Vor 75 Jahren: Avrom Sutzkever in Deutschland

  1. Vor 75 Jahren: Avrom Sutzkever in Deutschland
  2. 17. Februar 1946
  3. 18. Februar
  4. 19. Februar
  5. 20. Februar
  6. 21. Februar
  7. 22. Februar
  8. 23. Februar
  9. 24. Februar
  10. 25. Februar
  11. 26. Februar
  12. 27. Februar
  13. 1. März
  14. 6. März 1946
Arndt Beck (Hg.), In Sodom — Avrom Sutzkever in Deutschland, Leipzig, Berlin 2020

Heute vor genau 75 Jahren begann in Moskau die Reise des jiddischen Dichters Avrom Sutzkever nach Deutschland, um für den sowjetischen Ankläger beim Nürnberger Prozess als Zeuge auszusagen. Aus diesem Anlaß poste ich in den kommenden Wochen täglich seine Tagebucheindrücke, die kommentiert und begleitet von Gedichten und Zeichnungen unlängst von mir bei Hentrich & Hentrich herausgegeben wurden.

Rezensionen:

4. Januar 2021, Leipziger Internet Zeitung
15. März 2021, junge Welt

***

Moskau, 16. Februar 1946:

Mit Mühe und Not heute von Vilna nach Moskau gelangt. Wäre Kravetski, der Verwalter der Vilnaer Philharmonie nicht gewesen — niemals hätte ich ein Ticket erhalten und hätte so die ganze Angelegenheit verpasst. In Moskau — große Aufregung. Alle suchen mich. Erenburg rief zweimal bei mir an. Teumin vom Informbüro ist sich sicher, dass ich zu spät bin. Ich darf gar nicht daran denken. Ich habe wahrhaftig das Auftreten als Zeuge bei diesem Prozess von welthistorischer Bedeutung verpasst? Ich rufe Chomic an, von dem mein Auftritt abhängt. Seiner Antwort nach bin ich mir sicher, dass ich zu spät angekommen bin.

Ich gehe hinunter auf die Straße, ins Komitee. Freydke ist nervös, obwohl sie glaubt, dass ich auf jeden Fall fahre. Ich rufe Erenburg an — fühle mich ihm gegenüber schuldig, war er es doch, der mich zum ersten Kandidaten der Anklage erklärte, und am Ende — zu spät. Er antwortet mir aber bestimmt, dass ich es weiterhin telefonisch versuchen soll.

Als ich abends zurückkomme, ist zu Hause alles in Aufruhr. Schon vier Anrufe vom Komitee, dass ich sofort kommen soll. Heißt das, doch nicht zu spät? Mit meinem Bündel Material laufe ich los. Man macht ein Protokoll meiner Zeugenaussage, das Ganze dauert fünf Stunden.


6. März 1946

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  12. 27. Februar
  13. 1. März
  14. 6. März 1946

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6. März 1946:

Um halb acht abends ist der Flug von Berlin in Moskau gelandet.

[Ende der Tagebuchnotizen]

1. März

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  13. 1. März
  14. 6. März 1946

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1. März:

Nürnberg — hinter uns. Gerade in Berlin angekommen. Wir warten auf gutes Wetter. Eventuell werden wir übermorgen nach Moskau fliegen. Von unserer Delegation sind nur fünf Mitglieder aufgetreten. Der Gelehrte Orbeli, der Bauer Jakov Grigor’ev, dessen Haus im Dorf Kuznecov (Oblast Pskov) von den Deutschen angezündet wurde, wobei seine ganze Familie, eine Frau, zwei Kinder und ein Neffe, verbrannte. Grigor’ev selbst kam es im letzten Moment in den Sinn, seinen verletzten 11-jährigen Sohn Lioska zu packen, mit ihm aus dem Fenster zu springen und zu fliehen. In dem angezündeten Haus, aus dem Grigor’ev mit seinem Sohn floh, verbrannten 17 Menschen.

Grigor’ev, ein einfacher russischer Bauer, Vorsitzender der Kolchose ›Proletarskij Trud‹ (Proletarische Arbeit), redete, wie man sagt, gut. Die Verteidiger hatten keine Nachfragen.

