winkt
Und in dem Lidschlag zwischen Stoß und Stich
Sah mein Gesicht mich an: das Kind war ich.

1994

Heiner Müller, zuerst in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9. Januar 1995 (o. T. und in orthographisch anderer Fassung), hier nach: derselbe, Werke 1, Die Gedichte (hg. von Frank Hörnigk), Frankfurt am Main 1998, S. 298

Wie damals. Nur anders.

BSR-Plakat

Jedesmal, wenn mir dieses Plakat im Berliner Stadtbild begegnet (und es begegnet mir in den letzten Wochen häufig), denke ich an historische Bilder von auf dem Asphalt knieenden Juden, die von hämisch grinsenden SA-Schergen gezwungen werden, die Straße mit Zahnbürsten zu „reinigen“. Es ist eine nutzlose Assoziation, gibt es doch so gar keine Verbindungen zu dieser Werbekampagne der Berliner Stadtreinigung, sieht man einmal vom Grinsen des Fotomodels ab. Und doch hätte man auch in einer Werbeagentur darauf kommen können, Anklänge an dieses Bild größtmöglicher Demütigung zu vermeiden. Wie gesagt, es ist nichts Ernstes – eine kleine Nachlässigkeit oder Überempfindlichkeit, je nach Perspektive. Doch eine Frage bleibt: Was ist das für eine Gesellschaft, in der die Müllabfuhr meint für sich Reklame machen zu müssen?

Die Sozialdemokratie

organisiert, das besagt, sie bringt die Massen, deren Bewegung allerdings von vornherein anzuzweifeln ist, zu einer staatsfreundlichen Harmonie. Man stellte die kühne Utopie des befriedigten Kleinbürgers auf und stattete die Parteibücher mit allen Rechten platter Hypothesen aus, dem Darwinismus, diesem Trost des letzten Parvenus. Man versorgte den Frühstücksrevolutionär mit sämtlichen Hemmungen eines pseudowissenschaftlichen Theorems, damit er ja nicht eher losgehe, bevor sämtliche Prämissen zu dem Experiment gegeben sind. Die Sozialdemokratie erklärte sich zu einer konservativen Partei von Beginn an, da sie sich als Klassenpartei aufstellte. Der Sozialdemokrat, diese Reinkultur des politischen Menschen, dem alles zur öffentlichen Angelegenheit wurde. Man evolutioniert sich von Protest zu Protest, bis bei sämtlichen Mitgliedern die Theorie gut sitzt. Ein Verein von Rationalisten wird nie revolutionieren; nur etwas mehr ordnen. Sozialdemokratie, Militär und Volksschule, wie sind sie identisch. Das Ende der sozialdemokratischen Tätigkeit wird lediglich eine Überfüllung nationalökonomischer Lehrstühle sein.

Denn das Menschliche dieses Vereins ist mißverstandenes Plagiat; man eskamotierte aus den Vorbildern jedoch das menschlich Kostbare, das Elementare. Man nahm dem Leidenden seine ihm verliehenen Rechte, man lehrte ihn beneiden und weitaus Schlechteres schätzen; man gab ihm ein Ziel, und der Leidende wurde zum politischen Menschen. Er, der einzig fähig, über unser aller Köpfe zu springen, nicht zu einer gewogenen Ordnung, sondern zu einem Gericht.

Für den Leidenden können gerade nur die besten Köpfe denken; nur der unbekümmert Unstaatliche.

Nur der Arme, Unorganisierte ist fähig, über das ihm nicht Gegebene zu urteilen; er ist auf die Dinge angewiesen, die nicht durch ökonomische Gehaltsaufbesserung zu erlangen sind. Die Sozialdemokratie wird lediglich die Vollendung des von ihr verpönten Kapitalistenstaates herbeiführen; ein jeder wird bei ihr Kapitalist sein und an der allgemeinen Transaktion schieben; Gott gnade jedem Elementaren.

Carl Einstein in Die Aktion (hg. von Franz Pfemfert), 4. Jg., Nr. 12, Berlin, 21. März 1914, Sp. 146

Billig, aber nicht umsonst

Optimismus ist lediglich ein Mangel an Information. Heiner Müller

Harald Welzer, Klimakriege

Gelegentlich findet man bei der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) Bücher, die über den Vorwurf der Propaganda erhaben sind. Klimakriege von Harald Welzer ist so ein Buch.

Hat man es gelesen, ist man einigermaßen konsterniert – über den Zustand der Welt ebenso wie über den eigenen. Welzer legt nüchtern dar, wie gesellschaftliche Entwicklungen in die Irre laufen können, widervernünftige Dynamiken entwickeln, die nichts als verbrannte Erde hinterlassen. Und die (eigene) menschliche Psyche ist dabei stets bereit, die Maßstäbe neu zu setzen. Shifting baselines nennt der Autor diese schleichende Anpassung, die es etwa ermöglicht, aus zivil verfassten Gesellschaften innerhalb weniger Jahre mordende Volksgemeinschaften werden zu lassen und – dies vielleicht das Entscheidende – es den Mördern erlaubt, ihr Vorgehen für ‚normal‘ zu halten.

Welzers Horizont ist weit, sein Stil ist klar und als Wissenschaftler ist er es gewohnt, seine Quellen in einem oft noch viele weitere Anregungen bietenden Anmerkungsapparat genau zu belegen. Sein Pessimismus entspringt der realistischen, gut informierten Einschätzung:

Auch auf diese Weise lässt sich der Prozess der Globalisierung beschreiben – als ein sich beschleunigender Vorgang sozialer Entropie, der die Kulturen auflöst und am Ende, wenn es schlecht ausgeht, nur noch die Unterschiedslosigkeit zurücklässt. Das allerdings wäre die Apotheose jener Gewalt, zu deren Abschaffung die Aufklärung und mit ihr die westliche Kultur den Schlüssel gefunden zu haben glaubte. Aber von der neuzeitlichen Sklavenarbeit und der gnadenlosen Ausbeutung der Kolonien bis zur frühindustriellen Zerstörung der Lebensgrundlagen von Menschen, die mit diesem Programm nicht das Geringste zu tun hatten, schreibt die Geschichte des freien, demokratischen, aufgeklärten Westens eben doch seine Gegengeschichte der Unfreiheit, Unterdrückung und Gegenaufklärung. Aus dieser Dialektik, das zeigt die Zukunft der Klimafolgen, wird die Aufklärung sich nicht entlassen können. Sie wird an ihr scheitern.

Bei der bpb kostet das Buch 4,- € und wenn man es in einen alten Briefumschlag hüllt, sieht es auch noch passabel aus. Mit etwas Glück überlebt es die kommenden Katastrophen.

Rezension im Deutschlandfunk von Britta Fecke

Harald Welzer, Klimakriege, Frankfurt am Main 2008, S.278; Zitat Müller nach: ebenda, S. 273

Nachtrag, 12.06.08:

Rudolf Walther beurteilt das Buch im Freitag kritischer. Was mir als weiter Horizont erscheint, nennt er „hoffnungslos überladen und schlecht strukturiert.“ Und wenn er das Buch auch nicht in Bausch und Bogen verdammt, am Ende hört es sich doch so an:

Welzers oberflächliche Verwurstung der Dialektik der Aufklärungwie diese ist auch sein Buch im S. Fischer Verlag erschienen – kann man je nach Temperament als Ironie der Verlagsgeschichte oder Peinlichkeit deuten.

Nachtrag, 16.06.08:

Radioessay von Harald Welzer im Deutschlandfunk zum Lesen oder Hören.