Vor 75 Jahren: Avrom Sutzkever in Deutschland

  1. Vor 75 Jahren: Avrom Sutzkever in Deutschland
  2. 17. Februar 1946
  3. 18. Februar
  4. 19. Februar
  5. 20. Februar
  6. 21. Februar
  7. 22. Februar
  8. 23. Februar
  9. 24. Februar
  10. 25. Februar
  11. 26. Februar
  12. 27. Februar
  13. 1. März
Arndt Beck (Hg.), In Sodom — Avrom Sutzkever in Deutschland, Leipzig, Berlin 2020

Heute vor genau 75 Jahren begann in Moskau die Reise des jiddischen Dichters Avrom Sutzkever nach Deutschland, um für den sowjetischen Ankläger beim Nürnberger Prozess als Zeuge auszusagen. Aus diesem Anlaß poste ich in den kommenden Wochen täglich seine Tagebucheindrücke, die kommentiert und begleitet von Gedichten und Zeichnungen unlängst von mir bei Hentrich & Hentrich herausgegeben wurden.

Rezension:

4. Januar 2021, Leipziger Internet Zeitung

***

Moskau, 16. Februar 1946:

Mit Mühe und Not heute von Vilna nach Moskau gelangt. Wäre Kravetski, der Verwalter der Vilnaer Philharmonie nicht gewesen — niemals hätte ich ein Ticket erhalten und hätte so die ganze Angelegenheit verpasst. In Moskau — große Aufregung. Alle suchen mich. Erenburg rief zweimal bei mir an. Teumin vom Informbüro ist sich sicher, dass ich zu spät bin. Ich darf gar nicht daran denken. Ich habe wahrhaftig das Auftreten als Zeuge bei diesem Prozess von welthistorischer Bedeutung verpasst? Ich rufe Chomic an, von dem mein Auftritt abhängt. Seiner Antwort nach bin ich mir sicher, dass ich zu spät angekommen bin.

Ich gehe hinunter auf die Straße, ins Komitee. Freydke ist nervös, obwohl sie glaubt, dass ich auf jeden Fall fahre. Ich rufe Erenburg an — fühle mich ihm gegenüber schuldig, war er es doch, der mich zum ersten Kandidaten der Anklage erklärte, und am Ende — zu spät. Er antwortet mir aber bestimmt, dass ich es weiterhin telefonisch versuchen soll.

Als ich abends zurückkomme, ist zu Hause alles in Aufruhr. Schon vier Anrufe vom Komitee, dass ich sofort kommen soll. Heißt das, doch nicht zu spät? Mit meinem Bündel Material laufe ich los. Man macht ein Protokoll meiner Zeugenaussage, das Ganze dauert fünf Stunden.


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