Als dritter trat Dr. Kivil’sa auf — er sprach über die Vernichtung der Kriegsgefangenen in Uman’, Zmerinka. Er verlor, wie man hört, kein überflüssiges Wort.

Der vierte war ich und der fünfte war der Leningrader Priester Lomakin.

Lomakin, dessen süßliche, salbungsvolle Ausdrucksweise nicht das geringste Vertrauen erweckt, erschien auf dem Prozess ausstaffiert im vollen Ornat: ein schwarzes, samtenes Priestergewand bis zu den Absätzen, hinten versehen mit glänzenden Knöpfen, und vorne auf der Brust zwei mit ›Brillanten‹ besetzte, große ›goldene‹ Kreuze, welche bei allen im Gerichtssaal Anwesenden die Augen blendeten. Ach ja, außerdem trug er noch einen funkelnagelneuen Orden ›Für die Verteidigung Leningrads‹.

Aber abgesehen von all seinem Blendwerk, von seinen zitternden Händen (die ganz absichtlich zitterten) und von seiner weinerlichen Stimme (die ganz absichtlich weinte), hinterließ sein ganzer Vortrag nicht den geringsten Eindruck. Seine Worte kamen aus der Kehle, nicht aus dem Herzen. Auch sein patriotisches ›Happy End‹, alle hätten wie ein Mann Leningrad verteidigt — war fehl am Platz.

Ich habe den Eindruck, das moralische Gewicht eines solchen Lomakin hat keinerlei Bedeutung. Von solchen Leuten ist alles zu erwarten. Dass er die Juden hasst, war leicht an seinen Ammenmärchen zu erkennen. So erzählte er uns beispielsweise, in Leningrad kämen jüdische Frauen zu ihm und flehten ihn an:

»Väterchen, nimm uns in den orthodoxen Glauben auf!«

»Warum tun sie das?«, frage ich ihn, als würde ich seinen Worten Glauben schenken. Und Lomakin antwortet: »Die Frauen bestehen darauf, sich vom jüdischen Glauben loszusagen, weil die Juden sich im Krieg als Feiglinge erwiesen haben.«

Auf Streichers Gehöft halten sich derzeit achtzig Juden auf, Überlebende aus den Todeslagern. Am Gebäude hängt eine blaue Fahne. Die Jugendlichen erhalten eine landwirtschaftliche Ausbildung und bereiten sich darauf vor, nach Palästina zu immigrieren.

Auf dem Fragebogen, den die Amerikaner den Juden zum Ausfüllen gaben, standen drei Fragen: 1. Möchten Sie in Deutschland bleiben? 2. Möchten Sie in Europa bleiben? 3. Wohin möchten Sie emigrieren? Auf die erste Frage haben alle mit ›nein‹ geantwortet. Auf die zweite — ebenfalls mit ›nein‹. Und auf die dritte lautete die Antwort: ›Entweder nach Erets Israel oder ins Krematorium.‹

27. Februar

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  13. 1. März
  14. 6. März 1946

***

Nürnberg. Vor dem Tribunal. 11:45 Uhr vormittags. Mittwoch, den 27. Februar 1946:

Gerade habe ich meine Zeugenaussage vor dem Nürnberger Tribunal beendet. Auf meinen Lippen glühen noch die Worte, die ich vor der ganzen Welt und den kommenden Generationen herausschrie. Ich bin zutiefst erschüttert. Es ist ohne Zweifel die eindringlichste Erfahrung meines bisherigen Lebens.

Ich habe (zusammen mit den Fragen des Vertreters der Anklage, Oberst Smirnov) 38 Minuten gesprochen.

Offenbar hat mir die Vorsehung das Russische direkt in den Mund gelegt. Ich war mir nicht sicher gewesen, ob ich in dieser Sprache meine Gedanken und Gefühle würde ausdrücken können.

Es fällt mir schwer, meine Gefühle abzuwägen. Welches von ihnen ist stärker, das Gefühl der Trauer oder das Gefühl der Rache? Stärker als diese beiden, scheint mir, ist das aufstrahlende, mächtige Gefühl, dass unser Volk lebt, seine Henker überlebt hat — und keine noch so dunkle Macht imstande ist, es zu vernichten. Darin liegt etwas Jüdisch-schicksalhaftes: ein jiddischer Dichter — vielleicht der einzige Übriggebliebene aus den europäischen Ghettos — kommt nach Nürnberg, um die Rosenbergs und Franks zu richten. Und dadurch ebenfalls ihre noch übriggebliebenen ›Gesinnungsgenossen‹ in diversen Ländern!

Oberst Smirnov, der sowjetische Vertreter der Anklage, mein Vernehmer, hat noch zuvor mit mir über die große Verantwortung meines Auftritts vor Gericht gesprochen. »Sie sind der erste jüdische Zeuge«, sagte Smirnov, »sie müssen im Namen von Millionen Vernichteter sprechen. Sie müssen der Welt erzählen, wie der deutsche Faschismus ihre Brüder abgeschlachtet hat.«

Diese große Verantwortung füllte jeden Winkel meines Bewusstseins aus. In den zwei Nächten vor meinem Auftritt konnte ich kein Auge zutun. Vor mir sah ich meine Mutter, die nackt über ein schneebedecktes Feld lief — und das warme Blut, welches aus ihrem durchschossenen Herzen floss, begann über den Boden meines Zimmers zu rinnen und mich wie ein Ring zu umschließen.

Es wurde festgelegt, dass ich auf Russisch reden müsse (die vier offiziellen Sprachen bei Gericht sind: Englisch, Russisch, Französisch, Deutsch). Ich beherrsche das Russische nicht so gut, dass ich in dieser Sprache jede Regung meiner Seele präzise wiedergeben könnte. Ich betete zum Gebieter der Sprache, er möge mir zur Hilfe kommen.

Als der Marshal (so nennt man den amerikanischen Militärangehörigen, der die Zeugen hereinführt) mich in den Gerichtssaal geleitete und ich rechts von mir, etwa drei Meter entfernt, den Käfig mit den Teufeln sah, fiel die Furcht von mir ab und ich spürte, dass ich hier ihr Ankläger und ich der Sieger bin.

Nachdem der Vorsitzende des Gerichts, Lord Lawrence, meinen Eid abgenommen hatte, begann der Vertreter der Anklage Smirnov mich zu befragen.
Zweimal leistete ich der Aufforderung des Marshals, mich hinzusetzen, wie es eigentlich üblich ist, keine Folge und sprach stehend, als sagte ich das Kaddisch für die Toten.

Ich habe nur über Vilna gesprochen. Über das, was ich selbst gesehen und erlebt habe.

Ich sprach über das deutsche System der Vernichtung, welches im Vorfeld genau geplant war. Ich berichtete von den Häschern, die für jeden ergriffenen Juden zehn Rubel vom Sonderkommando bekamen. Ich berichtete über das Massenpogrom in der Nowogródzka und davon, wie die Deutschen mich zwangen, nackt und mit einer Thorarolle in den Armen um ein Feuer zu tanzen. Ich berichtete davon, wie der Gelehrte Noyekh Prilutski, der ehemalige Vorsitzende der Vilnaer Gemeinde, Dr. Yankev Vigodski, der YIVO-Mitarbeiter Pinchas Kon und die jiddischen Künstler Moris Liampe, Khash und Kadish umgebracht wurden; ich berichtete davon, wie ich einen Pantoffel meiner erschossenen Mutter erkannte, und wie mein gerade geborener Sohn im Ghetto-Krankenhaus getötet wurde. Ich berichtete: Schweinberger hat während eines Pogroms im zweiten Ghetto seinen Hund erschossen und den Juden befohlen, den Hund zu begraben und an dem Grab zu weinen. Ja, sagte ich, wir haben dann tatsächlich geweint, dass der Hund unter der Erde liegt und nicht Schweinberger. Dabei zeigte ich auf die Bande der jetzt gefangenen und angeklagten Schweinbergers.

Die Korrespondenten haben sich diesen Satz merklich notiert — und alle Blicke fixierten die Verbrecher.

Zum Schluss las ich die ersten Zeilen eines Dokuments vor, das sich auf den Handel mit der Kleidung der ermordeten Juden bezog und das ich bei der Befreiung Vilnas im Büro des Gebietskommissars Hans Hingst gefunden hatte. Sie lauten:

»Wilna. Rohstoffzentrale. 3. November 1941. An Herrn Gebietskommissar in Wilna. Auf Ihren Befehl desinfiziert zu dieser Zeit unsere Anstalt die alten jüdischen Kleider aus Ponar und übergibt sie der Wilnaer Verwaltung.«

Auf Verlangen von Lord Lawrence habe ich das Dokument ein zweites Mal vorgelesen und es dem Gericht übergeben.Gerichtsmitarbeiter sowie Journalisten sagen mir, dass ich anschaulich, überzeugend und sicher geredet habe.

Streicher, von dessen ausländischem Vermögen ihm nur ein Streifen Kaugummi geblieben ist, den ihm die Amerikaner zuwarfen — keuchte wie ein grüner Frosch in meine Richtung. Frank nahm zeitweise seine dunkle Brille ab und musterte mich mit seinen blutunterlaufenen Augen, als würde er dabei denken: Wart nur, wart nur, dich kriege ich schon noch. Alfred Rosenberg, der Plünderer der jüdischen Kulturschätze, notierte nervös etwas in seinen Unterlagen; und Hitlers Stellvertreter, Kaltenbrunner, der, wie sein Verteidiger sagt, ›für humanitäre Verhältnisse in den Konzentrationslagern gekämpft hatte‹, beugte sich über die Balustrade, als wolle er seine Untergebenen dafür bestrafen, dass sie mich nicht in den Kalkofen geworfen hatten.

Der sowjetische Ankläger Lev Sejnin schüttelte mir die Hand und sagte, dass es sehr gut gewesen sei. Das gleiche sagte der Staatsanwalt Zorja. Starken Eindruck machte, dass ich das deutsche Dokument zu den jüdischen Kleidungsstücken aus Ponar vorlas; und dass das Tribunal das Dokument angenommen hat — sagten mir die Vertreter der Anklage Zorja und Raginskij — sei ein großer Erfolg. Es ist der erste Fall, dass ein Zeuge selbst ein Dokument vorlegte. Smirnov ist sehr zufrieden. »Auch Erenburg wird zufrieden sein«, sagte er mir.

Die Zeugenaussage Avrom Sutzkevers als Audio (in russischer Sprache).

26. Februar

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  11. 26. Februar
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  13. 1. März
  14. 6. März 1946

***

26. Februar:

Den ganzen Tag im Gerichtsgebäude gewartet — aber nicht aufgetreten. Es war keine Zeit. Smirnov sagt, ich soll mich für morgen bereithalten.

25. Februar

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  14. 6. März 1946

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25. Februar:

Die Chancen für mein Auftreten als Zeuge werden immer geringer. Ich bin der Einzige, dessen Auftritt noch nicht feststeht. Außer mir weiß schon jeder in unserer Gruppe, ob er aussagt oder nicht. Dass Tarkovskij, Grigor’ev und der Priester aussagen werden — das ist sicher. Heute wird über mein Schicksal entschieden. Morgen wird die sowjetische Anklage enden. Ich spüre, dass es Ungereimtheiten bezüglich meiner Zeugenaussage gibt. Was soll ich machen? Es ist nicht von mir abhängig. Die Wahrheit ist bitter: Nichts kann ich tun!

Nein, halt! Gerade ist der Vertreter der Anklage Oberst Smirnov bei mir gewesen! Morgen muss ich aussagen, aber — auf Russisch! Werde ich die Prüfung bestehen? Werde ich meine Pflicht vor der Geschichte, vor meinem Volk, erfüllen? Das weiß nur Gott allein!

24. Februar

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  13. 1. März
  14. 6. März 1946

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24. Februar:

Den ersten richtigen Spaziergang durch Nürnberg machten wir erst heute. Das Ausmaß der Zerstörung ist sehr viel größer, als es mir anfangs vorkam. Etwa 80 Prozent der Stadt liegt in Trümmern. Dabei ist bemerkenswert, dass die Amerikaner Nürnberg erst im Januar 1945 bombardierten. Das gesamte Bombardement dauerte nur acht Tage. In diesen acht Tagen wurde die tausendjährige Stadt in Schutt und Asche gelegt.

Der hinkende Deutsche, der uns durch Nürnberg führt, prahlt damit, dass er bis zum Zweiten Weltkrieg zwei Millionen Deutschen die Stadt gezeigt habe. In einem fort präsentiert er uns zerstörte Gebäude: hier hat Hitler eine Parade abgenommen, hier sind die Bierkeller, in denen er Bier trank und die Vernichtung vorbereitete; hier ist die Kirche Sankt Sebaldus, die fünfhundert Jahre alt ist; dort — die Frauenkirche; auf einem Hügel links — das zertrümmerte, zweistöckige grüne Haus, wo Albrecht Dürer wohnte und arbeitete — der deutsche Maler, Bildhauer und Festungsbauer.

Nicht weit von diesem Haus steht wahrhaftig eine große Bronzestatue für Albrecht Dürer. Das Denkmal ist rußgeschwärzt. Der Sockel schwer beschädigt. Und das Auge des Meisters ist von einem Bombensplitter durchschlagen.

Rund um die ganze Stadt, in einem Kreis von acht Kilometern — zwei massive Festungsmauern und dazwischen ein tiefer Graben. Auf den Mauern — Wachtürme. Wir besuchen Nürnbergs ältesten Friedhof. Hier sehen wir das Grab Dürers und eines seiner Gemälde auf der Wand einer Kapelle. In der Kapelle sehen wir auch Skulpturen von Adam Kraft.

Unter den Grabsteinen, acht Meter in der Tiefe, in Katakomben aus rotem Backstein — befinden sich die Särge. An einigen Stellen haben Bomben die Decken zerstört und wir sehen die Särge in der Tiefe deutlich. Interessant sind die Bronze-Basreliefs auf den Grabsteinen, gefertigt im 16. Jahrhundert in Vischers berühmten Gießereien.

Wie ich bei der Rückkehr ins Hotel erfahre, ist es so gut wie beschlossene Sache, dass von unserer Gruppe auf dem Prozess nur vier Zeugen aussagen: Jakov Grigor’ev, der Priester Nikolaj Ivanovic Lomakin, Tarkovskij, der sich aus dem Großlazarett rettete, und ich. Hoffentlich bleibt es bei diesem Beschluss.

Der Zeuge Dovid Budnik, Elektroingenieur, geboren 1911 in Belaja Cerkov’, wohnhaft in Kiev, berichtet mir:

1941 war ich in der Roten Armee mobilisiert. Am 19. September drangen die Deutschen in das von ihnen eingekesselte Kiev vor. Einige Tage später fasste man mich und ich wurde zur Arbeit gezwungen. Von da geflohen. Bei einer zweiten Razzia auf dem Krescatik wurde ich in ein Lager auf der Kerosinnaja ulica abgeführt. Dort befanden sich etwa 3.000 Juden. Fünf ganze Tage gab man ihnen nichts zu essen. Kinder bis zum Alter von 16 Jahren und Menschen über 50 Jahre alt hat man selektiert. Sie wurden abgeführt und wenig später brachte man ihre Kleidung zurück. Ich durchlief mehrere Selektionen und wurde ins Konzentrationslager Syrec hinter Kiev deportiert.

Im Lager Syrec befanden sich einige tausend Menschen unterschiedlichster Nationalitäten, darunter etwa 200 Kiever Juden. Der Kommandant Radomski, stets in Begleitung seines Hundes Rex, dachte sich die wüstesten Folterungen aus. So befahl er etwa seinem Opfer eine hohe Pappel hinaufzuklettern, am Wipfel einen Strick anzubinden und den Strick auf die Erde zu werfen; dann befahl er den Baum abzusägen und an dem Strick zu ziehen — bis das Opfer mit dem Baum herunterfiel und starb.

Am 18. August 1943 selektierten die Deutschen aus dem Lager hundert Gefangene, darunter 60 Juden, der Rest Ukrainer und Russen und verschleppten uns nach Babij Jar. Dort führte man uns Unglückliche zu einem Graben hinunter, legte unsere Füße in Ketten und sperrte uns in einen Bunker. Man befahl uns die Toten auszugraben und sie zu verbrennen. Unser Kommandant hieß Topheide. Nach einigen Tagen kamen weitere 350 Personen zu uns. Die Deutschen nannten uns Leichenverbrenner ›Figuren‹ — so wie sie auch die Leichen bezeichneten.

Jeden Tag erreichten Gaswagen Babij Jar und luden 60–70 Vergaste aus. Wir hörten ständig aus den Gaswagen verzweifelte Schreie. Wenn die Tür sich öffnete — waren einige Menschen noch halb lebendig. Die Deutschen erschossen sie dann. Es gab nur einen Fall, bei dem ein Kirovgrader am Leben blieb. Im Gaswagen benetzte er sein Hemd mit Urin und hielt es sich vor Nase und Mund, so dass das Gas nicht durchdrang.

Nachdem wir alle Toten verbrannt hatten — etwa 80.000, sahen wir, wie eine zweite Gruppe zwei große Öfen baute. Wir verstanden sofort, dass diese Öfen für uns sind.

Fast von Anfang an existierte im Bunker eine Untergrund-Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hatte, zu fliehen. In der Nacht des 29. Septembers 1943 haben wir mit einem Schlüssel, den wir bei den Toten gefunden hatten, die Bunkertür geöffnet, brachen aus und stürzten uns mit lautem Gebrüll auf die Deutschen. Nach einem kurzen Kampf, bei dem einige Deutsche fielen, verteilten wir uns über das Tal. So wie wir, brachen auch die Leichenverbrenner aus dem zweiten Bunker aus und stürzten sich mit Spitzhacken auf die Deutschen. Sofort wurden Leuchtraketen gezündet. Von allen Leichenverbrennern blieben 14 am Leben. Unter ihnen: Vladimir Davidov, Iankl Kaper, Leonid Ostrovski, Vladimir Kuklia, Chaim Vilkins, Leonid Doliner, Ziame Trubakov, Brodski, Dovid Budnik, Volodye Kotliar und Senia Berliand.

23. Februar

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  11. 26. Februar
  12. 27. Februar
  13. 1. März
  14. 6. März 1946

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23. Februar:

Unterdessen ist noch immer unklar, wann wir aussagen werden. Wahrscheinlich wird ein Teil unserer Zeugen überhaupt nicht zu Wort kommen. In Kürze wird es sich zeigen. Falls ich nicht aussagen werde, wird es wenigstens nicht meine Schuld sein. Es würde mich in der Tat sehr verärgern, aber ich kann nichts daran ändern.

Heute habe ich einen Spaziergang durch Nürnberg gemacht. Halb zerstörte gotische und vorgotische Kirchen. Die Stadt ist voll von Mittelalter. Überall alte Schlösser und Festungen.

Ich lese deutsche Zeitungen. Allenthalben diskutiert man über das ›Entnazifizierungsgesetz Nr. 8‹. Das heißt, die Entlassung ehemaliger Nazis aus den Unternehmen. So ist zum Beispiel der Leiter der Berliner Philharmoniker, der weltberühmte deutsche Dirigent Wilhelm Furtwängler, wegen der Zusammenarbeit mit Hitler entlassen worden. Die amerikanische Presse schreibt, dass in der Nürnberger Stadtverwaltung noch immer um die 1.000 ehemals aktive Nationalsozialisten arbeiten. Ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung verteidigt sich in der Zeitung Nürnberger Nachrichten, es seien nicht 1.000, sondern nur 900. Die Deutschen sind jetzt in viele Kategorien eingeteilt. Nationalsozialisten und Militaristen werden entlassen und zum Teil inhaftiert. Dafür geht man mit den ›Mitläufern‹ nachsichtiger um. Sie haben sogar das Recht, den Parteien beizutreten. Auch Jugendliche werden gesondert betrachtet. An jeder Organisation, jedem Klub und jedem Vorhaben müssen sieben ausgewiesene Antifaschisten beteiligt sein. Und bei jeder Sitzung müssen wenigstens fünf von ihnen anwesend sein.

Mit unseren Zeugenaussagen wird es immer komplizierter. Wie ich gerade erfahren habe, werden wohl nur vier Personen als Zeugen auftreten (zusätzlich zu Orbeli, der ja schon ausgesagt hat). Wer sind die vier? Werde ich dazu gehören? Das weiß nur Gott allein.

22. Februar

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  14. 6. März 1946

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Nürnberg, 22. Februar:

Rudenko ist schon informiert, dass ich auf Jiddisch aussagen will. Er wird sich wegen dieser Angelegenheit heute mit dem Hauptankläger Jackson besprechen. Falls es nur technisch irgend möglich ist, werde ich Jiddisch reden. Andere Hindernisse gibt es für mein Gefühl nicht. Tatsächlich ist es beim Prozess der erste Fall, bei dem auf Jiddisch ausgesagt werden soll. Ich bitte Gott, dass sich ein Übersetzer findet. Unterdessen mache ich mir Notizen anhand meiner mitgebrachten Materialien.

Je länger ich die Deutschen beobachte, ihre stumpfsinnigen, lakaisch-unterwürfigen Visagen — umso verständlicher wird mir, warum Hitler gerade hier ausgebrütet wurde. Genau betrachtet hat Hitler ihnen viel gegeben: er hat die Juden ermordet oder aus Deutschland vertrieben und ihr Vermögen riss sich die ›auserwählte Rasse‹ unter den Nagel; er hat Länder erobert und die Deutschen zum ›Herrenvolk‹ erklärt. Was brauchten sie mehr? Die Masse liebt es, geführt zu werden. Wozu selbst denken, wenn in Nürnberg oder Berlin ein Hitler sitzt, der es besser weiß und klüger ist als der Rest der Welt?

Interessant: Vor einem Monat gab es in Bayern Wahlen. Fast 90 Prozent der Stimmen bekamen die ›Christlich-Demokratische Partei‹ und die ›Parteilosen‹ — eigentlich die ehemaligen Hitler-Anhänger, welche heute unparteiisch sind … Die Kommunisten und Sozialisten haben nur wenige Mandate bekommen.

Ein Zeuge unserer Delegation, das Akademiemitglied Orbeli, ist heute schon beim Prozess aufgetreten. Er hat etwa fünfzehn Minuten darüber geredet, wie die Deutschen in Leningrad Kulturdenkmäler zerstörten. Wie man mir mitteilt, hat seine Aussage einen sehr starken Eindruck hinterlassen. Er hat überlegt geredet und die Fragen der Verteidigung schlagfertig pariert.

Wann ich meine Aussage machen werde und ob die Sprachfrage schon geklärt ist — das weiß ich immer noch nicht. Ich bin nervös und zweifle daran, dass sich ein Übersetzer finden wird.

Es zeigt sich, dass die Amerikaner den Deutschen am feindlichsten gegenüberstehen. Im Gericht in Nürnberg gibt es ein Restaurant, wo die Ankläger, Richter und Übersetzer während der Pausen einen Imbiss zu sich nehmen. Auf der Tür steht geschrieben: Für Deutsche — welche Ämter sie auch immer inne haben — ist der Zutritt zum Restaurant verboten (gemeint sind die deutschen Verteidiger, Übersetzer und dergleichen mehr).

In der amerikanischen Presse wird heftig diskutiert, ob es den amerikanischen Soldaten erlaubt sein solle, deutsche Frauen zu heiraten. Bisher ist es verboten. Auch Frau Roosevelt, die eben von ihrer Deutschlandreise zurückkehrt, meint, dass es amerikanischen Soldaten nicht erlaubt sein solle, deutsche Frauen zu heiraten.

Heute abend sah ich, wie bei unserem ›Grand Hotel‹ eine junge Deutsche spazierte
und mit einem amerikanischen Soldaten anzubandeln versuchte. Gemeinsam mit einem Kameraden verprügelte der Amerikaner die Deutsche so heftig, dass sie bewusstlos zu Boden fiel. Währenddessen gingen zornig blickende Deutsche vorbei, die sich aber nicht trauten stehenzubleiben.